14.11.2011
Hartz-Porträt in der ARD
Auch Du, mein Sohn Oskar?
Von Christian BußMan kann von Peter Hartz halten, was man will: Schweigen kann er. Ein gutes halbes Jahrzehnt hat er jede Kamera gemieden, vor der er sein Handeln hätte erklären können. Dafür nahm er bei Gerichtsverhandlungen, wo auf der Straße aufgebrachte Demonstranten auf ihn warteten, um ihn zu beschimpfen, den Haupteingang.
Den Mund halten, um sich abwatschen zu lassen - das ist das Gegenteil von dem, wie sich andere in Verruf geratene Politiker und Manager aus der Affäre zu ziehen pflegen. Die nehmen den Hintereingang, um sich ungestört eine Kamera zu suchen, um ihre Version der Ereignisse zu erzählen.
Ist Peter Hartz also einfach nur stur, oder hat er Größe?
Folgt man Lutz Hachmeisters TV-Porträt "Auf der Suche nach Peter Hartz", hat er Größe. Seine filmische Annäherung an den Mann, der mit seinem Namen sowohl für einen der größten Unternehmensskandale der Nachkriegsgeschichte als auch die wichtigste Arbeitsmarktreform steht, ist als Tragödie mit Peter Hartz als umfassend und ausweichlich scheiternden Helden angelegt. Eine sauber gearbeitete Dramaturgie - in der sich die Hauptperson gut aufgehoben fühlen dürfte, weil sie eben das tut, was sie am besten kann: schweigen.
Alleine die Szene, wo ihn der Filmemacher mit den Tiraden konfrontiert, mit der der Linke-Politiker Oskar Lafontaine ihn nach der Verabschiedung der Hartz-IV-Gesetze auf Kundgebungen traktierte. Die beiden Saarländer Lafontaine und Hartz hatten Anfang der achtziger Jahre, in der Krise der Montan-Industrie, den schwierigen Strukturwechsel in ihrem kleinen Bundesland relativ sozialverträglich durchgeführt; der eine als blutjunger Ministerpräsident, der andere als erfahrener Personalrat der Dillinger Hütte, dem wichtigsten Stahlwerk der Region.
Zerrieben zwischen den Fraktionen
Und was tat Lafontaine 25 Jahre später? Verunglimpfte Hartz als Sozialmonster! Hartz' Reaktion im ARD-Film: Ein großes tonloses Aufstöhnen, das aus der Tiefe seines verdüsterten Herzens zu kommen scheint. Auch Du, mein Sohn Oskar?
Erstaunlich, wie wenig Konkretes uns Peter Hartz mitzuteilen hat. Dabei ist Lutz Hachmeister ( "Sozialdemokraten") ein Filmemacher, in dessen Gegenwart die Vertreter oder Ex-Vertreter der Macht zuweilen recht redselig werden. Hier aber lässt er sich auf den Koppeln der Saarländer Landschaft ein bisschen von der harten Arbeiter-Kindheit erzählen und beobachtet den jetzt 70-jährigen Hartz, wie er in Gemeindezentren Arbeitslosen unter die Arme greift. Sein neues Konzept: Minipreneur, eine Art Weiterführung der Ich-AG-Idee.
Leute in Arbeit bringen zu wollen, das war nach Hachmeisters Deutung immer das große Glück von Hartz. Und eben das große Unglück. Als Kind eines Hütten-Malochers war für ihn der Zustand in "Arbeit zu sein" immer das höchste Gut eines Menschen. Und bei seinem Aufstieg als Arbeitsbeschaffer hat er sich, so die Erzähllinie des ARD-Films, in Machtkonstellationen verstrickt, die er irgendwann nicht mehr kontrollieren konnte. Tragisch eben.
Als Vorstand von VW zerrieb er sich demnach zwischen den Fraktionen Ferdinand Piëch und IG-Metall auf der einen Seite sowie Bernd Pischetsrieder und Christian Wulff auf der anderen. Schmiergeld und Lustreisen hatte er demnach nur mitgetragen, um VW als Arbeitgeber für die Arbeitnehmer am Laufen zu halten. Und als Namenspatron der Hartz-IV-Reform stand er auf einmal als Erfinder eines Gesetzes dar, dessen Finalversion er so gar nicht formuliert hatte.
Einsam im 13. Stock
Das ist denn auch die einzige Stelle in Hachmeisters Porträt, in der Hartz ganz konkret wird und Summen nennt, die er als Hartz-IV-Regelsatz vorgeschlagen hat. Ansonsten gibt er wenig preis; versucht nicht, sein Handeln zu legitimieren. Muss er ja auch nicht, fast alle alle, die in der Doku zu Wort kommen, verteidigen ihn und zeichnen ihn als Opfer der eigenen guten Ambitionen. Wenn nicht gar als Opfer des intriganten Polit- und Wirtschaftsbetriebs.
So werden selbst Hartz' eigene Verstrickungen in den Rotlichtsumpf während der VW-Affäre aufs Menschlichste wegargumentiert: Nie, so sagt Wolfgang Kubicki (FDP), der in der VW-Untersuchungen als Anwalt involviert war, würde Peter Hartz für eine Frau bezahlen, dafür würde er viel zu sehr gemocht werden.
Als Höhepunkt dieser tragischen Verstrickung wird die Nacht beschrieben, nachdem die "Bild"-Zeitung Hartz' Affäre mit einer brasilianischen Prostituierten enthüllt hatte. Der tragische Held sitzt alleine im 13. Stock seines VW-Vorstandsbüros; der Chef der Werkssicherheit ist der einzige, der vorbeischaut - um ihn seinen Schweizer Armeerevolver abzunehmen.
Das tödliche Finale der Tragödie ist also ausgeblieben. Am Ende sieht man Hartz im - klar - VW durch die saarländischen Gemeinden fahren, um in kleinen Kaffeerunden seine Idee von den Minipreneurs zu verbreiten. So macht Peter Hartz am Ende dieser sonderbar widerspruchsfreien TV-Biografie, was er immer getan hat. Leute in Arbeit bringen. Was denn sonst.
"Auf der Suche nach Peter Hartz", Montag 22.45 Uhr, ARD

