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20.12.2012
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TV-Rückblick 2012

Und jetzt tut's weh

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dapd

Ein Show-Gigant schrumpft, ein Torwart-Titan stellt sich ins Abseits, ein Nobody überstrahlt alle Profis - die TV-Kritiker von SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE küren die Tops und Flops dieses Fernsehjahres. Mit dabei: Raab und Roche, Thommy und Oli, Tellkamp und Twitter. Und der Typ mit der Tanke.

Stefan Raab: Bürgerbeteiligung auf die harte Tour

Wenn Stefan Raab ein Indianer wäre, müsste er Der-dahin-geht-wo's-wehtut heißen. 2012 hat er nach all seinen Wok-WM-Turmspring-Stockcar-Eisfußball-Pokernacht-Wettkampf-Erfindungen die schmerzensreichste Herausforderung überhaupt gesucht: Er startete eine politische Talkshow. Sie heißt "Absolute Mehrheit" und soll künftig etwa einmal monatlich auf ProSieben laufen.

Wer die erste Ausgabe bescheuert fand, hat nicht ganz unrecht. Wer aber sagt, dem Raab falle auch nix Neues mehr ein, hat weder das Talkformat noch ihn selbst begriffen. Denn Raab hat dieses von Plasbergwillmaischbergerjauch-beckmannillner komplett zerredete Format neu erfunden - Bürgerbeteiligung inklusive. Er hat es zudem geschafft, in den jüngeren Zielgruppen (also denen diesseits des Frührentenalters) weit mehr Neugierige anzulocken als alle anderen. Und er hat dabei wieder etwas Neues riskiert, statt wie all die anderen alerten Alles-weg-Moderierer ewig den gleichen Brei durchzukauen.

Der einzige, der 2012 ähnlich mutig war, ist übrigens Thomas Gottschalk gewesen. "Wetten, dass..?" sausen zu lassen, um erst im ARD-Vorabend zu verhungern und sich dann noch als Co-Juror beim RTL-"Supertalent" zu versuchen - das war schon tollkühn. Verrückterweise ist Stefan Raab auch in puncto Abenteuerlust Gottschalk ähnlicher, als beide wohl schmeichelhaft fänden. Thomas Tuma

WDR/ DPA

"Mama, hör auf damit!": Ein Film, der über Schmerzgrenzen geht

"Mama, hör auf damit": Wenn Hinhören schmerzt

Ihnen zuzuhören, tat weh. Wie sie sich mühten, den Verlust von grenzenlosem Vertrauen und bedingungsloser Liebe in Worte zu fassen. Die Erschütterung stand ihnen noch immer im Gesicht. Andrea und Axel sprachen in "Mama, hör auf damit!" darüber, wie sie als Kinder von ihren Müttern missbraucht wurden, welch unerträgliches Parallelleben sie neben der vorgegaukelten Familienidylle durchstehen mussten.

Der ARD-Film von Stephanie N. Linke gehört zu den besten Dokumentationen, die 2012 ausgestrahlt wurden (und das immerhin noch um 22.45, was bei der öffentlich-rechtlichen Programmplanung nicht selbstverständlich ist). Ein Verdienst, das der Gesprächsführung der Autorin, aber auch dem Mut der Protagonisten zu verdanken ist, die sich aus der Anonymität wagten.

Andrea entband sogar ihre Therapeutin von der Schweigepflicht. Entstanden ist so ein leiser Film, der über jede Schmerzgrenze geht. Der festhält, wie Angst und Ekel Leben zerstören können. "Das ist so, wie wenn die Mutter das Kind umbringt", sagt Axel in die Kamera. Nur schlimmer. Julia Jüttner

MDR

Simone Thomalla in der "Tatort"-Episode "Todesbilder": Endlich mal die Schnute zu

Second Screen: Es blüht die Gehässigkeit

Offenbar gibt es da draußen Zuschauer neuen Typs, Leute, die keine richtigen Zuschauer mehr sind, sondern längst hinübergewandert in eine ferne neue Welt jenseits des Fernsehers. Leute, die hauptsächlich am Rechner sitzen und nur nebenbei glotzen. Second Screen heißt dieser Trend und besteht darin, dass das Fernsehen durch Zusatzangebote im Netz all jene Zuschauer wieder einfangen will, die ihm schon an die Zukunft verloren gegangen sind.

Zum Mitmachen motivieren - machen jetzt alle so, von der "Sportschau" bis zu "Wetten, dass..?". Unter #Tatort bei Twitter etwa geht es ab 20.15 Uhr zu wie in einer Kneipe, wo alle sternhagelvoll sind. Da wird gelärmt, gerempelt, geflirtet - und wahrscheinlich auch getrunken, man sieht's ja nicht. Auch nicht, wer wem auf die Füße tritt, aber getreten und gebissen wird ständig. Wer sich nach drei "Tatorten" in Folge mit homosexuellen Triebtätern mal wieder einen schwulenlosen "Tatort" oder eine ausnahmsweise schnutenlose Simone Thomalla wünscht, wird hier flugs der Homophobie überführt oder des Sexismus bezichtigt.

Alle schauen nur halb hin, keiner schreibt richtig, es regieren das Stumpfe und das Dumpfe, dazwischen blühen Gehässigkeiten. Diese Leute sind keine richtigen Zuschauer mehr. Und das Fernsehen wiederholt den Fehler des Römischen Reiches, das ja auch irgendwann diese interessanten Goten zum Mitmachen motiviert hat. Arno Frank

DPA

Benjamin von Stuckrad-Barre: Darf ich Ihnen die Krümel abwischen?

"Stuckrad-Barre": Therapie für Spaßbremsen

Er kratzt der Grünen-Politikerin Franziska Brantner ein Stückchen Croissant vom Mund ab, führt CSU-Hinterwäldler Norbert Geis mit dessen äußerst mäßigen Englisch-Kenntnissen vor und lässt den Berliner SPD-Landeschef Jan Stöß beim "Rentnerinnen-Flirten" antreten. Kurz: Es ist große Unterhaltung, ein Therapieabend für Spaßbremsen, was Benjamin von Stuckrad-Barre in seiner Late-Night-Show macht.

Die Zuschauerzahlen sind natürlich keine Quote, sondern eine Katastrophe, denn der Sender Tele 5 ist der Vorhof des deutschen Fernsehens. Was die Nicht-Gucker verpassen: Einen klugen, sich extrem schnell langweilenden Gastgeber und Gäste, die schon so abgehalftert sind, dass sie wieder interessieren oder aber unbekannt und unverbraucht daherkommen. Nach ein paar Folgen "Stuckrad-Barre" wirken die Talker im Ersten und Zweiten im Vergleich wie wandelnde Morphium-Spritzen mit ihren nichts sagenden Meinungsstammeleien. Man möchte alle Macher dieser "Shows" sofort wegen des Straftatbestands der schweren Zuschauer-Beleidigung bei der nächsten Polizeidienststelle anzeigen.

Und wieder Stuckrad-Barres Entertainment-Offerten annehmen: FDP-Mann Gerhard Baum beim Zertrümmern eines Modells des Guido-Mobils zuschauen oder sich wundern, wie Ex-Justizministerin Brigitte Zypries Linsen ertastet. Nebenbei geht es auch um Inhalte. Wirklich! Martin U. Müller

DPA

Katrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn: Wo sind die Rentner?

ZDF-Seebühne: Auf der Bohrinsel nachts um halb eins

Dass einem die Fußball-EM 2012 in keiner guten Erinnerung ist, liegt natürlich in erster Linie an einem gewissen Mario Balotelli. Das klägliche Halbfinal-Aus der deutschen Nationalelf gegen Italien sahen rund 28 Millionen Zuschauer in der ARD. Insofern besteht kein direkter Zusammenhang zur zweiten bleibenden EM-Assoziation.

Die führt direkt zur sogenannten Seebühne des ZDF auf Usedom: Hunderte Kilometer entfernt von den Stadien in Polen und der Ukraine hatte der Mainzer Sender eine Art künstliche Bohrinsel ins Meer gerammt und dort die Spiele übertragen - auf großer Leinwand vor ein paar Rentnern in Liegestühlen.Das Bild des entrückten Moderatoren-Duos Katrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn steht geradezu sinnbildlich für ein verkorkstes Turnier - ganz zu schweigen von den peinlichen Bemühungen, den Ex-Torhüter ans Twittern heranzuführen.

Inzwischen haben die Senderverantwortlichen Defizite eingeräumt und Besserung gelobt. ZDF-Intendant Thomas Bellut jedenfalls hat angekündigt, die Berichterstattung von der WM in Brasilien 2014 nicht mehr an Strände verlegen zu wollen. Peter Luley

REUTERS

Markus Lanz am 6. Oktober bei "Wetten, dass..?": Mann, ist der stark. Und langweilig.

"Wetten, dass..?": Krafthuberei ohne Komik

Um keine andere Sendung im deutschen Fernsehen ist 2012 (ja, zugegeben, auch auf SPIEGEL ONLINE) so ein Theater gemacht worden wie um "Wetten, dass..?": Erst um die Frage, wer Thomas Gottschalk als Moderator nachfolgen würde. Später, als feststand, dass es Markus Lanz sein würde, um die Frage, wie beziehungsweise ob der seine neue Aufgabe meistern würde. Um die Frage schließlich, wie sich "Wetten, dass..?" und damit mindestens auch die gesamte deutsche TV-Unterhaltung verändern würde. Dann kam der 6. Oktober, der Samstagabend, an dem Markus Lanz zum ersten Mal die neu gestaltete "Wetten, dass..?"-Bühne betrat, und es kam der Moment, der alle Fragen beantwortete.

Nein, es war nicht der Augenblick, in dem die Proll-Darstellerin Cindy aus Marzahn einem Wohnwagen entstieg und fortan ernsthaft als kongeniale Co-Moderatorin gehandelt wurde. Es war auch nicht der Moment während der Hunde-Wette, in dem augenfällig wurde, wie witzig und spontan der organisierte Irrsinn auch ohne Thomas Gottschalk kommentiert werden kann - nur leider eben nicht von Markus Lanz, sondern von dem als Wettpate anwesenden Schauspieler Wotan Wilke Möhring. Es waren auch nicht die Minuten, in welchen Markus Lanz mit größtem Ehrgeiz gegen einen muskelbepackten Menschen aus dem Publikum antrat zum Bierkastenliegestütz, zu einer im Grunde vollkommen spaßfreien Demonstration männlicher Körperkraft.

Nein, der TV-Moment, der alles über diesen Abend und über den Charakter der generalüberholten Show aussagte, war ein kurzer Schnitt auf den Gast Karl Lagerfeld während der Bierkastenkrafthuberei: Alle um ihn zappelten, jubelten, taten begeistert, nur Lagerfeld betrachtete unbewegt das glanzlose Geschehen. Der Mann hat Geschmack. Stefan Kuzmany

DAS ERSTE

Familienaufstellung in dem Zweiteiler "Der Turm": Bitte kein Wortgeklingel

"Der Turm": Untergang und Wiedergeburt

Es war die Begegnung dieses TV-Jahres: Die große, alte, ewig, junge und wilde Dame Literatur trifft, eingehüllt in die Pracht ihrer herrlichen Wortschleier, auf die Bildjäger des Fernsehens, die eingezwängt sind in Formate und Quote. Das konnte nicht gutgehen. Und ging doch gut. Sehr gut.

Im Fall der zweiteiligen Verfilmung von Uwe Tellkamps Wenderoman "Der Turm" geschah das Medienwunder - grenzenloses Kunstvergnügen durch Anerkennung von Grenzen. Diejenigen, die Tellkamps 2007 erschienenes 1000-Seiten-Buch nicht nur gekauft, sondern auch gelesen hatten, fremdelten zunächst vor dem Schirm: Wo war die Schilderung von "Ostrom" geblieben, dem düsteren Sitz der DDR-Funktionäre? Wo die verwunschene Welt der Dresdner Bildungsbürger? Wo die magische Beschreibung einer verwüsteten Natur, wo das süße Wortgeklingel abendländischer Bildung? Auftrittsverbot.

Thomas Kirchner (Drehbuch) und Christian Schwochow (Regie) schnitten sich voller Selbstbewusstsein aus dem Riesenlaib des Tellkampischen Untergangspanoramas die Teile heraus, die das Fernsehen verdauen kann: schwacher Vater, leidender Sohn, brutale Offiziere, verklemmter Sex, die Melancholie unterdrückter Menschen. Das Ensemble der Schauspieler - das Beste, was das deutsche Fernsehen besitzt - bannte den Geist des Romans auf ihre Gesichter und schuf ein eigenes großes Buch im großen Buch. Mehr geht nicht. Nikolaus von Festenberg

DPA

Charlotte Roche und Jan Böhmermann: Promo-Gespräche, nein danke

"Roche & Böhmermann": Nieder mit der Schwatzbude!

So mancher wird sich diebisch gefreut haben, als Charlotte Roche es Anfang September einfach mal aussprach: "Boah, das ist ganz schöner Schlager", sagte die Moderatorin zu dem Musiker Max Herre - nachdem sie ihm kurz vorher unterstellt hatte, seine Texte einst nicht selbst geschrieben zu haben, weil die ja früher viel besser gewesen seien. Rumms! Co-Moderator Jan Böhmermann spielte "Good Cop", schlug die Hände über dem Kopf zusammen und warf Roche vor, Herre viel zu hart ranzunehmen. Der, überraschend unsouverän, stand auf, sagte, er würde auf die Toilette müssen - und kam nicht wieder.

Da hatte die manchmal etwas angestrengt gegen den Strich gebürstete ZDFkultur-Talkshow ihren kleinen, lustigen Skandal. "Roche & Böhmermann" stand auch in diesem Jahr dafür, die Regeln des von schnarchnasigen Shows wie "3nach9" oder der "NDR-Talkshow" definierten Schwatzbuden-Genres möglichst frech zu unterlaufen: "Keine Promo-Gespräche" mit den eingeladenen Gästen, heißt das selbstverordnete Motto, und sehr gerne schießen der Satiriker und die Bestsellerautorin dabei übers Ziel hinaus, machen auch vor Beleidigungen nicht halt. Zumeist ist das alles herrlich chaotisch und unterhaltsam, als erkennbare Masche freilich ebenso ermüdend wie die selbsterklärten Feindbilder.

Nach jeder Sendung üben Roche und Böhmermann vor der Kamera Stil- und Selbstkritik - fast das Beste an der Show! Wie gerne würde man die Di Lorenzo/Rakers oder Meyer-Burckhardt/Schöneberger mal bei solchen Manövergesprächen sehen. Andreas Borcholte

DPA

Komiker Olli Dittrich: Was hätte aus der deutschen Late-Night-Kultur werden können

Olli Dittrich bei Harald Schmidt: Der beste Gast der Welt

Ist es falsch, vor Harald Schmidt niederzuknien? Vor ein paar Jahren war das ja noch übliche Alltagsübung in den Feuilletons, mittlerweile hat sich die Liebe zum Meister merklich abgekühlt - aber er schenkt uns manchmal eben doch die schönsten Momente, die das Fernsehen bietet. Vor allem, wenn er gemeinsam mit Olli Dittrich zu sehen ist.

Was hätte aus der deutschen Late-Night-Kultur werden können, wenn die zwei schon in der ARD gemeinsam die Show geschmissen hätten! Dittrich ist - mittlerweile unter weitgehendem Ausschluss der deutschen Kulturkritik - der beste Gast, beste Gegenpart, beste Herausforderer, den Schmidt haben kann.

Unvergesslich, wie Dittrich in Schmidts Sat.1-Show den zwischenzeitlichen ARD-Talker Thomas Gottschalk parodierte. Wie er da Gottschalk in seiner Wurschtigkeit zeigte und zugleich den TV-Titanen durchschimmern ließ, der sich diese Wurschtigkeit als einziger leisten kann. Sensationell. "Ich bin ein sehr schlechter Gottschalk-Parodist", sagte Dittrich in totaler Selbstunterschätzung. "So wie er wahrscheinlich auch - mittlerweile." Markus Brauck

Getty Images

Thomas Gottschalk bei "Gottschalk Live": Anke, Annette, alles egal

Thomas Gottschalk: Was redet der alte Mann?

Keine Sendung in diesem Jahr habe ich mit so großem Staunen verfolgt wie "Gottschalk Live" im Ersten. Da hing ein bärtiger alter Mann, der ein bisschen so aussah wie Thomas Gottschalk, in seinem Sessel und redete davon, dass früher alles besser war. Oder er erzählte, dass er mit Bill Clinton befreundet ist oder mal im selben Flieger saß wie Angelina Jolie.

Überhaupt drehte sich jedes Gespräch um ihn, egal, worum es eigentlich ging. Als der Theologe Hans Küng über selbstbestimmtes Sterben sprach, pflichtete er ihm bei: Er habe sein Ende bei "Wetten, dass..?" ja ebenfalls selbst herbeigeführt. Da die Gäste auch in der ARD-Show nur Beiwerk waren, verzichtete der alte Mann konsequenterweise gleich darauf, sich auf sie vorzubereiten. Manchmal gab er ihnen sogar neue Namen. Anke Engelke hieß bei ihm Annette. Er sagte auch Biennale, wenn er Berlinale meinte. Wann genau die Werbung einsetzte, wusste er nie. Auch nicht, in welche Kamera er schauen musste. Manchmal wünschte er den Zuschauern um kurz vor acht schon ein gute Nacht.

Irgendwann bekam der alte Mann einen professionellen Redaktionsleiter und die Sendung ein Konzept. Von da an war "Gottschalk Live" normales Fernsehen. Ich habe es dann nicht mehr geschaut. Alexander Kühn

DPA

Aaron Troschke in Berlin: Tankstelle ohne Säulen

Aaron Troschke bei "Wer wird Millionär": Und sonst so?

Sie hatten sich schon bei der 300-Euro-Frage von "Wer wird Millionär" munter verplaudert, Günther Jauch und sein Kandidat Aaron Troschke, der in Weißensee einen Kiosk hat - oder wie er es erklärte: "'Ne Tankstelle ohne Säulen".

Aber der eigentliche große Fernsehmoment begann, als eine Kamera ausfiel und der Kandidat die Zwangspause mit einer schlichten Frage an den Moderator füllte: "Und sonst so?" Es entwickelte sich ein Gespräch, an dem eigentlich nichts spektakulär war, außer dass man hier zwei Menschen, die Lust hatten, miteinander zu reden, dabei zusehen konnte, wie sie miteinander redeten. Angesichts des ungehemmten, lustigen, direkten Berliners geriet Jauch immer wieder selbst ins Berlinern. Er ließ das Gespräch in abwegige Seitenpfade verlaufen und gab am Ende sogar eine überzeugende und völlig unverstellt wirkende Antwort auf die Frage, warum er nicht "Wetten, dass..?" übernommen habe: "Weil ich mich mit einem wie Ihnen eine halbe Stunde glänzend unterhalten kann, aber zu Lady Gaga fällt mir nix ein."

Inmitten des ganzen TV-Zinnobers kann eine bloße Unterhaltung die beste Unterhaltung sein. Stefan Niggemeier

ZDF

Ina Weisse und Barbara Auer in "Das Ende einer Nacht": Strauss-Kahn lässt grüßen

"Das Ende einer Nacht": Das Ende der Gewissheiten

Wer hatte Anfang 2012 keine dezidierte Meinung über Dominique Strauss-Kahn und Jörg Kachelmann? Mitten in die Diskussion über echten oder vermeintlichen Machismo platzte dieser aufreibend komplexe ZDF-Gerichtskrimi: In Matti Geschonnecks "Das Ende einer Nacht" wurden alle feste Überzeugungen, die man zur Vergewaltigungsdebatte haben konnte, pulverisiert. Einen so harten Diskurs über den Rechtsstaat hatte man im fiktionalen deutschen Fernsehen noch nicht gesehen.

Der Clou: Die widerstreitenden Positionen über mutmaßliche männliche Gewalt wurden von zwei Frauen vertreten. Zum einen ist da eine Strafverteidigerin (Ina Weisse), die auf die Unschuld ihres Mandanten pocht, weil sie das als ihre anwaltliche Pflicht sieht. Mit kühler Präzision nimmt sie die Beweiskette der Anklage auseinander. Zum anderen ist da eine Richterin (Barbara Auer), die dafür bekannt ist, dass sie Männer besonders hart bestraft. Und solche mit Geld und Macht noch härter. Mittendrin: ein zwielichtiger Software-Unternehmer mit Vorliebe für Demütigungsspiele (Jörg Hartmann, der sich auch durch seine "Tatort"-Auftritte den Titel als Griesgram dieses Jahres erspielt hat).

Wie hier im Resonanzraum der Strauss-Kahn- und Kachelmann-Verfahren sämtliche Gewissheiten in sich zusammenbrachen - das war großes, erschütterndes Courtroom-Kino. Wie wunderbar: Deutsches Fernsehen kann richtig schön wehtun. Christian Buß

Forum

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insgesamt 31 Beiträge
1. Titelzwang
!!!Fovea!!! 20.12.2012
Es kann ja nur aufwärts gehen, da ab 01.01.13 die Haushalts(zwangs)abgabe gibt für ÖR! Da stehen dann vielleicht noch mehr Ex-Fußballer herum und faseln irgendein Zeug.
Zitat von sysopEin Show-Gigant schrumpft, ein Torwart-Titan stellt sich ins Abseits, ein Nobody überstrahlt alle Profis - die TV-Kritiker von SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE küren die Tops und Flops des Fernsehjahres. Mit dabei: Raab und Roche, Thommy und Oli, Tellkamp und Twitter. Und der Typ mit der Tanke. TV-Jahresrückblick 2012 mit Gottschalk, Raab und Dittrich - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/tv-jahresrueckblick-2012-mit-gottschalk-raab-und-dittrich-a-873311.html)
Es kann ja nur aufwärts gehen, da ab 01.01.13 die Haushalts(zwangs)abgabe gibt für ÖR! Da stehen dann vielleicht noch mehr Ex-Fußballer herum und faseln irgendein Zeug.
2. Entschuldigung...
Butterfly 20.12.2012
...Stefan Raab hat was, bitte? Den Polittalk neu erfunden? Reden wir von dem gleichen Typen? Sie meinen doch den, der sich mit Demütigungen, Blossstellungen und Gemeinheiten seit Jahren massenkompatibel in Szene setzt und dabei [...]
...Stefan Raab hat was, bitte? Den Polittalk neu erfunden? Reden wir von dem gleichen Typen? Sie meinen doch den, der sich mit Demütigungen, Blossstellungen und Gemeinheiten seit Jahren massenkompatibel in Szene setzt und dabei Millionen scheffelt, oder? Wie kommen Sie dazu, das auch noch offiziell zu belobigen? Herr Raab erfindet nichts Neues, sondern setzt seine eine Erfolgsidee, über deren ethische Grundlagen man sich trefflich streiten kann, in immer neuen Formaten um. Treffend beschreiben lässt sich das mit dem einen Wort, dass Sie deskriptiv richtig verwendet haben: Brachial. Und ich finde es nicht zum jubeln, dass nur so etwas jüngeres Fernsehpublikum vor den Bildschirm lockt. Dabei promotet Stefan Raab immer nur Stefan Raab, und seine einzige Daseinsberechtigung zieht er aus der Quote und Geld. Ich finde, dass deutsche Fernsehzuschauer etwas besseres verdient haben, und ja, ich weiß: Auch darüber lässt sich trefflich streiten.
3. Aufwärtsgehen?
hubertrudnick1 20.12.2012
Sie schreiben da es kann ja nur aufwärtsgehen, aber bitte sagen sie dann wie das gehen soll. Kritik ist oft angebracht, nur kann ich mich nicht erinnern dass es je mals besser war und die Aussichten für die Zukunft, na ich [...]
Zitat von !!!Fovea!!!Es kann ja nur aufwärts gehen, da ab 01.01.13 die Haushalts(zwangs)abgabe gibt für ÖR! Da stehen dann vielleicht noch mehr Ex-Fußballer herum und faseln irgendein Zeug.
Sie schreiben da es kann ja nur aufwärtsgehen, aber bitte sagen sie dann wie das gehen soll. Kritik ist oft angebracht, nur kann ich mich nicht erinnern dass es je mals besser war und die Aussichten für die Zukunft, na ich erwarte nichts gutes. Imgrunde hatte man zu viel über den Teich geschaut und versucht vieles nachzumachen, aber aus Müll kann man eben nichts Gescheites machen. Ob öffentlich rechtliche, oder Private, die Qualität an den Sendungen ist zu oft zum Heulen. Und Filme die hier gute Kritiken bekommen geben imgrunde kaum was wieder, nicht dass sie unbedingt schlecht sind, nur das uneingeschränte Positive kann kaum einer darin entdecken. Ich will damit aber nicht sagen dass wir nur unzufrieden sind, aber hoch studierte und oft auch sehr gute bezahlte Macher sollten sich da doch schon etwas mehr anstrengen. HR
4. Stuckrad Barre
halt! 20.12.2012
S. Barre sucht so verzweifelt nach neuem, so frischem, so ganz innovativem, total jung frecher Respektlosigkeit, dass es den älteren Zuschauern, die das aus der TV Geschichte längst kennen, nur halt besser gemacht, dermaßen [...]
S. Barre sucht so verzweifelt nach neuem, so frischem, so ganz innovativem, total jung frecher Respektlosigkeit, dass es den älteren Zuschauern, die das aus der TV Geschichte längst kennen, nur halt besser gemacht, dermaßen langweilt, dass sie zu Recht wieder auf bewährtes umschalten. Damit lassen sich bestenfalls unerfahrene Jungzuschauer beeindrucken.
5. Traurig aber wahr
teufelsküche 20.12.2012
Raab hat es mit "seinem" Format wohl tatsächlich geschafft, auch jüngere Zuschauer für einen sogenannten Polittalk vor den Fernseher zu locken (diesseits der Frührente, wie es im Artikel so schön heißt). In diesen [...]
Zitat von Butterfly...Stefan Raab hat was, bitte? Den Polittalk neu erfunden? Reden wir von dem gleichen Typen? Sie meinen doch den, der sich mit Demütigungen, Blossstellungen und Gemeinheiten seit Jahren massenkompatibel in Szene setzt und dabei Millionen scheffelt, oder? Wie kommen Sie dazu, das auch noch offiziell zu belobigen? Herr Raab erfindet nichts Neues, sondern setzt seine eine Erfolgsidee, über deren ethische Grundlagen man sich trefflich streiten kann, in immer neuen Formaten um. Treffend beschreiben lässt sich das mit dem einen Wort, dass Sie deskriptiv richtig verwendet haben: Brachial. Und ich finde es nicht zum jubeln, dass nur so etwas jüngeres Fernsehpublikum vor den Bildschirm lockt. Dabei promotet Stefan Raab immer nur Stefan Raab, und seine einzige Daseinsberechtigung zieht er aus der Quote und Geld. Ich finde, dass deutsche Fernsehzuschauer etwas besseres verdient haben, und ja, ich weiß: Auch darüber lässt sich trefflich streiten.
Raab hat es mit "seinem" Format wohl tatsächlich geschafft, auch jüngere Zuschauer für einen sogenannten Polittalk vor den Fernseher zu locken (diesseits der Frührente, wie es im Artikel so schön heißt). In diesen Zeiten, in denen es um nicht mehr oder weniger als die Zukunft unseres Landes geht, finde ich das mehr als traurig.

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