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21.12.2012
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ARD-Comedy "Das Ernste"

Bodybuilding mit Programmdirektor

Von Tim Slagman
rbb

TV-Parodist Schroeder: Vorhersehbare Gags

Die ARD will ihr staubtrockenes Image mit einem Comedy-Format aufpolieren - "Das Ernste" allerdings langweilt mit vorhersehbaren Gags, schalen Pointen und mäßigen Parodien. Die Pilotsendung war braver als die "heute-show" und weniger treffsicher als "Switch Reloaded".

Doppelkinn, hohe Stirn, ein Hauch von norddeutschem Platt in der Stimme - wer ist das? Peer Steinbrück, ganz klar. Ein bisschen Saarländisch dazu und ein schönes Paar Wulstlippen? Keine Frage, das muss Peter Altmaier sein. So oder ähnlich dachte man es sich wohl bei der Produktionsfirma VierEins oder beim RBB, die gemeinsam die Pilotfolge einer sogenannten "neuen Satire- oder Parodie-Show im Ersten" verantwortet haben. Der total selbstironische Titel: "Das Ernste".

Kennzeichen der Parodie sind aber nun mal die Ähnlichkeit und die Übertreibung zugleich. Und es will den Autoren und Parodisten einfach nicht gelingen, diese beiden Aspekte zusammenzuführen. Nicht, wenn bei der inszenierten Bundestagssitzung ein kleiner, schwarzhaariger Kerl mit riesigen Legosteinchen spielt, der Philipp Rösler in etwa so ähnlich sieht wie Norbert Blüm Elton John. Auch nicht, wenn Ursula von der Leyen sich in der durchaus soliden Interpretation von Antonia von Romatowski als weltfremd-verständnisvolle Übermutti in einen Hort voller rotzpubertärer Punks verirrt - da sind die Gags einfach zu vorhersehbar und das Potenzial der Situation ungenutzt.

Und es funktioniert schon gar nicht, wenn die Köpfe der hochrangigen ARD-Verantwortlichen Lutz Marmor, Volker Herres und Monika Piel in einem Bild von einer "Sitzung auf den Cayman Islands" auf durchtrainierte Traumkörper montiert werden. Das Problem: Wer soll das komisch finden, wenn kein Mensch die verzerrten Personen kennt?

Ein uninspiriertes Sammelsurium zu nachtschlafender Zeit

Wenn das alles ein wenig wirr klingt, so ist die Struktur der Sendung damit ganz gut wiedergegeben. Bereits eine fünf Minuten lange Sammlung von Ausschnitten, die seit einigen Tagen in der Mediathek des Ersten zum Abruf steht, erntete Häme von der Kritik. Das fertige Produkt, das am Donnerstag tief im Nachtprogramm platziert wurde, präsentierte sich letztlich ebenfalls als reichlich uninspiriertes Sammelsurium - die Zuschauer, die "Das Ernste" tatsächlich von Dieter Nuhrs direkt zuvor gelaufenem Stand-Up-Jahresrückblick abgreifen konnte, dürften sich jedenfalls verwundert die müden Augen gerieben haben.

Das Format gibt sich die Gestalt der "Tagesthemen", immerhin läuft Oliver Welkes "heute-show" im ZDF ja durchaus mit ordentlichem Erfolg. Die Produktion durfte sogar im Original-Studio von ARD-aktuell drehen - ein Gesamtkonzept, das im Vorfeld für einigen Wirbel gesorgt hatte, weil der Grimmepreisträger Olli Dittrich eine seiner Ideen kopiert sah. Dabei hat Dittrich nun wirklich keinen Grund zur Aufregung: An den Inhalten des Tagesgeschehens hat die Konkurrenzsendung so wenig Interesse wie an einer satirischen Durchleuchtung des Nachrichtengeschäfts.

Düpierte Blondinen und Solariumszombies

Eher schon moderieren der Kabarettist Florian Schroeder und das aus dem wohlverdienten Ruhestand gerissene "Tagesschau"-Urgestein Jo Brauner Filmschnipselchen an, deren einziges verbindendes Element darin besteht, dass Schroeder, im Wechsel oder gemeinsam mit insgesamt vier anderen Parodisten, Prominente auf die Schippe nehmen will. Da gibt es Trailer für - natürlich erfundene - Veronica-Ferres-Schmonzetten über düpierte Blondinen von Bettina Wulff bis hin zu Stephanie zu Guttenberg. Es gibt Verhohnepiepelungen von Werbespots mit hölzern in die Kamera sprechenden Handwerkern oder Volksmusik-Solariumszombies, die debil grinsend ihr Best-Of-Album anpreisen. Und es gibt Seitenhiebe auf andere Fernsehformate, bei denen vor allem die Talkrunden im eigenen Sender ihr Fett wegkriegen.

Das soll wahrscheinlich ziemlich mutig wirken, allerdings: Wenn die Talkwelle schon dem eigenen Programmchef auf die Nerven geht, dann ist es womöglich gar nicht mehr so furchtbar originell, sie zum Thema zu machen. "Das Ernste" ist ein aufgewärmter Mix aus alten Zutaten, dabei braver als die "heute-show" und in der Parodie weit weniger treffsicher als "Switch reloaded". Vielleicht wird dort ja bald Sara Kelly-Husain auftreten. Wie punktgenau sie Charlotte Roches seltsame Mischung aus Piepstimme und sanft lockendem Schlafzimmergenuschel hinbekam und damit ausstellte - das war einer der wenigen Lichtblicke in der Sendung.

Forum

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insgesamt 39 Beiträge
1. Wenig Übereinstimmung
karlbang 21.12.2012
Sicher, auch Humor ist Geschmackssache. Tim Slagmans Einschätzung, dass es gestern nichtmals an die heute Show ran kam, kann ich jedenfalls nicht teilen. Das mag allerdings auch an meiner subjektiven Einschätzung zu Oliver Welke [...]
Sicher, auch Humor ist Geschmackssache. Tim Slagmans Einschätzung, dass es gestern nichtmals an die heute Show ran kam, kann ich jedenfalls nicht teilen. Das mag allerdings auch an meiner subjektiven Einschätzung zu Oliver Welke liegen. Jedenfalls bin ich der Meinung, dass es fast schon bis zum Level von Switch Reloaded reichte. Gelungen!
2.
mr.ious 21.12.2012
Wenn ich an "Senfglas" denke, muß ich wirklich immer noch lachen.
Zitat von karlbangSicher, auch Humor ist Geschmackssache. Tim Slagmans Einschätzung, dass es gestern nichtmals an die heute Show ran kam, kann ich jedenfalls nicht teilen. Das mag allerdings auch an meiner subjektiven Einschätzung zu Oliver Welke liegen. Jedenfalls bin ich der Meinung, dass es fast schon bis zum Level von Switch Reloaded reichte. Gelungen!
Wenn ich an "Senfglas" denke, muß ich wirklich immer noch lachen.
3. Lachen
schwanerich 21.12.2012
Naja ein paar mal konnte ich lachen, aber wirklich angemacht hat die Sendung nicht. Auf die heute-show freue ich mich freitags schon mit dem Aufstehen am Freitag.
Naja ein paar mal konnte ich lachen, aber wirklich angemacht hat die Sendung nicht. Auf die heute-show freue ich mich freitags schon mit dem Aufstehen am Freitag.
4. seichter
rst2010 21.12.2012
abklatsch der heuteshow - und die ist selber ziemlich lasch...
Zitat von sysopDie ARD will ihr staubtrockenes Image mit einem Comedy-Format aufpolieren - "Das Ernste" allerdings langweilt mit vorhersehbaren Gags, schalen Pointen und mäßigen Parodien. Die Pilot-Sendung war braver als die "heute show" und weniger treffsicher als "Switch Reloaded". http://www.spiegel.de/kultur/tv/das-ernste-in-der-ard-ist-langweiligere-comedy-als-die-heute-show-a-874238.html
abklatsch der heuteshow - und die ist selber ziemlich lasch...
5. die ard
rst2010 21.12.2012
frönt ihrem bildungsauftrag.
frönt ihrem bildungsauftrag.

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