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04.12.2012
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ARD-Schuldrama

Lasst ihn zappeln!

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BR

Medikamente oder Extrabehandlung? Das ARD-Drama "Zappelphilipp" zeigt eine Lehrerin im Kampf um ein Kind mit Aufmerksamkeitsdefizit und beleuchtet das schwierige System Schule. Ein Film ohne Gebrauchsanweisung - aber mit vielen wahren Momenten.

Ihr bester Freund ist ein Frettchen, seiner eine Computerspielfigur. Hannah Winter (Bibiana Beglau) und der zappelige Fabian (Anton Wempner) sind nicht unbedingt das, was man sozial geerdet nennt. Jetzt muss sich die Grundschullehrerin mit dem sonderbaren Haustier um den Jungen mit dem Aufmerksamkeitsdefizit kümmern. Auf seiner letzten Schule hatte Fabian schnell den Ruf des Problemfalls weg, in der dritten Klasse von Frau Winter soll er neu starten.

Doch schon der Anfang gestaltet sich schwierig. Fabian sprengt die Morgenrunden, indem er sich mit einem imaginären Maschinengewehr auf den Boden schmeißt, beim Rempeln kriegt eine Mitschülerin eine blutige Nase. Doch Frau Winter lässt sich in ihrem Glauben an den Jungen nicht erschüttern. Durch einen "Wutstein", den sie ihm gibt, kann er seine überschüssige Energie auf das Ding in seiner Hand lenken. Und an der Trommel beim Musikkurs findet Fabian auf einmal in den kollektiven Takt der Klasse.

Klingt nach Pädagogen-Romantik? Ist aber das Gegenteil. Regisseurin Connie Walter ist es in ihren Fernsehfilmen immer wieder gelungen, aus schwierigen Stoffen einfache Geschichten zu extrahieren, ohne die dazugehörige soziale Komplexität zu leugnen. In "12 heißt: Ich liebe Dich" erzählte sie glaubhaft von einer Liebesgeschichte zwischen einem Stasi-Offizier und seinem Opfer, in "Frau Böhm sagt nein" beleuchtete sie das Thema Wirtschaftskriminalität aus der Perspektive einer älteren Sekretärin. Die Stories waren einfach - und doch öffnete Walther mit ihren Inszenierungen den gesamten gesellschaftspolitischen Resonanzraum der Themen.

Kinder? Kann ich nicht ab

So jetzt auch bei "Zappelphilipp" (Buch: Silke Zertz). Dabei gibt der Film keine leichten Antworten: Was ist denn nun mit Fabian? Ist er lediglich ein besonders bewegungsfreudiges Kind, das Raum und Freiheit braucht, um sich zu entfalten? Oder ist seine Quirligkeit ein klares Symptom von ADHS, das man mit Psychopharmaka in den Griff bekommt? Und flüchtet sich die Lehrerin gar nur deshalb in die Extra-Betreuung, weil sie nicht mit ihrem eigenen Leben klarkommt? Die Bewertung bleibt offen; die Diagnose ADHS steht im Raum, ohne dass sie verifiziert wird.

Während sich Frau Winter und Fabian, diese beiden auf ihre Weise verirrten Seelen, annähern, wird lakonisch das System Schule beschrieben. Da ist der engagierte Vater einer anderen Schülerin, der dagegen aufbegehrt, dass seine Tochter mit einem Jungen unterrichtet wird, der durch sein Verhalten Minute um Minute vom Unterricht abzieht. Denn Zeit, so der ökonomisch denkende Vater, sei die Währung unserer Zeit. Da ist Winters dünnhäutige Kollegin, die nach einem Zwischenfall auf der Toilette zusammenbricht und sich selbst eingestehen muss, dass sie Kinder eigentlich nicht mag. Muss man ja auch mal sagen dürfen. Und da sind die anderen Lehrer, die verständlicherweise langsam mürrisch werden, weil der schwierige Junge ihnen den Unterricht kaputtmacht. Soll man es doch mal mit Medikamenten bei ihm probieren, hat bei einem anderen Problemfall doch auch prima geklappt.

Lakonisch erzählt der Film von diesen extrem aufreibenden Verständigungsprozessen. Keiner hat hier unrecht, alle Positionen sind verständlich. Wie also weitermachen, ohne zynisch zu werden? Wie Kinder, Eltern und Kollegen in den Griff bekommen, ohne irgendwann erschöpft zusammenzubrechen?

Lehrer sind die Moderatoren unserer Zeit, in ihrem Wirkungsbereich haben sie die großen gesellschaftlichen Einigungsprozesse voranzutreiben. Oder die gesellschaftlichen Bankrotterklärungen zu verwalten. In der stillen Wucht, mit der diese Erkenntnis ausgebreitet wird, ist "Zappelphilipp" der beste Film über das System Schule seit Lars Kraumes Hauptschuldrama "Guten Morgen, Herr Grothe".

Und wie hält man diese permanente Auseinandersetzungen nun aus? Vielleicht sind es diese Szenen in Zeitlupe, die Connie Walther in ihrem aufreibenden, aber niemals verzagten Film einstreut. Da zeigt sie, wie die Lehrerin inmitten ihrer Schüler beim Spielen zur Ruhe kommt. Und wie kurz alle beieinander sind: die Schnellen und die Langsamen, die Ruhigen und die Zappeligen.


"Zappelphilipp", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 111 Beiträge
1. Schule ist nicht einfach
spon-facebook-10000172069 04.12.2012
Im Zeitalter von Hobbypädagogen, die mit dem idealisierten Erfahrungshorizont einer Einzelkinderziehung jedem Lehrer die Welt erklären, wirft so ein Film ein Flutlicht der Komplexität. Das ist gut. Ein Blick durch die Mediatheken [...]
Im Zeitalter von Hobbypädagogen, die mit dem idealisierten Erfahrungshorizont einer Einzelkinderziehung jedem Lehrer die Welt erklären, wirft so ein Film ein Flutlicht der Komplexität. Das ist gut. Ein Blick durch die Mediatheken (oder auch fernsehstrom.de) verrät, dass diese Woche ein Film über Udo Lindenberg, ein spannender Krimi mit Heino Ferch, dazu einige Top-Serien und Dokumentationen und dann dieser Film jederzeit zur Abendunterhaltung bereitstehen. Da kann man das Schimpfen über die GEZ ja fast einmal aussetzen.
2. Das Thema eignet sich
blödföhn 04.12.2012
nicht für Stereotype Verfilmungen und einfache Weisheiten.
nicht für Stereotype Verfilmungen und einfache Weisheiten.
3.
achim68 04.12.2012
Hm... wenn man Erziehung, Disziplin und Strebsamkeit zum gesellschaftlichen no-go macht, kommt eben so etwas raus... :-) Nun lebt damit!
Zitat von sysopMedikamente oder Extrabehandlung? Das ARD-Drama "Zappelphilipp" zeigt eine Lehrerin im Kampf um ein Kind mit Aufmerksamkeitsdefizit und beleuchtet das schwierige System Schule. Ein Film ohne Gebrauchsanweisung - aber mit vielen wahren Momenten. "Zappelphilipp": ARD-Schuldrama um einen Jungen mit ADHS - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/zappelphilipp-ard-schuldrama-um-einen-jungen-mit-adhs-a-870077.html)
Hm... wenn man Erziehung, Disziplin und Strebsamkeit zum gesellschaftlichen no-go macht, kommt eben so etwas raus... :-) Nun lebt damit!
4. Adhs
vamp1971 04.12.2012
Sicher ein interessanter Film. Was ich (41 Jahre) mich immer frage: Warum gibt es ADHS erst seit relativ kurzer Zeit? Ist hier eine "Krankheit" erfunden worden, die einfach nur für etwas anderes steht? Für [...]
Sicher ein interessanter Film. Was ich (41 Jahre) mich immer frage: Warum gibt es ADHS erst seit relativ kurzer Zeit? Ist hier eine "Krankheit" erfunden worden, die einfach nur für etwas anderes steht? Für Vernachlässigung, schlechte Erziehung und die Unfähigkeit, Regeln zu akzeptieren. Ich bin offen für psychologische Aspekte, aber ich weigere mich, hier eine Krankheit zu sehen, wo keine ist.
5. Eindrucksvoll
ruhepuls 04.12.2012
der Film zeigt eindrucksvoll, wie schwierig es uns (heute?) fällt, mit "nicht Angepassten" umzugehen. Sind das nun bloß "schwierige Kinder" oder "Kranke", die man behandeln muss? Wer definiert [...]
der Film zeigt eindrucksvoll, wie schwierig es uns (heute?) fällt, mit "nicht Angepassten" umzugehen. Sind das nun bloß "schwierige Kinder" oder "Kranke", die man behandeln muss? Wer definiert eigentlich, ab wann ein Verhalten krank ist? Die Antwort auf diese Frage hängt vom jeweiligen Interessenstandpunkt des Antwortenden ab. Daran ändern auch keine "Übereinkünfte der Wissenschaft" etwas, die definieren, ab welcher Menge an zutreffenden Symptomen eines Fragebogens man der Sache einen Krankheitsnamen geben darf...

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