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17.10.2012
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Doku über "Landshut"-Entführung

Der Tod fliegt mit

Von Nikolaus von Festenberg
Die Entführung der Landshut: Vier Tage Terror
Fotos
ZDF/ SWR

Der Entführer, dein Freund und Mörder: Vier Tage saßen die Geiseln 1977 in der Lufthansa-Maschine "Landshut" fest. Die aufwühlende 3sat-Doku "Im fliegenden Sarg" rekonstruiert das Geschehen aus Sicht der Opfer - und spiegelt dabei die paradoxen Gefühle der Gefangenen.

Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer ist von der RAF verschleppt worden. In Mallorca entführt ein Terrorkommando eine Lufthansamaschine mit deutschen Urlaubern. Es ist ein gottloser Oktober im Jahr 1977. Nach viertägiger Odyssee strandet die "Landshut" im somalischen Mogadischu.

Der Flugkapitän Jürgen Schumann wurde zuvor ermordet - die Todesuhren bis zur angekündigten Sprengung ticken. Da täuscht die deutsche Regierung vor, auf die Forderungen der Terroristen einzugehen. Statt der Geiseln, welche die Geiselnehmer freipressen wollten, landet die deutsche Spezialeinheit GSG-9 und stürmt das Flugzeug. Noch in derselben Nacht nehmen sich die RAF-Terroristen in Stammheim das Leben. Die Leiche Schleyers wird wenig später entdeckt.

Die Lufthansa sperrte damals die Adressen der "Landshut"-Insassen und trug damit zum Ausblenden der Leiden der Opfer bei. Der Dokumentarfilmer Ebbo Demant aber vergaß auch nach der Rettung die Opfer nicht. Er recherchierte die Namen und Adressen von knapp 30 "Landshut"-Geiseln für den Film "Menschen und Straßen - Flugplatz Mogadischu". Drei Jahre nach den Ereignissen führte er längere Interviews mit den Opfern und rettete Filmrollen von den Fernsehsendern.

Viel zu schnell für das Fernsehen

Demants Kollege Ingo Helm hat jetzt in langwieriger Arbeit diesen Archivschatz gehoben. In dem Dokumentarfilm "Im fliegenden Sarg", den 3sat am Mittwoch im Rahmen des Themenschwerpunkts "Der Deutsche Herbst" ausstrahlt, stehen die Opfer im Mittelpunkt.

Man muss sich diese Raserei der Ereignisse ins Gedächtnis rufen, um eine Lücke in der medialen Schockaufarbeitung zu verstehen. Es ging damals alles viel zu schnell für ein Fernsehsystem, das der Berichterstattung nicht gerecht werden konnte.

Es blieb nicht viel Zeit für die am schlimmsten Betroffenen: die von allen Informationen abgeschnittenen Entführten. Sie kamen nicht zu Wort, konnten ihre grausigen Erlebnisse in der Hitze der Kabine, im bestialischen Gestank der übergelaufenen Toilette, nicht schildern.

In der Dokumentation von Demant und Helm erzählen sie in der Sicherheit ihrer Wohnzimmer, was ihnen widerfahren ist. Die Erinnerungen der neun Befragten, ihre Gesichtszüge, ihre Kämpfe zwischen Beherrschung und Tränen - sie verweben sich zu einem Bild menschlicher Verlassenheit und menschlichen Überlebenswillens zugleich. Ohne Kommentar aus dem Off.

Die Erzählungen wirken in ihrer Direktheit anrührender als alle noch so kunstvoll verabreichten filmischen Emotionshilfen. Etwa wenn die Stewardess Gabriele Dillmann (heute: von Lutzau) kurz vor einer zu erwartenden Explosion sagt: "Ich habe versucht, das Vaterunser zu beten. Ich habe aber den Text nicht mehr zusammengekriegt, muss ich zu meiner Schande gestehen."

Identifikation mit den Entführern

Ein Herr mit soldatischer Weltkriegserfahrung macht sich in den Interviews Gedanken darüber, warum man die Täter nicht überwältigen konnte. Es ist nicht nur die Bewaffnung der Bösewichte - den Bedrohten war es nicht möglich, miteinander zu kommunizieren, um sich auf den Zeitpunkt einer gemeinschaftlichen Attacke einigen zu können. Sie waren an ihre Sitze gefesselt, wurden zum schaurigen Zweck der besseren Brennbarkeit mit Alkohol übergossen.

Väter kleiner Kinder erzählen von Tränen, als sie sich schützend über ihren Nachwuchs legten. Und als die in einer Garderobe senkrecht aufgestellte Leiche des hingerichteten Kapitäns Schumann zum Ausgang geschleppt wird, um über eine Rutsche ins Freie entsorgt zu werden, schauen die Passagiere nicht hin, sondern klammern sich an ihre Nachbarn.

Sie haben noch in Erinnerung, wie der Kapitän erschossen wurde und eine Terroristin kurz danach Zigaretten verteilte. Den Passagieren war klar, dass Schumann als verantwortungsbewusster Pilot bis zu seiner Ermordung gehandelt hatte. Er hinterließ eine Lücke. Dennoch entstand nach der Entfernung des Toten ein unerklärbares und trügerisches Gefühl der Erleichterung, als sei mit ihm das Sterben von Bord gegangen.

Trotz aller Grausamkeiten identifizierten sich die Opfer teilweise mit den Entführern. Die Gemarterten beginnen sie voneinander zu unterscheiden, lesen in den Augen der Terroristen, versuchen, sich in sie hineinzuversetzen, und können die harte Haltung der Bonner Regierung immer weniger verstehen. In der Tat: Der Film mit den Opfern in der Hauptrolle sät beim Zuschauer auch heute noch Zweifel, ob die Regierung nicht doch ein zu hohes Risiko eingegangen war.

"Im fliegenden Sarg" zeigt den späten Sieg einer traditionsreichen Fernsehform, das, was Künstler wie Eberhard Fechner ("Nachrede auf Klara Heydebrecht") erfunden haben: das Entstehen einer großen Erzählung, hier von Gewalt, Lebenshunger und Tod, aus vielen einzelnen Erzählungen. Gemeinsam bleibt den damals Todgeweihten, dass sich ihr Leben auf einen Schlag geändert hat, dass die Unterscheidung in Wichtiges und Unwichtiges völlig umgewertet wurde.

Und mitten im Entsetzen handelt der Film auch vom Glück. "Als wir, mein Mann und ich, Abschied nehmen wollten", sagt die ehemalige Geisel Edelgard Wolf, "kam eine Durchsage." Es war die (in Wahrheit unzutreffende) Nachricht, die deutsche Regierung habe nachgegeben, die gewünschten Austauschterroristen kämen in ein paar Stunden. Alle sprangen auf, es war eine Art Ende vor dem Ende.

Die meisten fielen danach in einen Schlaf. Dann kamen die Befreier von der GSG 9. Frau Wolf konnte aus der Maschine entkommen und sich in eine Sandkuhle der Wüste flüchten. Sie sah den überwältigenden Sternenhimmel und wusste, dass sie den nie mehr in ihrem Leben so sehen werde wie in diesem Moment.


"Im fliegenden Sarg", Mittwoch, 20.15 Uhr, 3sat

Forum

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insgesamt 43 Beiträge
1.
!!!Fovea!!! 17.10.2012
Wieviele Dokus zu einem Thema brauchen wir denn nun noch? Immer dasselbe. Vorschlag: Die technische Seite der Landshut, wie abgefahren waren die Reifen tatsächlich nach der Entführungsodyssee, eine Profilanalyse von 1977? [...]
Zitat von sysopDer Entführer, dein Freund und Mörder: Vier Tage saßen die Geiseln 1977 in der Lufthansa-Maschine "Landshut" fest. Die aufwühlende 3sat-Doku "Im fliegenden Sarg" rekonstruiert das Geschehen aus Sicht der Opfer - und spiegelt dabei die paradoxen Gefühle der Gefangenen. 3sat: Doku über die "Landshut"-Entführung "Im fliegenden Sarg" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/3sat-doku-ueber-die-landshut-entfuehrung-im-fliegenden-sarg-a-861471.html)
Wieviele Dokus zu einem Thema brauchen wir denn nun noch? Immer dasselbe. Vorschlag: Die technische Seite der Landshut, wie abgefahren waren die Reifen tatsächlich nach der Entführungsodyssee, eine Profilanalyse von 1977? Oder: Die Blackbox der Landshut, neueste Erkenntnisse des Funkverkehrs! Essen: Unterbrechung der Kühlkette bzgl. der aufgenommenen Gerichte an Bord, als die Klimaanlage ausfiel! Wer bekam alles Bauchschmerzen. Nach 35 Jahren wissen wir, dass die RAF eine verstörte Gruppe von Pseudointellektuellen (teils mit und ohne Abschluss) war, die jedem Bundesbürger ein Flut von Gesetzen beschert haben, die es so vorher nicht gab (Verhandlung ohne Beisein des Angeklagten). Warum wird nicht permanent darüber berichtet? Das Thema langweilt und wirkt genauso ausgereizt und antiquiriert wie Guido Knopps Dokus.
2. wenn sie...
tobih 17.10.2012
zu der doku: diese scheint sich ja wirklich vom bisher präsentierten zu unterscheiden, im übrigen bin ich der meinung, daß die aktionen der raf nach 35 jahren ein bißchen bagatellisiert werden: anders kann ich mir den heutigen [...]
zu der doku: diese scheint sich ja wirklich vom bisher präsentierten zu unterscheiden, im übrigen bin ich der meinung, daß die aktionen der raf nach 35 jahren ein bißchen bagatellisiert werden: anders kann ich mir den heutigen umgang mit diesen verbrechern (wie oft bekam ein boock denn schon eine plattform im fernsehen?) in der öffentlichkeit nicht vorstellen. Es ist für mich eine verhöhnung der opfer (ja, es kamen auch "einfache leute" damals durch den terror ums leben...), wenn "ehemalige" terroristen (ja, hab ich denn so eine einstellung oder nicht....sich nach jahren geläutert geben und sich anpassen ist noch mehr als opportunistisch und zeigt, daß die raf-weltverbesserer doch nicht so besessen waren von Ihrer Ideologie) sich regelmässig im fernsehen produzieren können und von unserer gesetzgebung begnadigt werden. Die raf-mitglieder sind rehabilitiert, die angehörigen, die durch die anschläge ihre väter oder ehemänner verloren haben, müßen ihr leben lang mit dem erlittenen zurechtkommen. ich finde die 3sat filme zum 35. jahrestag dieser geschehnisse bisher sehr gelungen, nur das aufklären der folgenden generationen durch solche dokumentationen kann eine verharmlosung des terrors und der gewalt verhindern (und dies bezieht sich nicht nur auf den deutschen herbst)
3. Falsche Bezeichnung
gruss-aus-der-schweiz 17.10.2012
Der Kapitän wurde nicht "hingerichtet", sondern ermordet. Wenn man die vierte Terroristin ebenfalls getötet hätte, wäre das eine Hinrichtung gewesen. Weshalb das nicht geschehen ist, ist für mich heute noch [...]
Der Kapitän wurde nicht "hingerichtet", sondern ermordet. Wenn man die vierte Terroristin ebenfalls getötet hätte, wäre das eine Hinrichtung gewesen. Weshalb das nicht geschehen ist, ist für mich heute noch unbegreiflich!
4. Sie haben sich umgebracht???
josseff 17.10.2012
Wie kann der SPIEGEL das wissen? Helge Lehmann hat in seiner Dokumentation horrende Zweifel aufgedeckt und wird morgen in Berlin dazu eine Pressekonfrenz abhalten. Bei Raspe und Baader wurden keine Schmauchspuren an den [...]
Zitat von grollerDer Text zu Bild 4 bedarf einer Korrektur: Helmut Schmidt war Bundeskanzler, nicht Bundespräsident.
Wie kann der SPIEGEL das wissen? Helge Lehmann hat in seiner Dokumentation horrende Zweifel aufgedeckt und wird morgen in Berlin dazu eine Pressekonfrenz abhalten. Bei Raspe und Baader wurden keine Schmauchspuren an den Händen gefunden, auf den Waffen waren keine Fingerabdrücke und - die Pistole die neben Baader lag war gesichert. Bei Gudrun Ensslin wurde ein allgemein beim Tod durch Erhängen üblicher Histamin-Test nicht gemacht. Lehmann wird noch weitere höchst verdächtige details bekannt geben.
5. Inhaftierte Terroristen=Geiseln des Staates ?
zaphod99 17.10.2012
"Statt der Geiseln, welche die Geiselnehmer freipressen wollten" - oder wie ist das zu verstehen?
"Statt der Geiseln, welche die Geiselnehmer freipressen wollten" - oder wie ist das zu verstehen?

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