08.08.2012
Helmut Schmidt bei Maischberger
Staatsmann mit Gefühlsgrummeln
Von Jenni ZylkaWas wird in 20 Jahren sein, falls es dann noch so was wie Fernsehen, Talkshows oder Politiker gibt? Soll der immer noch nicht erwachsene Joko Winterscheidt die greise Angela Merkel empfangen? Gruselige Vorstellung. Heute gibt es zum Glück Sandra Maischberger, die für etwa eine Zigarettenschachtellänge mit Herrn Schmidt in ihrer Sendung am Dienstagabend genau über solche Dinge redet: "Ob Merkel eine große Kanzlerin war, wird man 20 Jahre nach ihrer Kanzlerzeit besser beurteilen können", sagt der, und würde man ihn nicht kennen, könnte man das glatt für Diplomatie halten.
Dass Frau Merkel ihm schlichtweg zu unerfahren ist als Europapolitikerin, um Europa, sprich den Euro, sprich Deutschland tatkräftig mitzugestalten, zieht Maischberger ihm mit ihrer gewohnten Mischung aus deutlichen Fragen, größtmöglichem Respekt und genauer Themenabsprache dann problemlos aus der Nase.
Zuletzt beherrschte Helmut Schmidt wegen seiner 15 Jahre jüngeren Freundin Ruth Loah die Schlagzeilen. Aber es gibt ja auch noch die 48 Jahre jüngere Sandra Maischberger. Sie gehört neben dem "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo zu den ganz wenigen Journalisten, mit denen der Altkanzler überhaupt spricht. Sie hat ihn porträtiert und immer wieder befragt. Auf das typische Nachbohren und nötige In-die-Ecke-Drängen anderer Polit-Talkmaster verzichtet sie völlig, auf das Antworten-Müssen ebenfalls. Schmidt kann das nur recht sein. Er sagt einfach nichts, wenn er nichts sagen möchte, oder wenn er eine schmöken will, oder wenn er die Frage akustisch nicht ganz verstanden hat.
Trocken wie Zigarettenasche
Das Lieblingsthema des 93-Jährigen ist Tatkraft: Die Euro-Krise, von Schmidt zu Recht zur Schuldenkrise umbenannt, leide vor allem an mangelnder Entschlusskraft und Personalmangel. "Es fehlt an der Kombination aus Überblick, Tatkraft und Berechtigung zum Handeln", sagt der Staatsmann. Nicht mal er selbst könne als Ritter bzw. Retter einspringen: "Ich bin das auch nicht. Ich bin ein alter Mann."
Weiter geht es mit freundlicher Rösler-Schelte (Griechen raus ist falsch) und gewohnt hanseatisch-sturen Analysen: "Es war ein Fehler, die Griechen aufzunehmen, aber jetzt muss man die Konsequenzen tragen." Europa sei handlungsunfähig, das schlage sich in der Schuldenkrise logisch nieder, und Deutschland sei nicht das Land, das handeln solle und könne: "Die Deutschen machen den Eindruck dazu, sind aber tatsächlich gehandicapt durch die vorangegangene Geschichte des 20. Jahrhunderts", sagt Schmidt. Es tut gut, so etwas mal wieder in ganzen druckreifen Sätzen zu hören, ohne dass Tagespolitik und Wahlkampf stören.
"Der Mord an sechs Millionen Juden ist im Unterbewusstsein der europäischen Völker ein so schweres Gewicht, dass es eine Führung durch die Deutschen ausschließt", fügt er an. "Für wie lange noch?", fragt Maischberger. Fragen Sie mich das in 50 Jahren noch mal, witzelt Schmidt trocken wie Zigarettenasche. Wenn Sie mir versprechen, zu kommen, antwortet Maischberger, und wie man ihn kennt, kommt er wahrscheinlich wirklich.
Kippe als Lichtschwert
Nein, ein Charmeur, ein Beifallheischer und Gefallrennpferd ist der ehemalige Bundeskanzler wahrlich nicht. Eher ein weiser, schwerhöriger, gnarziger Jedi-Meister, sein Lichtschwert ist sehr klein und qualmt, und die jungen Gabriel- und Steinbrück-Padawane machen "im Prinzip" (O-Ton Schmidt) zwar einiges richtig, aber vieles falsch. "Im Prinzip" habe Gabriel recht mit den gemeinsamen Schulden für einen europäischen Währungsraum, aber gegen Schulden an sich kann man nichts haben. "Im Prinzip" muss man sich zusammenraufen, aber Hollande ist als Führungskraft auch nicht der Richtige, jedenfalls - Nachdenk- und Anzündpause - "kann man solche Sachen nicht ohne die Franzosen zustande bringen".
Um seine neue alte Freundin, die der Grund für das aktuelle Boulevardbohei war, geht es zu Anfang kurz - als Gentleman alter Schule lässt er sich nur zu einem grummelnden "Wir waren aneinander gewöhnt seit Jahrzehnten" hinreißen - am Ende wiederholt er das etwas intensiver.
Hier merkt man sogar, dass sich die Fragestellerin und der Politiker, im Lauf der Zeit tatsächlich ein ganz kleines bisschen angenähert haben könnten: Er habe keine Angst vor Einsamkeit, keine Angst vor Demenz, antwortet er zwar abwiegelnd auf Maischbergers zunehmend persönlichere Fragen, aber dass er überhaupt antwortet, dass er ein bisschen Gefühlsgrummeln herauslässt, als es um Loki geht und um die neue Freundin, mit der er nicht zusammenwohnt, dass er von dem Plan einer gemeinsamen Reise auf der Hurtigruten-Strecke erzählt, das ist im Schmidtschen Universum schon as good as it gets.
Den Rest erzählt er wahrscheinlich nur noch seinem kleinen Befreundete-Staatsmänner-Club, zu dem auch Kissinger und Lee Kuan Yew, der von ihm sehr verehrte Gründer Singapurs, gehören. Oder vielleicht erzählt er es denen auch nicht. Es gibt so viele andere weltbewegende Dinge zu besprechen, wenn man die Welt tatsächlich bewegt hat.

