24.02.2012
ZDF-Krimiserie "Die Chefin"
Die neue Alte
Von Daniela ZinserErdnüsse, Berge davon. Leere Hülsen, Krümel überall. Auf dem Schreibtisch, auf der speckigen Lederjacke. Dazu das Knacken. Immerzu. Vera Lanz, Hauptkommissarin der Münchner Mordkommission, braucht so viel Nervennahrung, sie kann kein ausgeglichener Mensch sein. Dabei sieht sie so adrett aus und lächelt freundlich. Aber wortkarg ist sie, irgendwie misstrauisch, hart und lakonisch. Nach fünf Minuten ist klar: Da steckt mehr dahinter. Viel mehr als nur der Umstand, dass Vera Lanz die erste Frau im ZDF-Freitagskrimi ist.
Nach Derrick, dem Alten und Matula kommt nun "Die Chefin". Katharina Böhm spielt die Hauptkommissarin. Als Paula Blohm hat sie in der montäglichen ZDF-Krimiserie "Nachtschicht" schon Erfahrung als Ermittlerin gesammelt, nun darf sie zum Wochenende ran. Vom ZDF wird das groß beworben. Wow, eine Frau, am Freitag! Katharina Böhm langweilt das eher: "Wir haben jetzt seit über 40 Jahren das große Thema Emanzipation", sagt sie. "Ich weigere mich, heute noch zu sehr darüber nachzudenken, ob da nun eine Frau ermittelt oder ein Mann."
Interessant ist vielmehr die Figur. Vera Lanz hat einen neuen, jüngeren und durchaus ansprechenden Kollegen (sie gucken sich gegenseitig auf den Hintern), eine Affäre mit dem Staatsanwalt, in dessen Büro sie sich einen Durchsuchungsbefehl und ein bisschen Sex abholt. Außerdem steht die lesbische Pathologin auf sie, Veras Tochter ist vor dem Abi schon reifer als die Mutter, reißt ihr das Fastfood aus der Hand und vermittelt zwischen ihr und dem Schwiegervater. Der ist ein harter Brocken, Ex-Bulle, und ermittelt aus dem Ruhestand heraus - nämlich wer seinen Sohn getötet hat.
Das hält die vorerst vier Folgen zusammen: Veras Mann, Andreas, ebenfalls Polizist, wurde im Dienst erschossen, weil er auf die böse Seite gewechselt sein, einen Kollegen getötet und einer korrupten Firma Geld geklaut haben soll. Stimmt das? Oder wurde er von Kollegen, dem Oberstaatsanwalt und korrupten Bauunternehmern gelinkt?
Derrick steht als Pappfigur daneben
"Wir wollten mehr das Außergewöhnliche des Lebens zeigen. Das Gewöhnliche erleben wir jeden Tag, dafür mache ich nicht den Fernseher an", sagt Katharina Böhm. Die Figur sollte nicht so leicht in eine Schablone passen. "Sie hat Ecken und Kanten und das Gegenteil davon - Rundungen oder Wendungen, wie auch immer man das ausdrückt. Sie ist sehr menschlich. Dazu gehört, dass sie Fehler macht und daraus lernt und dass sie auf ihr Herz hört." Das weiß bekanntermaßen oft auch nicht, was es will. Hängt der Staatsanwalt, mit dem sie eine Affäre hat, mit drin? Und der ältere Kollege (Jürgen Tonkel), auf dessen Erfahrung sie sich so oft verlässt?
In einem geheimen Ermittlungsraum erledigt Vera ihre Arbeit. An einer Tafel hat sie Zeitungsausschnitte gesammelt, Fotos, Hinweise, Schlussfolgerungen, wie das gewesen sein könnte mit ihrem Mann. Jeder ist verdächtig. "Spannung ist immer etwas, was einen dranhält. Man will doch wissen, wer war es", sagt Katharina Böhm. "Viele Menschen wollen vielleicht auch nicht so emotional berührt werden. Bei Krimis kann man da unbeteiligter rangehen. Denn meistens hat das doch sehr wenig mit dem eigenen Leben zu tun, hoffe ich zumindest."
Neben der Geschichte um Veras Mann werden allerlei Mordfälle aufgeklärt. In der ersten Folge "Enthüllung" - das Drehbuch schrieb Orkun Ertener ("KDD-Kriminaldauerdienst") - geht es um den Tod einer Journalistikstudentin, Tochter eines Münchner Promiwirts. Verdächtig ist die Familie eines mächtigen Politikers - oder war es doch der windige Wiener Geschäftsmann? Der Plot ist eher Krimidurchschnitt, die Darsteller aber sind erstklassig: Fritz Karl als Promiwirt, Juliane Köhler als Politikergattin, Stefan Kampwirth als Staatsanwalt. Und eben Stefan Rudolf als Veras neuer Kollege mit dem ansprechenden Hintern, der zwischen cool und tollpatschig wankt und Derrick als Pappfigur neben dem Schreibtisch stehen hat.
Katharina Böhm schafft glaubwürdig die Balance zwischen patenter Polizistin und (ver-)zweifelnder Frau. Für die Rolle hat sie extra - und eher widerwillig - schießen gelernt. Wie es so ist in dem Beruf, das erfuhr sie von einem sehr guten Freund, der Polizist war. "Viele haben eine gewisse Autorität, das gehört zum Handwerkszeug dazu. Aber sonst gibt es dort genauso viele Engel und Idioten wie in jedem anderen Berufstand auch."
Wer rausfinden will, wer der Engel und wer der Idiot in "Die Chefin" ist, der kann online mitermitteln. Unter www.diechefin.zdf.de kann man Veras geheimen Ermittlerraum virtuell betreten und anhand von Videos und Dokumenten versuchen, den Tod von Veras Mann aufzuklären. Dazu vielleicht Nüsschen?
"Die Chefin", Freitag, 20.15 Uhr, ZDF

