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23.02.2012
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TV-Serie "Smash"

Marilyn, du musst uns retten!

Von Nina Rehfeld
AP/ NBC

Große Stars, großes Budget: Die Musical-Serie "Smash" dreht sich um das Leben von Marylin Monroe - und begeistert die US-Fernsehzuschauer. Die Glamour-Produktion soll den Sender NBC aus dem Quotenloch holen, nebenbei könnte sie Steven Spielberg einen satten Zusatzverdienst bescheren.

"Ein Musical über Marilyn Monroe?", fragt Broadway-Autor Tom (Cristian Borle) mit einem Anflug von Entsetzen. Man möchte ihm - heimgesucht von einer Vision stümperhafter Neuinterpretationen von "Diamonds are a girl's best friend" - nur zustimmen. Aber es ist das Verdienst von NBCs heiß erwarteter neuer Serie "Smash", dass sie Klischees nur als Vorlage für eine erfreulich vielschichtige Story benutzt, die mehr ist als die abgenutzte Saga des aufstrebenden Sternchens.

"Smash" ist ein Ensemble-Stück um die schwierige Verwirklichung eines Musical-Projekts in New York. Es dreht sich um die Autoren Tom und Julia (Debra Messing, "Will & Grace"), um die von einer hässlichen Scheidung gebeutelte Produzentin (Oscar-Gewinnerin Angelica Huston), um einen genialen, wegen seines arroganten Machismo aber vielgehassten Regisseur (Jack Davenport). Und auch, na gut, um zwei Sternchen, die um die Hauptrolle konkurrieren: das rehäugige Landei Karen Cartwright (Katharine McPhee) und das dralle Showgirl Ivy Lynn (Megan Hilty).

Gleich zu Beginn skizziert Julia ihre Vision des Musicals, und damit auch die Ausrichtung von "Smash": Marilyn Monroe stehe vor allem dafür, "wie sehr sie lieben und geliebt werden wollte". Es gibt in der Serie überhaupt vielfältige Verschachtelungen der Realität, von Christina-Aguilera-Songs bis zur entnervten Frage des Regisseurs, warum Scarlett Johansson nicht unter den Bewerberinnen für die Titelrolle sei ("Wir sind mit ihren Leuten im Gespräch", sagt die Produzentin).

Ein entsättigter Farbton der Szenen hinter den Kulissen unterstreicht die Tatsache, dass die Serie eine Show über eine Show ist - erst wenn die Darsteller singen oder tanzen, wandelt sich das glanzlose Übungsstudio (oder das Badezimmer oder der Vorsprech-Raum) in eine schillernde Broadwaybühne.

Realisiert wird "Smash", das in den vergangenen Monaten mit fast schon beispielloser Aggressivität beworben wurde, vor allem von Theaterleuten. Darunter die Broadway-Autorin Theresa Rebeck und die Songschreiber Marc Shaiman und Scott Whitman, die 2002 John Waters' Kulthit "Hairspray" für den Broadway adaptierten. Vielleicht ist "Smash" auch deshalb erwachsen und komplex - und im Kern ein Stück über die schwierige Kunst, dem Publikum das Herz zu öffnen.

Steven Spielberg will weiterverwerten

"Smash" ist außerdem dickaufgetragenes Drama. "Schwule Männer machen mich wahnsinnig", sagt Choreograph Derek über den Autor Tom, und ein tatsächlich existierender Theaterkritiker der "New York Post" wird als "napoleonischer, kleiner Nazi" verunglimpft. Zudem hat die Serie mit dem effektvoll in Szene gesetzten New York als Hintergrund und einer angeblich 7,5 Millionen Dollar teuren Pilotfolge bereits jetzt enormen Schauwert bewiesen.

Der Aufwand, den NBC hier betreibt, kommt nicht von ungefähr. Der New Yorker Sender ist abgeschlagener Quotenletzter unter den vier US-Networks. Einst Heimat von Hits wie "Seinfeld", "Friends" und "Emergency Room" hat NBC zwar mit Sitcoms wie "30 Rock" und "Community" Kritikerdarlings im Programm, doch das Publikum schaltet lieber bei CBS, ABC oder Fox ein.

Anfang 2011 wechselte der Sender von General Electric in die Hände des Kabelanbieters Comcast Corp. Mit Bob Greenblatt wurde ein Mann an die Spitze gesetzt, der einst "Akte X" und "Beverly Hills, 90210" aus der Taufe hob und für Serien wie "Nurse Jackie" und "Dexter" verantwortlich zeichnete. Greenblatt, zuletzt Programmchef beim Bezahlsender Showtime, brachte von dort nun auch sein Steckenpferd "Smash" mit.

Dass NBC im sing- und tanzsatten Programmplan des US-Fernsehens auf ein Musical setzt, mag damit zusammenhängen, dass sich das Genre in jeder erdenklichen Erscheinungsform als Quotengold erwiesen hat. Die Castingshow "American Idol", der "Smash"-Shootingstar Katherine McPhee entstammt, zieht in ihrer elften Staffel noch immer mehr als 20 Millionen Zuschauer an, die Me-too-Formate "X-Factor" und "The Voice" kommen jeweils auf ein zweistelliges Millionenpublikum, und mit "Glee" existiert bereits eine fiktionale Version der Sing- und Tanz-Lust, die sich zum Popkultur-Phänomen gemausert hat.

Aber "Smash" ist kein Highschool-Musical, sondern eine Franchise-Idee von Steven Spielberg, was der Serie potentiell noch weitere Existenz-Ebenen hinzufügt. 2009 - "Glee" war gerade angelaufen - entwickelte Spielberg die Idee einer Serie über Musical-Produktionen, deren TV-Popularität nun wiederum die Grundlage für eine tatsächliche Broadway-Adaption hätte sein können.

Mit derlei Expansionsfantasien könnte es allerdings bald vorbei sein: "Smash" debütierte mit soliden, wenn auch nicht überwältigenden 11,5 Millionen Zuschauern, machte aber seinem Titel (zu deutsch etwa "ein Knüller") bisher keine Ehre. Die dritte Episode schalteten mit 6,47 Millionen jetzt nur noch etwas mehr als halb so viele Zuschauer ein. Vielleicht wird damit neben NBCs Traum von einem Smash-Hit eine womöglich geplante weitere Realityshow sterben: ein Casting-Wettbewerb zur Broadway-Version des "Marilyn"-Musicals.

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