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24.02.2012
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Trauma-"Tatort" aus München

Schlaf schön, Leitmayr

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BR

Sie sind das "Tatort"-Traumpaar: Kommissar Leitmayr erschießt einen Amokläufer, droht daran zu zerbrechen - zum Glück gibt es Kollegen Batic, der ihm die Wunden salbt, Rotwein reicht, zum Einschlafen Märchen erzählt. Ein Kuschelkrimi ist die neue Münchner Folge aber nicht, eher ein Trauma-Thriller.

Kollege, Coach, Krankenschwester: Die Münchner Kommissare Batic und Leitmayr spielen all diese Rollen füreinander durch. Und das mit größter Hingabe. Mal abgesehen von wechselnden weiblichen Sidekicks und immer rarer werdenden Affären gibt es für Frauen keinen Platz in ihrer Welt; seit über 20 Jahren müssen die beiden für den jeweils anderen jene Maßnahmen einleiten, für die der normale Hetero-Cop sonst ein weibliches Wesen in sein eintöniges Männerdasein lässt: Trost spenden, Wunden salben, ins Leben zurückholen.

Eine ganz normale Pärchendynamik - die bei den Münchner Ermittlern, den dienstältesten Männern des "Tatort", in Ausnahmesituationen schon mal ins Monströse geht. "Wir sind die Guten", schrie Leitmayr (Udo Wachtveitl) seinen Kollegen Batic (Miroslav Nemec) vor zwei Jahren in der furiosen Episode mit gleichem Titel immer wieder ins Gesicht, weil der bei einem Einsatz das Gedächtnis verloren hatte und nicht mehr wusste, auf welcher Seite des Gesetztes er steht. Spätestens seit diesem Amnesie-Krimi, in dem der eine für den anderen an die Grenze des Zumutbaren ging, wusste man: Batic ist Leitmayrs große Liebe.

Umgekehrt gilt das natürlich auch - wie sich jetzt im neuen Münchner "Tatort" zeigt: In der Episode "Der traurige König", für die das "Wir sind die Guten"-Autoren-Team Magnus Vattrodt und Jobst Christian Oetzmann ein weiteres Mal das Buch lieferte, muss nun Leitmayr von Batic ins Leben zurückgeholt werden. Bei einem Einsatz erschoss er einen Mann, der ihn mit einer Schreckschusspistole bedroht hatte. Sein Selbstbild als Profi gerät ins Wanken, der Kollege gibt ihm Beistand. Damit der Kollege einschlafen kann, erzählt Batic ihm sogar ein Märchen. Das funktioniert. Naja, vielleicht tun die zwei Flaschen Rotwein ihr übriges dazu.

Dein Tod, mein Trauma

Dieser rührenden Szene zum Trotz: Regisseur Thomas Stiller ("Sie hat es verdient") findet für seinen Trauma-Thriller die richtigen Bilder und Tonlagen, um die emotionale Achterbahn seines Cop-Helden in Szene zu setzen: die Anspannung, als er ganz unerwartet einem aufgebrachten Amokläufer gegenüber steht, den Adrenalinschub kurz nach dem tödlichen Schuss, der schleichende Zerfall des Selbstbildes, nachdem offenbar wurde, dass Leitmayrs Gegenüber nur mit einer harmlosen Replica auf ihn feuerte.

Die Stille nach dem Schreckschuss: So wie Batic in "Wir sind die Guten" steht nun Leitmayr vor dem völligen Zerfall - psychologisch und moralisch. Die Drehbuchautoren ziehen die Schlinge um seinen Hals noch enger, indem sie das Opfer aus seiner Nachbarschaft stammen lassen: Es ist der Sohn des netten alten Ehepaars (grandios: Elisabeth Orth und Wolfgang Hübsch), das den immer schlechter laufenden Eisenwarenladen gegenüber seiner Wohnung betreibt.

So wird die Cop-Tragödie perfide mit einem Mittelstandsdrama verwoben. Die Lebenslügen der Schraubenverkäufer und die Notlügen des Kommissars, der sich ihnen nicht als Todesvollstrecker an ihrem Sohn präsentieren mag - sie drohen sich hier zu einem unauflöslichen Schuldgeflecht zu verdichten.

Da braucht Leitmayr schon seinen Batic, der in der moralischen Nebelzone den Kurs vorgibt. Diesmal schreit er: Wir sind die Guten!


"Tatort: Der traurige König", Sonntag 20.15 Uhr, ARD

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