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20.07.2011
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TV-Serie "Game of Thrones"

Kabale, Hiebe und Geschwisterliebe

Von
HBO

Kopf ab und Klamotten runter: In der Fantasy-Serie "Game of Thrones" wird munter vor sich hin intrigiert und kopuliert. So weit, so normal für ein modernes TV-Spektakel. Doch der US-Sender HBO liefert mit dem Epos handwerklich perfekte und schauspielerisch starke, kurz: glänzende Unterhaltung.

Der Winter kommt. So banal dieser Satz auch klingen mag, er stimmt ja nun leider doch jedes Jahr wieder aufs Neue, auch wenn man sich das gerade überhaupt nicht vorstellen mag, jetzt, im Sommer. Noch weniger können sich die Bewohner des fiktiven Kontinents Westeros ihren Winter vorstellen, einen wesentlich kälteren, umbarmherzigeren, tödlicheren Winter, als wir ihn kennen: Selbst wenn dort der Schnee fällt und Eiseskälte herrscht, nennen sie das noch Sommer. Und dieser Sommer dauert nun schon viele Jahre, die Jahreszeiten wechseln in ihrer Welt langsamer als bei uns, und die Kinder wissen dort noch gar nicht, was ein wirklicher Winter ist. "Der Winter kommt", raunen sich die Älteren zu, das bedeutet: Man muss sich vorbereiten auf harte Zeiten. Zieht Euch warm an.

Mit diesem Raunen beginnen die harten Zeiten in der US-Serie "Game of Thrones": In den "Sieben Königreichen" herrscht ein brüchiger Friede, seit Robert Baratheon (Mark Addy) vor etwa siebzehn Jahren nach einem Bürgerkrieg den Thron als Robert der Erste bestiegen hat. Sein Chefberater, die "Hand des Königs", stirbt, der König reist gen Norden, wo sein alter Freund Eddard Stark (Sean Bean) regiert, der Lord von Winterfell, um diesen zu seiner neuen "Hand" zu machen. Bald keimt der Verdacht, die alte "Hand" sei ermordet worden, im Palast intrigieren und kopulieren des Königs zweite Frau Cersei (Lena Headey) und ihr Zwillingsbruder, des Königs Leibwächter Jaime Lannister (Nikolaj Coster-Waldau), ein Schönling, der seinerzeit den alten König hinterrücks gemeuchelt hat. Im Osten verbünden sich die letzten Überlebenden des entmachteten Königshauses Targaryen mit wilden Horden, und hoch im Norden, hinter einer gigantischen Mauer, lauern Untote in der waldigen Wildnis.

Explizite Brutalität und Oben-Ohne-Erotik

So weit, so herkömmlich kompliziert für eine auf viele Folgen angelegte Fantasy-Saga mit Mittelalter-Flair: ein wenig "Herr der Ringe", gemischt mit politischen Ränkespielen à la "West Wing" und einem Schuss Ästhetik aus "Troja", angereichert mit für das aktuelle US-Erwachsenenfernsehen mittlerweile typischer expliziter Brutalität und Oben-Ohne-Erotik: Es wird geredet, geritten, bei Bedarf geköpft und ausführlich einander beigewohnt, vor allem die Wilden aus dem Südosten mögen es a tergo.

Vor zwei Jahren wagte es der Sender NBC, die heutigen USA für die Serie "Kings" in eine Monarchie zu verwandeln, mit einem brutal-sympathischen König Silas Benjamin an der Spitze und New York als Kulisse für die Hauptstadt Shiloh. Das ambitionierte Experiment endete nach nur einer einzigen Staffel, was daran liegen mochte, dass selbst ein hervorragender Schauspieler wie Ian McShane in der Hauptrolle es nicht schaffte, diesen Verschnitt der nun doch schon ziemlich angestaubten biblischen König-David-Geschichte glaubhaft in die Jetztzeit zu transportieren. "Game of Thrones" hat die Romanserie "Das Lied von Eis und Feuer" von George R. R. Martin zur Vorlage, das Konzept der Serie sieht vor, in jeder Staffel einen Band zu verfilmen, und so hat die Geschichte genügend Zeit, ihre zahlreichen Charaktere ordentlich zu entwickeln. Hält auch der TV-Erfolg an, können sich die Fans auf mindestens sieben Jahre Thronfestspiele freuen: Fünf Bände hat Martin bereits geschrieben, zwei weitere sind geplant.

"Game of Thrones" hat sich in den USA und Großbritannien schnell zum Publikumsrenner entwickelt, der auf herausragende Erzählserien spezialisierte Bezahlsender HBO (ihm sind die Zuschauer für "Die Sopranos", "Six Feet Under" oder auch "The Wire" zu ewigem Dank verpflichtet) hat bereits zwei Tage nach der Ausstrahlung der Pilotfilms eine zweite Staffel geordert, bei den diesjährigen Emmys konnte "Game of Thrones" aus dem Stand eine Nominierung für die Auszeichnung als beste dramatische Serie ergattern, und es darf als wahrscheinlich gelten, dass das Fantasy-Epos diesen Preis auch erhalten wird.

Mit soldatischer Tugend gegen inzestuöse Verschlagenheit

Denn "Game of Thrones" bietet alles, was eine US-Serie heute erfolgreich machen kann: eine komplexe Handlung, ein brillantes Ensemble und vor allem eine höchst professionelle Kombination aus immer wieder erzählten Geschichten, dann doch überraschenden Wendungen und Bezügen zur aktuellen Realität der Vereinigten Staaten von Amerika.

Da sind einerseits die Grundguten, allen voran der treue Eddard Stark, den vor allem soldatische Tugenden auszeichnen, nebenher ist er selbstredend ein liebender Familienvater und bezahlt sogar seiner kleinen Tochter, die lieber Ritterin werden will als Burgfräulein, den Schwertkampfunterricht. Ein Held, wie ihn die amerikanischen Zuschauer wohl in der realen US-Army imaginieren sollen.

Da sind auf der anderen Seite die offenkundig Bösen wie Königin Cersei und ihr Bruder Jaime, schlau, verschlagen, immer einen finsteren Plan im Schilde führend, aber das reicht noch nicht aus, sie überschreiten dazu noch sexuelle Grenzen: Schockierende Geschwisterliebe ist die Wurzel ihrer Verkommenheit. Oder der Reiterkönig Khal Drogo (Jason Momoa), dessen nordafrikanisch anmutende Horden offenkundig talibanhaft durch die Landschaft marodieren und ihre versklavten Frauen behandeln wie Tiere.

Und dazwischen changieren die Undurchschaubaren wie der kleinwüchsige Bruder der Königin, Tyrion Lannister, eine dankbare, dabei höchst unterhaltsam gespielte Rolle für Peter Dinklage: ein belesener, witziger Mann, in erster Linie auf den eigenen Vorteil bedacht, aber, man ahnt es bereits in der ersten Folge, im Innersten hat er ein gutes Herz. Im Palast regieren derweil die Berater des meist mit seinen Gespielinnen beschäftigten, vom Alkohol aufgeschwemmten Königs, wenig vertrauenswürdige Wesen allesamt: So sieht sie aus, die politische Klasse des fiktiven Mittelalters, und naheliegend ist es, in ihr ein Abbild der realen sehen zu wollen.

Im Einzelnen abgeschmackt, insgesamt überzeugend

Man mag das alles im Einzelnen für abgeschmackt halten, im Gesamtbild ergeben diese handwerklich hervorragend verwobenen Versatzstücke und die überzeugende schauspielerische Leistung jedoch einen Spannungsbogen, dem man sich schwer entziehen kann: "Game of Thrones" ist nichts anderes als beste Fernsehunterhaltung.

Im deutschsprachigen Raum wird das Königsspiel erstmals ab 2. November auf dem digitalen Bezahlsender "TNT Serie" ausgestrahlt werden, dankenswerterweise in HD und im Zweikanalton. Hier ist auch die jüngst angelaufene Alien-Rebellion "Falling Skies" zu finden und das ebenfalls für die Emmys hochgehandelte Prohibitions-Epos "Boardwalk Empire" mit Steve Buscemi, und allein diese drei Produkte sollten dem deutschen Serienjunkie Anlass genug sein, darüber nachzudenken, sich vielleicht doch einmal einen nicht nur halblegalen Zugang zu heißer US-Ware zu verschaffen - spätestens im Herbst, wenn die Tage merklich kürzer werden und das TV-Gerät die dunklen, kalten Abende wieder in blaues Licht tauchen wird. Denn selbst, wenn man es sich jetzt noch nicht vorstellen mag: Der Winter kommt.

Forum

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insgesamt 210 Beiträge
1. _
M@ESW 20.07.2011
In den USA und England seit Wochen vorbei, in Deutschland erst in Monaten zu sehen, was soll dieser Thread?
In den USA und England seit Wochen vorbei, in Deutschland erst in Monaten zu sehen, was soll dieser Thread?
2. he he
kuriosos 20.07.2011
so wird aus einem geheimtipp public domain =) blöderweise merkt man dem autor an das er weder die serie gesehen haben zu scheint, noch einen mehr als cursory glance auf die bücher geworfen hat. was seine taliban a tergo und [...]
so wird aus einem geheimtipp public domain =) blöderweise merkt man dem autor an das er weder die serie gesehen haben zu scheint, noch einen mehr als cursory glance auf die bücher geworfen hat. was seine taliban a tergo und ähnliche verballhornungen anbelangt, stellt sich mir doch ernsthaft die frage warum der autor derartige analogien bemüht. glaubt er tatsächlich das keiner mehr etwas mit macchiavelli mongolischen horden england im mittelalter etc pp anfangen kann? oder ist er derartig unbelesen das ein derartig schlechter text dabei herauskommt? naja wie dem auch sei, die serie ist noch sehr viel besser als es dieses geschreibsel vermuten lässt. wobei der hinweis am ende, auf die bücher nicht fehlen darf. die sogar noch besser als die hbo produktion sind.
3. ...
husker 20.07.2011
Geniale Serie. Schon gesehen und für sehr gut befunden. Leider zeichnet sich ab, dass der Cast der zweiten Staffel mit mehr oder minder unbekannten Gesichtern aufgefüllt wird. Ein Star-Bonus bei den Einschaltquoten wird man [...]
Geniale Serie. Schon gesehen und für sehr gut befunden. Leider zeichnet sich ab, dass der Cast der zweiten Staffel mit mehr oder minder unbekannten Gesichtern aufgefüllt wird. Ein Star-Bonus bei den Einschaltquoten wird man demnächst also nicht erwarten können, was sicherlich dazu führen wird, dass man nicht alle Bücher Martins verfilmen wird können - aus Kostengründen, wie bei HBO eigentlich meistens eine Absetzung begründet wird.
4.
Der Meyer Klaus 20.07.2011
Seit ein paar Tagen ist Buch 5 draußen. Das soll es wohl. Und Zeit für die Charaktere hat die Serie definitiv nicht. Da wurde gekürzt was das Zeug hält, sogar ganze Schlachten einfach mal entfernt. Figuren fehlen, Rollen [...]
Zitat von M@ESWIn den USA und England seit Wochen vorbei, in Deutschland erst in Monaten zu sehen, was soll dieser Thread?
Seit ein paar Tagen ist Buch 5 draußen. Das soll es wohl. Und Zeit für die Charaktere hat die Serie definitiv nicht. Da wurde gekürzt was das Zeug hält, sogar ganze Schlachten einfach mal entfernt. Figuren fehlen, Rollen anderen zugemünzt und selbst Charakterzüge umgedichtet. Dinge die eigentlich erst in späterem Verlauf ersichtlich sein sollten werden in den ersten Folgen dem Zuschauer mit nacktem Arsch ins Gesicht gedrückt. Eine gute Serie, keine Frage, aber keine würdige Umsetzung der Bücher.
5. illegal
pappel 20.07.2011
jetzt kann ich mich wieder mal entscheiden ob ich jetzt geduldig warte bis irgendwann mal hier was im Fernsehen läuft, oder ich klicke bei einem Hoster wie Megaupload einmal kurz und habe es nach 10 Minuten auf der Festplatte. [...]
Zitat von M@ESWIn den USA und England seit Wochen vorbei, in Deutschland erst in Monaten zu sehen, was soll dieser Thread?
jetzt kann ich mich wieder mal entscheiden ob ich jetzt geduldig warte bis irgendwann mal hier was im Fernsehen läuft, oder ich klicke bei einem Hoster wie Megaupload einmal kurz und habe es nach 10 Minuten auf der Festplatte. Natürlich gehören wir alle zu den Guten und warten geduldig bis sich irgendwelchen irren Lizenznehmer, -geber, -verwerter, -unterlizensierer, -onlinevermarkter etc etc in Deutschland geeinigt haben. Oder falls man zufällig eine US Ip Adresse hat, geht es auch auf Hulu. Deuschland ist eine Insel........

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