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22.02.2012
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Massiver Programmumbau

Der RBB rasiert sich selbst

Von Stefan Niggemeier
rbb

RBB-Programmdirektorin Claudia Nothelle: "Schlagartig die Zuschauer weggeblieben"

Der Rundfunk Berlin-Brandenburg baut nach Informationen von SPIEGEL ONLINE in großem Stil sein Fernsehprogramm um - und schraubt auf der Suche nach besseren Quoten auch an populären Formaten herum. Mitarbeiter fürchten nun, dass so das ohnehin kleine Stammpublikum verprellt wird.

Berlin - Die Talkshowflut im Ersten hat ihr erstes Opfer, aber es heißt nicht Reinhold Beckmann oder Frank Plasberg, sondern Marco Seiffert. Erst seit einem halben Jahr moderiert der 40-Jährige die politische Talkshow "Klipp & Klar" im RBB-Fernsehen mit einer angenehm genreuntypischen Schluffigkeit. Es war eine Sendung, die nicht die Muffigkeit vieler RBB-Produktionen atmete. Doch insbesondere, wenn die Redaktion kein eigenes Thema fand, sondern wie in dieser Woche mit der Frage "Joachim Gauck - der Präsident für alle?" im großen endlosen Plauderstrom mitschwamm, gab es wenig Gründe einzuschalten. Entsprechend schlecht war die Quote.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE stellt der RBB "Klipp & Klar" zum Sommer ein. Die Absetzung ist Teil eines großen Umbaus - einige im Haus sprechen von einem "nie dagewesenen Kahlschlag".

Dass der RBB etwas tun muss an seinem Fernsehprogramm, steht außer Frage. Es war im vergangenen Jahr das am wenigsten gesehene Dritte Programm. Programmdirektorin Claudia Nothelle hatte Mitte Dezember erstaunlich offen die Probleme und ihre Ratlosigkeit eingestanden. "Fakt ist", sagte sie in der "Berliner Zeitung", "dass seit Januar [2011] schlagartig die Zuschauer weggeblieben sind, obwohl wir am Programm nichts Grundlegendes geändert haben."

Servicesendungen weichen Experimenten

Offenbar hat man beim vermeintlichen Hauptstadtsender nun beschlossen, dass es mit kleineren Renovierungsarbeiten nicht getan ist. Das ganze Programm soll eine neue Struktur bekommen, die Wochentage werden stärker thematisch sortiert.

Beim RBB heißt es, die Sorgen von Sparmaßnahmen im Programm seien unbegründet, und es gehe auch nicht nur darum, sperrige Formate durch leichte zu ersetzen. Anstelle von "Klipp & Klar" sollen dienstags zukünftig Dokumentationen laufen; für Reportagen soll es einen neuen festen Sendeplatz am frühen Samstagabend geben. Dem fiele allerdings die Sendung "Die Jury hilft" zum Opfer, in der Tatjana Jury versucht, Zuschauern im Kampf gegen Bürokratie und taube Unternehmen zu helfen.

Eine weitere Servicesendung wird wohl gekürzt und muss den prominenten Sendeplatz montags um 20.15 Uhr verlassen: "was! Wirtschaft Arbeit Sparen" soll zukünftig nur noch dreißig statt 45 Minuten lang sein und am späteren Donnerstagabend vierzehntäglich im Wechsel mit "Klartext" laufen, einer Art Regionalausgabe von "Kontraste" mit Astrid Frohloff. Das Brandenburg-Magazin "Theodor" muss sich in Zukunft einen Sendeplatz mit dem deutsch-polnischen Magazin "Kowalski & Schmidt" teilen.

Der Platz, der durch die Einstellungen und Kürzungen gewonnen wird, soll vor allem für Neues und Experimentelles genutzt werden. Am Donnerstag um 22.45 Uhr wird es einen Sendeplatz für ein- bis zweistündige neue Fernsehformate geben - von einem "Innovationsplatz" ist die Rede. Die endlos wiederholten ARD-Flausch-Soaps aus den Tiergärten wie "Panda, Gorilla & Co." sollen im RBB-Fernsehen generell nicht mehr in der Primetime laufen. Stattdessen will der RBB den Unterhaltungsabend am Freitag mit den Erkundungen von Dieter Moor ("Bauer sucht Kultur") und Michael Kessler ("Kesslers Expeditionen") beginnen.

Schmales Budget und kaum Stammpublikum

Im Haus sehen einige die Entscheidungen höchst kritisch - vor allem, weil mehrere besonders am Verbraucher und Gebührenzahler orientierte Formate gestrichen werden. Die ebenfalls nicht gut laufenden Unterhaltungs-Talkshows "Dickes B." (mit Jörg Thadeusz) und "Im Palais" (mit Dieter Moor) soll es dagegen weiter geben. Sie wechseln jetzt schon auf den Samstag um 22.15 Uhr.

RBB-Sprecher Justus Demmer wollte gegenüber SPIEGEL ONLINE die Pläne nicht bestätigen. "Wir arbeiten am Programm, aber wir reden erst mit den betroffenen Redaktionen und den Gremien, bevor wir die Öffentlichkeit informieren."

Der RBB tut sich seit langem schwer mit seinem Dritten Programm. Das liegt, wie auch Programmdirektorin Nothelle einräumt, nicht nur am vergleichsweise schmalen Budget des Senders. Das RBB-Fernsehen hat auch als Zwei-Länder-Programm für Berlin und Brandenburg keine klare Rolle für sich und jenseits von biederen Lokal-Institutionen wie der "Abendschau" kaum ein Stammpublikum gewonnen. Immerhin: Nachwuchsmann Marco Seiffert, der sonst bei der RBB-Welle "Radio 1" moderiert, soll auch in Zukunft im Fernsehen zum Einsatz kommen.

Forum

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insgesamt 19 Beiträge
1. Och Joh!
Dr. Fuzzi 22.02.2012
Schon die überbordende Resonanz auf diesen Artikel zeigt, wie bedeutend der Sender RBB tatsächlich ist. Statt permanent Steuergelder in einen völlig irrelevanten Sender zu pumpen, der nicht in der Lage ist, ansprechende und [...]
Schon die überbordende Resonanz auf diesen Artikel zeigt, wie bedeutend der Sender RBB tatsächlich ist. Statt permanent Steuergelder in einen völlig irrelevanten Sender zu pumpen, der nicht in der Lage ist, ansprechende und innovative Formate zu präsentieren, sollte der Betrieb einfach eingestellt werden. Berlin bringt's eben doch nicht!
2.
vask 22.02.2012
Ach, das ist bei anderen Regionalsendern anders? Gehört alles eingestampft. Spart Gebühren bzw. verbleiben sie dann bei den paar Sendern, die tatsächlich ab und zu noch sehenswert sind, wie Phoenix.
Zitat von Dr. FuzziSchon die überbordende Resonanz auf diesen Artikel zeigt, wie bedeutend der Sender RBB tatsächlich ist. Statt permanent Steuergelder in einen völlig irrelevanten Sender zu pumpen, der nicht in der Lage ist, ansprechende und innovative Formate zu präsentieren, sollte der Betrieb einfach eingestellt werden. Berlin bringt's eben doch nicht!
Ach, das ist bei anderen Regionalsendern anders? Gehört alles eingestampft. Spart Gebühren bzw. verbleiben sie dann bei den paar Sendern, die tatsächlich ab und zu noch sehenswert sind, wie Phoenix.
3.
hansakicker 22.02.2012
Da gibt es nichts mehr zu vergraulen. Die ganze Gesamtperformance stimmt nicht. Der RBB ist das einzige Programm, wo es keine Live-Ticker (außer in Ausnahmefällen Union, Hertha und Cottbus) für laufende [...]
Zitat von sysoprbbDer Rundfunk Berlin-Brandenburg baut nach Informationen von SPIEGEL ONLINE in großem Stil sein Fernsehprogramm um - und schraubt auf der Suche nach besseren Quoten auch an populären Formate herum. Mitarbeiter fürchten nun, dass so das ohnehin kleine Stammpublikum verprellt wird. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,816977,00.html
Da gibt es nichts mehr zu vergraulen. Die ganze Gesamtperformance stimmt nicht. Der RBB ist das einzige Programm, wo es keine Live-Ticker (außer in Ausnahmefällen Union, Hertha und Cottbus) für laufende Sportveranstaltungen, wie Bundesligen im Fußball, Handball- oder Basketballoder gar Formel 1 gibt. Der gesamt Teletext ist unübersichtlich.Im Abendprogramm gibt es meist nur Konserven. Am besten mit dem MDR vereinen.
4. multicult.fm
mully 22.02.2012
Der rbb spart sich zu Tode. Für mich als Radiohörer war die Abschaltung und Auflösung von radio multikulti unfassbar. Nein, nie Reichweiten von ffn oder anderen Formatsendern gehabt, aber genau das sollten die Öffis ja nicht [...]
Zitat von Dr. FuzziSchon die überbordende Resonanz auf diesen Artikel zeigt, wie bedeutend der Sender RBB tatsächlich ist. Statt permanent Steuergelder in einen völlig irrelevanten Sender zu pumpen, der nicht in der Lage ist, ansprechende und innovative Formate zu präsentieren, sollte der Betrieb einfach eingestellt werden. Berlin bringt's eben doch nicht!
Der rbb spart sich zu Tode. Für mich als Radiohörer war die Abschaltung und Auflösung von radio multikulti unfassbar. Nein, nie Reichweiten von ffn oder anderen Formatsendern gehabt, aber genau das sollten die Öffis ja nicht brauchen, wegen unserer Gebühren (bald Steuern). Und ehrenamtliche Ex-rbb'ler halten den Sender weiterhin up and running (eben unter multicult.fm), da geht echt was quer.
5. ...
mr_supersonic 22.02.2012
Sie sind mir ja ein lustiger....vielleicht hat der RBB es schwerer weil die meissten Nachrichten und Sendungen aus Berlin schon bei ARD/ZDF/SAT1/RTL/PRO7/ARTE gesendet werden? RBB produziert auch viel für ARD/ZDF. [...]
Zitat von Dr. FuzziSchon die überbordende Resonanz auf diesen Artikel zeigt, wie bedeutend der Sender RBB tatsächlich ist. Statt permanent Steuergelder in einen völlig irrelevanten Sender zu pumpen, der nicht in der Lage ist, ansprechende und innovative Formate zu präsentieren, sollte der Betrieb einfach eingestellt werden. Berlin bringt's eben doch nicht!
Sie sind mir ja ein lustiger....vielleicht hat der RBB es schwerer weil die meissten Nachrichten und Sendungen aus Berlin schon bei ARD/ZDF/SAT1/RTL/PRO7/ARTE gesendet werden? RBB produziert auch viel für ARD/ZDF. Ausserdem gibt es hier noch mindestens zwei andere Sender: TVBerlin und Alex. Der RBB ist einfach muffig, das stimmt. Eine Programmerneuerung ist dringend notwendig. Lustig fände ich eine Kiezsendung, sowas wie "Kreuzberg sucht den Superstar" mit Wowi als Dieter Bohlen und so ;o) Keine Ahnung, aber hier in berlin gibts so viele Künstler und Kreative, wie wäre es mal mit ein paar neuen Leuten?

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