17.05.2012
Will-Talk zu Merkels Röttgen-Rauswurf
"Sie hat diesen Mann benutzt"
Von Mathias Zschaler
TV-Moderatorin Anne Will: "Eine brutale Entscheidung"
Der Begriff Abstiegskampf weckt in diesen Tagen keine besonders schönen Assoziationen. Es lässt sich also nachvollziehen, weshalb Anne Will ihn für den Titel ihrer Sendung verwendete, auch wenn es nicht um Fußball, sondern um den jüngsten Spielzug der Kanzlerin ging, der obendrein ebenfalls mit Düsseldorf und Berlin zu tun hat. Und was das Ausmaß an Überraschung und Verstörung anbelangt, können es die aktuellen Ereignisse in der politischen Arena ohnehin mit jenen auf dem Sportplatz aufnehmen, wie sich rasch zeigte.
"Eine brutale Entscheidung" nannte die Moderatorin den Hinauswurf des Umweltministers Norbert Röttgen. Und den sechs Gästen, lauter klugen, redegewandten Leuten, fielen zu diesem Befund zwar mancherlei Einwände, Modifikationen und weiterführende Gedanken ein; doch wenn es so etwas wie eine Konstante in dieser gelegentlich etwas ausufernden Diskussion gab, so war es eine die Grenzen der politischen Standpunkte überschreitende Ratlosigkeit.
Denn die Hauptperson des späten Abends hieß, obschon nicht leibhaftig anwesend, Angela Merkel - jene Frau, deren Person und Tun mit zunehmender Amtsdauer immer noch ein wenig undurchschaubarer, unberechenbarer und in gewisser Weise auch unheimlicher zu werden scheinen. Außerdem war im Hintergrund, nicht nur per Einspieler, stets auch Horst Seehofer irgendwie präsent, der mit seiner Fernseh-Wutrede, wie sich nachträglich zeigt, eine spezielle Rolle in dieser Chronik der laufenden Ereignisse einnimmt.
Es habe sich um einen "multifunktionalen Rundumschlag" gehandelt, beinahe vergleichbar mit dem seinerzeitigen "Vatermord an Kohl", diagnostizierte die Publizistin Gertrud Höhler, die selbst seit eh und je der CDU angehört, was aber selten die Schärfe ihres Urteils mildert. Frau Merkel habe Röttgen zum Schuldigen gemacht, obschon keineswegs er allein an der Wahlniederlage schuld sei, habe dadurch die Aufarbeitung der übrigen Ursachen vermieden und sich zugleich ihres letzten Rivalen entledigt. "Sie hat diesen Mann benutzt wie viele andere vor ihm." Und sie sei dabei, sich zunehmend von ihrer Partei zu entfernen und sich selbst zur Ausnahmefigur zu stilisieren.
Damit waren gewissermaßen ein paar analytische Eckdaten gesetzt. Wolfgang Kubicki, der laut Eigenauskunft keine Lust auf den Part eines Kanzlerin-Verteidigers hatte, ging als Einziger aber immerhin so weit, die Abservierung Röttgens gerade wegen ihres Debattenvermeidungseffekts "politisch extrem klug" zu nennen. SPIEGEL-Journalist Jan Fleischhauer erinnerte daran, dass Röttgen schließlich die Kanzlerin in seinen glücklosen Wahlkampf hineingezogen und außerdem längst schon Probleme mit dem Durchsetzen der Energiewende gehabt habe. Es sei richtig gewesen, ihn zu feuern und Abgesänge auf Merkel seien ohnehin verfrüht. Ministerentlassungen gehörten nun mal zum politischen Geschäft.
Dafür gab es allerdings Widerspruch, nicht nur von SPD-Fraktionsmanager Thomas Oppermann, sondern auch von Jakob Augstein, Verleger der Wochenzeitung "Der Freitag" und SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist. Der fand nicht nur die Art und Weise des Hinauswurfs höchst unfair, sondern prophezeite auch, so wie die NRW-Wahl 2005 das Ende der Regierung Schröder eingeläutet habe, werde die von 2012 der Anfang vom Ende für Schwarz-Gelb sein.
Das passte ganz gut in die allgemeine Atmosphäre des Mutmaßens und Insinuierens. Oppositionsmann Oppermann, für den sich naheliegenderweise im aktuellen Szenario die Gesamtschwierigkeiten der Regierung ausdrücken, blieb zwar moderat im Ton, brachte aber doch ein paar ziemlich giftige Spitzen an. In Wahrheit habe Seehofer mit seiner Sende-Tirade weniger Röttgen gemeint als die Kanzlerin selbst. Und wenn schon Röttgen wegen der Energiewende geschasst werde, müsse doch eigentlich der ebenfalls involvierte Wirtschaftsminister Rösler auch gehen.
Es gab dann erwartungsgemäß noch das eine oder andere kleine Scharmützel, das einen Vorgeschmack auf den nächsten Wahlkampf bot. Man kam auch noch mal auf die sympathische Hannelore Kraft ("Die Frau aus der Lindenstraße", so ein Höhler-Bonmot) zu sprechen sowie auf die überflüssige SPD-Troika, und irgendwann landete man, was derzeit unvermeidlich zu sein scheint, wieder mal bei Griechenland und Spanien. Aber das wirkte alles doch letztlich etwas deplatziert. Nach gut der Hälfte der Zeit war im Grunde alles Wichtige gesagt.
Das lag vor allem daran, dass auch Wolfgang Bosbach anwesend war, der als aufrechter Konservativer zu jenen seltenen Exemplaren des homo politicus zählt, die um ihre Glaubwürdigkeit keine großen Worte machen müssen. Bosbach ist ein Freund Röttgens. Das bringt ihn zwangsläufig in einen Loyalitätskonflikt. Und wenn dieses Wort auch nicht fiel, meinte man dem Mann doch förmlich anzusehen, wie es in ihm arbeitete angesichts dessen, was in seiner CDU in den letzten Tagen und Stunden passiert ist. Er hatte erkennbar Probleme damit, sich einen Reim darauf zu machen, damit zurechtzukommen.
Dass es für die Energiewende einen starken Mann brauche, ja, das räumte er ein, doch das war wohl auch das Äußerste an Zustimmung für den Schritt der Kanzlerin, das er sich abzuringen vermochte.
Der große Rest waren Schilderungen eines Telefonats mit Röttgen, aus dem hervorging, dass dieser offenkundig von seiner Entlassung völlig überrascht wurde und selbst erst durch die Medien darüber erfahren haben soll. "Er war betroffen, getroffen." Und Bosbach war es ersichtlich auch.
Ja, er leide darunter.
Es kam einiges an Bitterkeit und Enttäuschung zum Vorschein, auch über Seehofer und die CSU, über deren Verlust der absoluten Mehrheit sich damals die CDU doch auch nicht mokiert habe. "Ich will, dass man anständig miteinander umgeht." Das klang ein wenig resigniert und fast schon traurig. Schön ist es ja auch nicht, wenn so etwas eigens betont werden muss.