09.05.2012
Eurovision-Chefin Deltenre
"Ein Imageschaden? Glaube ich null"
SPIEGEL ONLINE: Frau Deltenre, die Generalversammlung der EBU hat 2010 in Baku eine Erklärung verabschiedet, in der Verhaftungen und Einschüchterungen von Journalisten verurteilt und die Autoritäten aufgefordert werden, gegen Übergriffe vorzugehen. Zwei Jahre später: Sind die Forderungen erfüllt worden?
Deltenre: Es gibt dort nach wie vor Einschüchterungen von Journalisten - das zeigt, dass da noch ein Weg zu beschreiten ist.
SPIEGEL ONLINE: Hatte die Erklärung irgendeine Wirkung?
Deltenre: An was misst man einen positiven Effekt? Wir haben am vergangenen Mittwoch hier in Genf eine Konferenz über Medienfreiheit in Aserbaidschan veranstaltet. Dass die Regierung - vertreten durch den Präsidentenberater Ali Hasanov - daran teilnahm; dass sie sich mit aserbaidschanischen und internationalen Nichtregierungsorganisationen an einen Tisch gesetzt hat und bereit war, jeden einzelnen kritischen Fall zu diskutieren, das zeigt eine große Bereitschaft zum Dialog. Ein Dialog ist immer ein guter erster Schritt in die richtige Richtung.
SPIEGEL ONLINE: Teilnehmer sehen das anders. Human Rights Watch zum Beispiel sagt, Sie hätten der Regierung ein Podium geboten. Die EBU habe sich "nicht eindeutig, klar und deutlich zu der sich verschlechternden Lage der Medienfreiheit in Aserbaidschan geäußert" und damit ihr Bekenntnis zu diesen Prinzipien in Frage gestellt. Der aserbaidschanische Bürgerrechtler Rasul Jafarow sagt, er hätte das Gefühl gehabt, die EBU arbeite für die Regierung in Baku.
Deltenre: Das finde ich unverständlich. Für mich war wichtig, dass die Regierung dabei ist, weil sie der Veranstaltung eine ganz andere Seriosität und Glaubwürdigkeit gibt. Als Resultat hat sie erklärt, dass sie die Schmutzkampagne gegen die kritische Journalistin Khadija Ismailova als einen "Makel" betrachtet und alles daran setzt, das aufzuklären. Sie hat transparente Verfahren gegen die inhaftierten Journalisten zugesichert. Und wir haben sehr konkrete Aktivitäten für den nationalen öffentlich-rechtlichen Sender Ictimai vereinbart, zum Beispiel Workshops von uns, wie man die Pluralität der Meinungen im Programm erhöhen kann.
SPIEGEL ONLINE: Auch diese Fortbildungsideen stehen schon in der EBU-Erklärung von 2010. Wir reden von Mindeststandards und von bloßen Ankündigungen, die die aserbaidschanische Regierung routinemäßig wiederholt.
Deltenre: Nein, da wird schon was geschehen. Aber die EBU besteht aus 56 Ländern. Wir waren sehr aktiv seit 2010, aber unser Fokus lag nicht nur auf Aserbaidschan. Der Arabische Frühling hat relativ viel Managementkapazitäten und Aufmerksamkeit gebunden.
SPIEGEL ONLINE: Kritiker sagen, das Programm von Ictimai, das auch den Eurovision Song Contest in diesem Jahr veranstaltet, sei so einseitig und regierungsnah, dass der Sender die EBU-Richtlinien verletze. Überprüfen Sie die Programme Ihrer Mitglieder?
Deltenre: Nicht systematisch, aber wenn wir konkrete Hinweise bekommen. Wir haben das ägyptische Programm mal monitoren lassen, das haben wir auch im Falle von Ictimai gemacht.
SPIEGEL ONLINE: Mit welchem Ergebnis?
Deltenre: Für uns war klar in diesem Zusammenhang, dass wir Ictimai deshalb auch mehr journalistische Ausbildung anbieten wollen.
SPIEGEL ONLINE: Heißt: Das Ergebnis ließ zu wünschen übrig.
Deltenre: Ja, aber da gäbe es auch andere Länder, für die dasselbe gilt.

