24.02.2012
Gauck-Debatte bei Illner
Wie steht der Kandidat zum Holocaust?
Von Christoph Twickel
Diskutanten Illner, Trittin, Lötzsch, Pohl: "Wieviel Protest regt sich?"
Maybrit Illner hatte sich offenbar fest vorgenommen, Rainer Brüderle und Markus Söder ein paar pikante Details über den Streit bei der Kandidatenentscheidung zu entlocken. Der FDP-Fraktionsvorsitzende und der bayerische Finanzminister, was Wunder, lieferten diplomatische Floskeln à la "sehr respektabler Kandidat" und "eine Koalition ist keine Liebesbeziehung". Die Moderatorin lächelte süffisant dazu und sagte manchmal "So, so!", was wohl kritisch gemeint war, nach dem Motto: Wir wissen doch alle, die Merkel und der Rösler haben sich gezankt wie die Kesselflicker! Vielleicht hätte die Frage, warum sich die Kanzlerin überhaupt so gegen den Ostpfarrer gesperrt hat, ein bisschen mehr Leben in die Bude gebracht. Weil er ihr die Schau stehlen könnte? Das Thema blieb unerörtert.
Überhaupt scheint die Illner-Redaktion nicht recht gewusst zu haben, was an Gauck eigentlich kontrovers sein könnte. Nach knapp 50 Minuten drohte der Diskussion die Luft auszugehen und die Moderatorin flüchtete sich in ziemlich seichte Seitenarme. "Wie viel Protest regt sich in katholischen Kreisen und in den Landsmannschaften" bei zwei Ostdeutschen und zwei Protestanten in den höchsten Staatsämtern? Das wollte sie von CSU-Mann Söder wissen. Was soll man da anderes machen, als mit den Augen zu rollen? Immerhin: Die muffige Kiste mit der wilden Ehe des Kandidaten tischte Maybrit Illner dann doch nicht auf.
Große Empörung
Die Schlacht um Gaucks Zitate zu Hartz IV, Stuttgart 21, Occupy und Sarrazin und die Frage, wie verkürzt sie waren: Auch das nudelte die Runde abermals durch. Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin und Söder fanden sie sehr verkürzt, "taz"-Chefredakteurin Ines Pohl fand die Kritik an Gaucks Positionen berechtigt. Da war Linkspartei-Chefin Gesine Lötzsch geradezu originell, als sie kritisierte, dass Gauck die Einladung der Salzburger Festspiele für die Eröffnungsrede angenommen habe, nachdem die Festspielleitung den umstrittenen Soziologen Jean Ziegler ausgeladen hatte.
Letzterer hatte über Hungerkatastrophen und die Verantwortung der reichen Staaten sprechen wollen - was offensichtlich einigen Festivalsponsoren nicht passte. Große Empörung bei Jürgen Trittin: Die Entscheidung der Festspiele, Ziegler auszuladen - "was ja ne Sauerei ist" - könne man doch nicht Gauck ankreiden! Dabei hat Lötzsch in diesem Punkt durchaus recht: Eine Absage wäre die charmantere, mutigere und auch uneitlere Geste gewesen.
Ganz besonders eifrig empörte sich Trittin gegenüber Ines Pohl über einen Kommentar, der am Mittwoch in der "taz" erschienen war. Deniz Yücel hatte darin dem designierten Bundespräsidenten eine "Verharmlosung des Holocausts" vorgeworfen - und darin auch auf die Kritik reagiert, die Sascha Lobo in seiner SPIEGEL-ONLINE-Kolumne geübt hatte.
"Das ist Schweinejournalismus, das kenne ich nur von der 'Bild'-Zeitung", echauffierte sich der Grüne über den "taz"-Text und verwies darauf, dass Gauck doch Vorsitzender des Vereins "Gegen Vergessen - für Demokratie" sei. Leider war die "taz"-Chefredakteurin schlecht vorbereitet auf die Attacke und wand sich halbgar heraus: Sie würde das so nie schreiben, aber es sei ja nun mal ein Kommentar gewesen.
Ein Völkermord unter anderen?
Hätte Pohl die Argumente ihres Redakteurs besser draufgehabt, hätte die Debatte hier interessant werden können. Hätte. Yücel widmete sich nämlich recht präzise und ausführlich einer Rede von Gauck aus dem Jahre 2006. Dort hatte der künftige Präsident unter dem Titel "Welche Erinnerung braucht Europa?" von der "Tendenz der Entweltlichung des Holocausts" gesprochen, die dann geschehe, "wenn das Geschehen des deutschen Judenmordes in eine Einzigartigkeit überhöht wird, die letztlich dem Verstehen und der Analyse entzogen ist. Offensichtlich suchen bestimmte Milieus postreligiöser Gesellschaften nach der Dimension der Absolutheit, nach dem Element des Erschauerns vor dem Unsagbaren".
Das Nebulöse dieser Diagnose mag Gaucks etwas eitlem Hang zum rhetorischen Barock geschuldet sein. Doch im Kern - und auch im Kontext gelesen - könnte die Diagnose von Yücel zutreffen. Gauck insinuiert: Wer den Holocaust für einzigartig hält, sucht bloß das "Erschauern", ist also ein pseudoreligiöser Eiferer. 2008 gehörte der ehemalige Bürgerrechtler zu den Erstunterzeichnern der "Prager Erklärung zum Gewissen Europas und zum Kommunismus", die forderte, der Opfer des Stalinismus und des Nationalsozialismus an ein und demselben Tag zu gedenken.
Man muss dieses Manifest nicht, wie der Leiter des Simon-Wiesenthal-Centers, Efraim Zuroff, für das Dokument einer Bewegung halten, "welche die kommunistischen Verbrechen mit denen der Nazis gleichsetzt". Und "Verharmlosung" mag ein hartes Wort sein. Aber ist es "Schweinejournalismus", darauf zu verweisen, dass Gauck für eine Denkrichtung stehen könnte, die den Holocaust für einen Völkermord unter anderen hält? Wie gesagt, die Debatte hätte interessant werden können.