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17.11.2012
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TV-Film "Blaubeerblau"

Fritjof scheut den Friedhof

Von Aleksandar Jozvaj
BR

Wir wussten es: Sterben macht nun mal keinen Spaß. "Blaubeerblau" heißt die deutsche Tragikomödie, die im Ersten aus Anlass der Themenwoche "Leben mit dem Tod" läuft. Der skurrile Film will der Endlichkeit des Daseins etwas Positives abgewinnen - hat aber Mühe, den richtigen Ton zu finden.

Wie verarbeitet man den Tod eines Verwandten? Wie begleitet man einen Freund in dessen letzten Stunden? Generell: Wie begegnet man Menschen, deren Lebensuhr langsam abläuft? Um solche Fragen zu beantworten, stellt die ARD ihre diesjährige Themenwoche unter das Motto: "Leben mit dem Tod". Vom 17. bis zum 23. November nimmt sich der Sender dem häufig tabuisierten Thema in verschiedenen Beiträgen an. Für Sonntag wurde sogar der Berliner "Tatort" in die Themenwoche eingemeindet - mit mäßigem Erfolg.

Am folgenden Mittwoch zeigt die ARD dann die deutsche Tragikomödie "Blaubeerblau". Das mit allerlei Vorschusslorbeeren geschmückte Projekt soll einer der Höhepunkte der Themenwoche sein.

Fritjof Huber (Devid Striesow), der Protagonist aus "Blaubeerblau", hätte den Fernseher in dieser Woche wohl gar nicht erst eingeschaltet, denn der Tod hat keinen Platz in seinem aufgeräumten Leben. Das penible Muttersöhnchen verdrängt die unbequemen Seiten des Lebens und konzentriert sich lieber darauf, möglichst viele Sonnenblumenkerne vom Laugengebäck zu pulen - ein Mittagsmahl für die Meisen.

Doch dann wird der in einem Architekturbüro angestellte Fritjof beordert, das Aufmaß für ein Sterbehospiz vorzunehmen. Bei der resolut-hysterischen Chefin (Dagmar Manzel) ist jeder Widerstand zwecklos. In den Räumen der abgelegenen Stadtvilla trifft er auf seinen alten Schulkollegen Hannes (Stipe Erceg). Das Hospiz ist dessen letzte Wohnstation: Er hat Pankreaskrebs im Endstadium.

Eine Kuh zum Anfassen

Der Todkranke ist das genaue Gegenteil von Fritte, wie Fritjof aufgrund seiner fettigen Haare einst auf dem Schulhof gerufen wurde. Während der vor Angst nur so strotzt, war Hannes schon damals der Coole, den alle bewunderten und den die Mädels umgarnten. Selbst auf dem Sterbebett triezt er den alten Weggefährten: "Du warst doch damals in meine Schwester verknallt, oder?" Treffer. Sabine ("Tatort"-Komissarin Nina Kunzendorf) ist heute Anwältin, verheiratet, Mutter von zwei Kindern und immer noch ziemlich attraktiv. Fritjof bricht der Schweiß aus.

Fritte besucht das Hospiz nun täglich, aber ohne je etwas zu vermessen. Die dauerhafte Konfrontation mit den Sterbenden ist Fritjofs persönliche Schocktherapie. Er freundet sich nicht nur mit Hannes an, sondern auch mit der älteren Bewohnerin Frau Fahrenholtz (Monika Lennartz), die nicht verraten will, wo die Blaubeeren für ihren deliziösen Blaubeerwein wachsen: "Ihr Nachgeborenen, macht euch gefälligst selbst auf die Socken!" Die Suche nach der blauen Blume muss jeder selbst unternehmen. Erst durch den Tod findet Fritjof ins Leben.

"Blaubeerblau" ist ein verhängnisvoll netter Film; seine Charaktere sind vorhersehbar und leer. Und was erfährt man über den Tod? Nicht viel. Nur, dass Sterbende ihre Wünsche erfüllt wissen wollen. Hannes gibt sich da bescheiden. Er würde gerne noch mal eine Kuh anfassen; eine Kindheitserinnerung aus friedlicheren, sorgloseren Tagen. Angenehm, denn Banalität und Mangel an persönlicher Schicksalstiefe machen den Film zumindest leicht und größtenteils immun gegen gezwungene Effekte oder peinliche Moralkeulen.

Dennoch gelingt es dem Regisseur Rainer Kaufmann ("Die Apothekerin") nicht, dem Film eine klare Linie zu verpassen. Der Humor wechselt zwischen seichter Skurrilität und plumper Alberei. Von der fixen Idee, den Hauptdarsteller Fritjof zu nennen abgesehen (damit es auch der Letzte schnallt, verspotten ihn seine Kollegen als Friedhof), sind die Pizza Ultimo Stagioni oder die Bezeichnung Messdiener für Fritjofs Job nicht nur flach, sondern fehl am Platz. Nachdem Sabine und Fritjof miteinander Sex hatten, fragt sie der halbtote Hannes, wo die beiden gesteckt hätten. "Fritten essen", antwortet seine Schwester keck.

Auch über die Geschwindigkeit verliert Kaufmann die Kontrolle. Nach einem behutsamen Aufbau - einem umfassenden Panorama Fritjofs absonderlicher Angewohnheiten über Vogelliebe, Apfelessig und Urin-gedehnte Schuhe - hetzt "Blaubeerblau" dem Ende entgegen. Als sei es sein letzter Wunsch, streicht der Film alles noch zu Erledigende in Rekordzeit von der Liste. Ein weiterer Widerspruch zu der ansonsten unaufgeregten Grundstimmung, der den Spannungsbogen verflacht.

"Blaubeerblau" ist ein gut gemeinter Versuch, dem Tod etwas Positives abzuringen. Er traut sich seinen eigenen Stil zu verfolgen und versucht sich nicht an morbidem Zynismus, wie es manche englische ("Sterben für Anfänger") oder dänische Produktion ("Okay") meisterlich beherrscht. Trotzdem hinterlässt der Film den bitteren Nachgeschmack zu früh gepflückter Beeren.


"Blaubeerblau", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD
Das gesamte Programm der Themenwoche finden Sie hier.

Forum

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insgesamt 6 Beiträge
1. Gab es keinen Drehbuchautor?
hatem1 17.11.2012
Vergeblich sucht der Leser in dieser Rezension nach dem Drehbuchautoren. Gab es keinen? Hat der Regisseur geschrieben? Entstand der Film durch Improvisation am Drehort? Nein, alles falsch. Beate Langmaack hat das Drehbuch [...]
Vergeblich sucht der Leser in dieser Rezension nach dem Drehbuchautoren. Gab es keinen? Hat der Regisseur geschrieben? Entstand der Film durch Improvisation am Drehort? Nein, alles falsch. Beate Langmaack hat das Drehbuch geschrieben. Das zu unterschlagen, sollte einem SPON-Autoren nicht passieren.
2. Wer braucht Themenwochen?
spon-facebook-10000172069 17.11.2012
Artikel über Fernsehsendungen sind bei mir sehr willkommen - irgendwie muss man ja filtern und Portale wie fernsehstrom.de und sendungverpasst können das nur nachträglich. Aber wozu braucht man Themenwochen? Ich hatte noch einen [...]
Artikel über Fernsehsendungen sind bei mir sehr willkommen - irgendwie muss man ja filtern und Portale wie fernsehstrom.de und sendungverpasst können das nur nachträglich. Aber wozu braucht man Themenwochen? Ich hatte noch einen Blick auf die ARD-Seite. Zur Themenwoche gibt es Paten: Fr. Käßmann, Hr. Beckmann und (man höre und staune) Dieter Nuhr. Und dann werden Sendungen wie der Tatort auch noch zur Themenwoche gepackt. Ok, darauf ist Verlass: Gestorben wird da immer. Nun, denn. Scheinbar muss die ARD sich von Zeit zu Zeit eine Metaebene von Bedeutung verleihen. Mir egal.
3. Egal
noalk 17.11.2012
Herr Jozvai hat sich diesen Film mit einer bestimmten Erwartung angeschaut. Diese wurde nicht erfüllt. Seine Enttäuschung hat er in Worte gefasst. Der Zuschauer muss sich glücklicherweise seiner Meinung nicht anschließen. Ich [...]
Herr Jozvai hat sich diesen Film mit einer bestimmten Erwartung angeschaut. Diese wurde nicht erfüllt. Seine Enttäuschung hat er in Worte gefasst. Der Zuschauer muss sich glücklicherweise seiner Meinung nicht anschließen. Ich kenne den Film, und er hat mir gefallen. Er musste mir auch keine Erwartungen erfüllen.
4. Regisseur? Drehbuchautor?
BettyB. 17.11.2012
Wie bitte? Der Autor hat es doch klargestellt! Der "Film hatte aber Mühe, den richtigen Ton zu finden". Wir sind in der Moderne, da drehen Filme sich selbst (oder Rezensenten wissen nicht, was sie da schreiben)... Soll [...]
Wie bitte? Der Autor hat es doch klargestellt! Der "Film hatte aber Mühe, den richtigen Ton zu finden". Wir sind in der Moderne, da drehen Filme sich selbst (oder Rezensenten wissen nicht, was sie da schreiben)... Soll aber geheim bleiben, deshalb nicht veröffentlchbar...
5. Aber natürlich eine Themenwoche...
spon-facebook-10000426825 17.11.2012
Die Idee dieser Themenwoche finde ich gut, fast schon überfällig. Natürlich wirkt das alles dann etwas steif, aber das Thema als solches ist nun auch wahrlich nicht einfach. Der einzige fade Beigeschmack daran, dass es sich hier [...]
Die Idee dieser Themenwoche finde ich gut, fast schon überfällig. Natürlich wirkt das alles dann etwas steif, aber das Thema als solches ist nun auch wahrlich nicht einfach. Der einzige fade Beigeschmack daran, dass es sich hier um eine Themenwoche handelt - die Befürchtung liegt nahe, dass nach dieser Woche mal wieder alles vorbei ist. Vergessen, ignoriert und ausgeblendet.

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