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28.12.2012
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Doppel-"Tatort" zum Jahreswechsel

München mobbt, Köln verfault

Von
BR

Gleich zwei neue "Tatorte" laufen zum Jahreswechsel. In München quälen Leitmayr und Batic einen Assistenten, der dann zu großer Form aufläuft. In Köln treten Ballauf und Schenk einem Staatsanwalt näher als ihnen lieb ist. Eine Verbeugung vor den stillen Stars des Genres: den Sidekicks.

Wie viele Assistenten müssen sie noch zur Strecke bringen, bevor sie merken, dass ihnen die Leberkäs-Semmeln nicht von allein in ihre Münder fliegen? Früher wurden die Hauptkommissare Leitmayr und Batic von ihrem Sidekick Carlo Menziger umsorgt, einem begnadeten Fast-Food-Organisator und unkaputtbaren Lila-Laune-Bär. Ewig bekam der den Frust der anderen zu spüren, trotzdem war er stets mit Aufschnitt und Mostrich zur Stelle. Dann war er irgendwann weg, einfach so, als ob es da tatsächlich noch ein Leben neben dem "Tatort" gibt.

Menziger-Darsteller Michael Fitz sieht man seitdem in Talkshows Rockballaden spielen oder in Schmonzetten den Netten geben. Nicht toll. Aber auch Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec) erging es nach dem Abgang des Ewig-Assis vor fünf Jahren nicht immer gut. Ehrgeizige Praktikanten und verweichlichte Möchtegern-Cops hängen ihnen jetzt am Rockzipfel; der letzte wollte ihnen nach einem vermasselten Job als Wiedergutmachung einen Kuchen backen - ohne Nüsse, falls einer der beiden eine Unverträglichkeit hat. Eine Folge, länger überlebt so ein Bengel nicht.

Beim aktuellen Sidekick sind es jetzt nicht mal mehr 90 Minuten. Als Gisbert Engelhardt (Fabian Hinrichs) auf ihre Stube kommt, verhalten sich die beiden ergrauten Ermittlerjungs kindisch wie eh und je. Hauen alleine in die Kantine ab, ohne Bescheid zu sagen. Lassen den Neuen bei Ausfahrten mit aktivierter Kindersicherung auf der Rückbank sitzen. Postieren ihn bei besonders schaurig entstellten Leichen ganz dicht am Obduktionstisch, auf dass ihm die Beine wegsacken.

Ein Denkmal für den unbekannten Assi

Dabei könnte Engelhardt tatsächlich viel zur Lösung des Falles beitragen. Bei den Ermittlungen zum Mord an einer Schülerin bearbeitet er zum Beispiel den letzten, kaum dechiffrierbaren Anruf auf dem Anrufbeantworter der Eltern so lange, bis darauf das Atmen des mutmaßlichen Mörders zu hören ist. Engelhardt fehlt zwar offensichtlich jedes soziale Gespür, als Technikwahnsinniger liefert er aber wichtige Hinweise. Leider werden die gar nicht wahrgenommen von Leitmayr und Batic. Sie mobben den Neuen, wo sie können. Der ist dann irgendwann tatsächlich weg - brutal aus der Handlung entfernt.

Die am Sonntag laufende "Tatort"-Episode "Der tiefe Schlaf", geschrieben und gedreht vom Krimi-Desperado Alexander Adolph ("Kongo"), ist kein ausgefeiltes Täterrätsel; die Frage nach dem Mörder ist hier bald nicht mehr relevant. Dafür rückt immer stärker der Ermittlerinstinkt des irre anmutenden Kollegen Engelhardt in den Mittelpunkt. Und als der schon längst nicht mehr dabei ist, bestimmen seine Theorien umso mehr den Plot. Auf dem Bildschirm mag er nicht mehr zu sehen sein - und doch entwickelt seine Figur eine enorme Präsenz und treibt die Handlung an.

Der Sidekick ist tot, es lebe der Sidekick. Sowas hat der "Tatort" wirklich mal gebraucht: ein Denkmal für den unbekannten Assi.

Beim Kölner "Tatort" wird man auch bald wissen, was der Verlust einer Mitarbeiterin bedeutet. Denn die Hauptkommissare Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär), die den Münchner Kollegen in ihrer eheähnlichen Routine in nichts nachstehen, müssen in Zukunft wohl selbst kopieren gehen und Kaffee kochen.Wie im November bekannt wurde, verlässt Tessa Mittelstaedt das TV-Revier, gerade wurde eine finale Episode abgedreht, bei der die von ihr gespielte Assistentin Franziska im Vordergrund steht.

Zigaretten als Sex-Ersatz

In der Kölner Folge "Scheinwelten", die am Neujahrsabend gesendet wird, sieht man Franziska allerdings noch emsig wie ein Bienchen hinter der Glasscheibe telefonieren und stenographieren. Dafür gerät ein viel unauffälligerer Kölner Sidekick ins Zentrum der Handlung: Staatsanwalt Wolfgang von Prinz. Der wird sonst von Christian Tasche mit herrischen Kurzauftritten raumfüllend unsympathisch gespielt, nun entwickelt die Nebenfigur tragische Züge.

Der Erbe eines Reinigungsimperiums wurde ermordet, der sieche Vater hatte nur Verachtung für ihn übrig. So erschien es der schönen Anwältin des alten Patriarchen nur allzu verlockend, Teile des Familienerbes an sich zu reißen. Blöderweise ist die zwielichtige Juristin die Frau von Staatsanwalt Prinz - was die Ermittlungen für Schenk und Ballauf prekär macht.

Der Plot von "Scheinwelten" mit seinen halbgaren Exkursen in die Welt der illegalen Reinigungskräfte (Buch: Johannes Rotter, Regie: Andreas Herzog) ist nicht der Rede wert. Aber die verruchten Figuren sind zum Niederknien. Da ist der sozusagen bei lebendigem Leib verwesende Sauber-sauber-Patriarch, der dem ermordeten Sohn aus dem Rollstuhl die herrlichsten Flüche hinterherschickt (Hans Peter Hallwachs). Da ist die Rechtsanwältin (Jeanette Hain), die ihrem lungenschwachen Klienten die Zigaretten anzündet und diese Handlung wie einen Geschlechtsakt inszeniert. Und da ist eben Staatsanwalt von Prinz, der sich nach 20 Ehejahren von seiner Anwältin nicht einmal dann in den Bann ziehen lässt, wenn die ihren schweißnassen Luxuskörper auf seinem Schoß platziert.

Trotz herbei konstruierter gesellschaftlicher Relevanz ist "Scheinwelten" also ein hinreißend verdorbenes Krimidrama um Gier, Manipulation, Selbstauflösung - und zudem wie der Münchner "Tatort" ein interessanter Versuch, die Nebenfigur als tragischen Player in Stellung zu bringen. Der Sidekick, hier ist er der Star.


"Tatort: Der tiefe Schlaf", Sonntag, 30. Dezember, 20.15 Uhr, ARD
"Tatort: Scheinwelten", Dienstag, 1. Januar, 20.15 Uhr, ARD

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 30 Beiträge
1. GEZ finanzierter.....
fatherted98 28.12.2012
...Doppelschrott von der ARD...frohes neues Jahr!
...Doppelschrott von der ARD...frohes neues Jahr!
2.
fvdvoe 28.12.2012
Amen !
Amen !
3. Recht haben Sie...
mummiscii 28.12.2012
...und untendrunter ein scheinheiliger Kommentar zum Volkserziehungsfernsehn von Herrn Diez! Übrigens gabs heute abend im Privaten eine Kalkofe Revue mit dem 2012 Wulff Interview, :-), ja, ich habe gelacht.
Zitat von fatherted98...Doppelschrott von der ARD...frohes neues Jahr!
...und untendrunter ein scheinheiliger Kommentar zum Volkserziehungsfernsehn von Herrn Diez! Übrigens gabs heute abend im Privaten eine Kalkofe Revue mit dem 2012 Wulff Interview, :-), ja, ich habe gelacht.
4.
heute_morgen 28.12.2012
köln, duisburg, hamburg, leipzig, wien, münchen, wismar, bayreuth, hinterdumpfing ... der absolute tatort wahn. und, wer wars?
köln, duisburg, hamburg, leipzig, wien, münchen, wismar, bayreuth, hinterdumpfing ... der absolute tatort wahn. und, wer wars?
5. 2x Schrott?
SonicTwen 28.12.2012
Habe ich richtig gelesen? Zwei Tatorte, deren Story absolut langweilig und nicht sehenswert ist? Naja, überrascht mich nicht sonderlich. Schlimmer als Conny Mey wirds schon nicht sein.
Habe ich richtig gelesen? Zwei Tatorte, deren Story absolut langweilig und nicht sehenswert ist? Naja, überrascht mich nicht sonderlich. Schlimmer als Conny Mey wirds schon nicht sein.

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