23.05.2012
ESC-Kandidat Roman Lob
Bambi unter Wölfen
Aus Baku berichtet Jan FeddersenAuftritt in der Otto Efes Bierbar, mitten in Bakus Altstadt. Hier findet die Party der deutschen Delegation beim Eurovision Song Contest statt. Das Ambiente changiert zwischen ebenerdiger Kaschemme und edel dekoriertem Pub. Am Samstag wird er "Standing Still" vor 120 Millionen Zuschauern live im Fernsehen vortragen. Roman Lob aber will beweisen, dass er mehr kann, dass sein Können für ein ganzes Album reicht: "Changes".
In der Bierbar singt Lob live. Seine Stimme ist nicht mehr heiser wie am Vortag. Er gibt den Nachwuchsrocker. Am Mikro scheint er alle Scheu abzulegen. Das Publikum prostet ihm applaudierend zu: "Roman, Roman!" rufen einige, junge Frauen wiegen ihre Hüften zu seinen Songs, über ihren Augen liegt ein glücklicher Schleier. Der Junge mit den Rehaugen weckt offenbar Phantasien, Roman Lob ist in Aserbaidschan der Knuddelige aus Deutschland.
Baku - das muss für ihn ein großer Abenteuerurlaub sein. Mit nur vage bekanntem Programm. Er konnte nicht wissen, dass die zehn Tage hier vor allem dies bedeuten würden: endlos quatschen zu müssen, endlos gut drauf sein zu müssen. Zwei Probendurchgänge auf der Bühne der Crystal Hall in Baku hat er hinter sich, Samstag und Sonntag. Da bekam er vor allem Beifall von weiblichen Volunteers beim Eurovision Song Contest, aber auch von Bühnentechnikern und Kameraleuten der Show. Nicht schlecht, dieser Respekt.
Bloß nicht krank werden
Aber das muss nicht heißen, dass sein Song "Standing Still" auch dem internationalen Fernsehpublikum gefällt: Die Arbeitssprache in der Crystal Hall in Baku ist Deutsch, Brainpool TV produziert im Auftrag des in Baku ansässigen Senders Ictimai. Es ist noch früh an diesem Morgen, gleich geht's zum Ausflug ins aserbaidschanische Hinterland.
Die Nacht war kurz, er hat wenig geschlafen. "Es war so heiß im Zimmer", die Klimaanlage hatte er ausgeschaltet, "bloß nicht krank werden". Der 21-Jährige hält sich tapfer. Ihm zur Seite steht verlässlich Fanta-Vier-Altstar Thomas D., der bei "Unser Star für Baku" Präsident der Jury war und froh, im Casting schon früh auf Lob gestoßen zu sein. "Er überragte ja alle, und viele waren gut. Aber er war besser, er kann singen und sich bewegen. Das könnte es sein, dachte ich."
Roman Lob wurde der deutsche Star für Baku. Das Publikum liebte ihn vom ersten Moment an. Er fiel in diesem Reigen von ambitionierten Lehramtsbewerbern schon deshalb auf, weil er das Handwerk eines Industriemechanikers gelernt hat und in einem Betrieb arbeitet. Ein Gegenmodell zur Abiturientin Lena Meyer-Landrut, die stubenrein exzentrisch sein konnte und den Deutschen mit dem Sieg beim Eurovision Song Contest 2010 in Oslo ihr Sommermärchen schenkte - der erste Sieg bei diesem Schlager- und Popwettbewerb seit 30 Jahren.
Dienstag am frühen Abend am Bulvar in Baku, dem Flanierpark am Rande des Kaspischen Meeres. Roman Lob stellt sich dem aserbaidschanischen Publikum vor. "Are you ready?" fragt er ins vielhundertköpfige Auditorium, ehe er sein "Standing Still" anstimmen wird. Er hat das frugale Anheizerenglisch aus dem Fundus des Rock inzwischen perfekt drauf. Im Gesicht - sein typisches Lächeln im Schüchternheitsmodus. Die neugierige Meute klatscht fordernd.
Normalsein als Trumpf
Ein Hype wie bei der Lenamania ist mit Lob nicht zu entzünden, er ist einfach the boy next door, er hat einfach nicht diesen Drang wie "Lovely Lena", die Öffentlichkeit mit Sprüchlein und Wörtchen zu beeindrucken - er ist nicht "sehrst" oder "glänzendst". Lob erzählt, dass er Baku schon deshalb aufregend finde, weil er nie so weit ins Ausland verreist sei. Seine Grenzen waren bislang enger gesteckt: In Italien, da war er schon mal.
Als er während der Grüßchen-Küsschen-Ständchen-Tour durch Baku beim Empfang des deutschen Botschafters Herbert Quelle landet, spricht er still im Schatten der Kirschbäume: "Man darf nie vergessen, dass man vielleicht nie wieder so was Großes erlebt."
Als Junge war er - dank Guildo Horn - so hingerissen vom Eurovision Song Contest, dass er sich 2008 zum Wettbewerb anmeldete. Jetzt ist Lob angekommen, vielleicht nicht in der großen weiten Popwelt, aber wenigstens am Kaspischen Meer. In den Straßen von Bakus Altstadt ist er das deutsche Knopfauge, das bei Mädchen Wünsche nach Fotos und Autogrammen weckt: "You are so cute", sagt eine 15-jährige Schülerin aus Baku, als sie ihm die Hand schüttelt. Und was macht dieser Mann mit der Käppisammlung, der bekennt, seine eher dünnen, flusenden Haare lieber mit Mützen zu bedecken? Haucht brav: "Thank you!"
Das kommt bei Experten, in den Wettbüros und unter den eisig urteilenden Fans des ESC in Baku nicht schlecht an - dieser Appeal von Weltverlorenheit, dieses Fehlen von jeglicher Protzigkeit. Er ist der Gegenentwurf zu den pyromanischen Showentwürfen so vieler anderer ESC-Acts, er liefert mit seinem "Standing Still" klassische Pop-Ware ab, Musik, wie sie auch sonst im Radio läuft und nicht das Stigma "War mal beim Grand Prix" tragen muss. Bei der Pressekonferenz sitzt er - des Englischen durchaus nicht flüssig mächtig - auf dem Podium und hätte wohl nichts dagegen, einfach zu schweigen. Er ist das Bambi unter lauter erwachsenen Rehen. Und einigen Wölfen.
Aber auch Lob hat selbst einen Mordshunger, er liebt die Show, sagen alle aus seiner Entourage. Keine Frage, das ist die Chance seines jungen Lebens. Er will es packen. Für das Leben, das er bisher geführt hat, ist nach dem 26. Mai immer noch genug Zeit.