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04.01.2013
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Krimi-Katastrophe

Der langweiligste "Tatort" aller Zeiten

Von
rbb

Wenn Ermittler im Stehen einschlafen: Das Berliner "Tatort"-Duo muss mit einer starren Entführungssituation klarkommen. Doch Kommissare, die wie Valium-Junkies wirken und die immer gleichen Sätze sagen, zermürben am Ende nur einen: den Zuschauer.

Dieser "Tatort" ist sehr langweilig. Sehr langweilig ist dieser "Tatort". Dieser "Tatort"? Sehr langweilig! Nein, auch wenn man einen Satz wieder und wieder umstellt, interessanter wird er dadurch nicht. Die Macher der aktuellen Berliner Episode des Krimi-Klassikers wurden vor dem Dreh leider nicht von dieser Erkenntnis beschlichen. In unterschiedlichen Varianten lassen sie die Ermittler in ihrem "Tatort" sagen: "Das Wichtigste ist das Leben Ihres Kindes."

Der Sohn einer Bankerfamilie wurde entführt. Jetzt hocken Ritter (Dominic Raacke) und Stark (Boris Aljinovic) auf dem Sofa neben der Mutter (Lena Stolze) und leiern das Kindes-Mantra runter. Jaja, wir haben verstanden: Die Eltern sollen beruhigt werden. Die Kommissare sprechen monoton, als litten sie unter Depressionen, ihre Bewegungen sind bleiern, als hätten sie entschleunigende Drogen geschluckt. Jaja, verstehen wir auch wieder: Polizeiarbeit ist zermürbend. Aber muss sie das auch für den Zuschauer sein?

Gut möglich, dass am Anfang ein ehrenwerter Vorsatz stand: nämlich endlich einen "Tatort" frei von Ermittler-Menschelei zu machen. Hier gibt es keine unpassenden Flirts mit hübschen Zeuginnen, keine lustigen Frotzeleien unter Kollegen, und hier kocht auch keiner nach anstrengender Arbeit Pasta nach Mamas Rezepten. Als Ritter und Stark nach einer 16-Stunden-Schicht kurz Pause machen, will Ritter schnell eine Tiefkühlpizza in den Ofen schmeißen. Stark ist da schon auf der Couch in Schlafstarre verfallen.

Blut, Schweiß, Gähnen

Dem Zuschauer geht es leider nicht anders. Zwar werden andauernd Zeitmarken eingeblendet, die Tempo suggerieren sollen, die Ermittler aber treten auf der Stelle. Wenn sie denn nicht sowieso gleich im Stehen einschlafen. Wo ist er hin, der von jedem Selbstzweifel ungetrübte Charme des Langen und der böse Witz des Kleinen? Wo ist die Tragikomik, die Ritter und Stark, die Don Quijote und Sancho Pansa des "Tatort", sonst verbreiten? In dieser bleiernen Entführungschronik jedenfalls wirken die beiden in der ersten Hälfte wie auf Valium gesetzt und schließlich mit hängenden Augenlidern durch die Dialogendlosschleife getrieben.

In der zweiten Hälfte wird es dann für einen ganz kurzen Augenblick interessant: Der Kidnapper (Edgar Selge) verteilt nach einer Lösegeldübergabe unter den Überwachungskameras am Alexanderplatz die Beute an Straßenmusiker und Penner, die dann erfreut das Weite suchen. Schließlich winkt er in die Kameras, bis ihn die Polizei ergreift und in Handschellen legt.

Was führt der Mann im Schilde? Wie könnte er aus der selbst herbeigeführten Festsetzung Kapital schlagen? Welche Botschaft will er verbreiten? Eine ergiebige Ausgangsposition, eigentlich. In der brillanten Entführungschronik "Der Fall Jakob Metzler" konnte man unlängst sehen, wie spannend die aufreibende Konfrontation von Kidnapper und den an Paragrafen geketteten Polizisten inszeniert werden kann. Da bekam das Wort "Machtlos" - so der Titel des aktuellen "Tatort" - eine schier unerträgliche Note.

Doch auch diese Plotkonstruktion verschenkt "Tatort"-Regisseur und -Autor Klaus Krämer. Mit Edgar Selge in der Rolle des einarmigen Ermittler-Griesgrams Tauber hat Krämer zuvor einige grandiose Münchner "Polizeirufe" gedreht. Hier aber läuft Selges stilles, trotziges Spiel ins Leere. Die psychologische Motivation des Täters bleibt unklar, es gibt keine schlüssige Auflösung. Und, oje, die Ermittler spielen noch einmal das Wortschlaufenspiel, reden wie geistesabwesend auf den Entführer ein.

Tschuldigung, jetzt müssen auch wir uns wiederholen: Dieser "Tatort" ist sehr, sehr langweilig. Der langweiligste aller Zeiten.


"Tatort: Machtlos", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Forum

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insgesamt 101 Beiträge
1.
heldheiko 04.01.2013
...wenn der Tatort hier zerrissen wird, wird er gut. Ich freu mich drauf...;)
...wenn der Tatort hier zerrissen wird, wird er gut. Ich freu mich drauf...;)
2.
kimba2010 04.01.2013
Deutsches TV oder Kino ist meist schnarchend langweilig oder belehrend. Oft auch unfreiwillig komisch. Das führt dann dazu, dass sich viele Leute Serien/Filme aus Amiland ansehen, die oft auch nicht besser sind, im Gegensatz [...]
Zitat von sysoprbbWenn Ermittler im Stehen einschlafen: Das Berliner "Tatort"-Duo muss mit einer starren Entführungssituation klarkommen. Doch Kommissare, die wie Valium-Junkies wirken und die immer gleichen Sätze sagen, zermürben am Ende nur einen: den Zuschauer. http://www.spiegel.de/kultur/tv/entfuehrer-tatort-aus-berlin-mit-edgar-selge-a-875459.html
Deutsches TV oder Kino ist meist schnarchend langweilig oder belehrend. Oft auch unfreiwillig komisch. Das führt dann dazu, dass sich viele Leute Serien/Filme aus Amiland ansehen, die oft auch nicht besser sind, im Gegensatz zum deutschen Schnarch-, Belehrungs- und Aufarbeitungs-TV wenigstens professionall gemacht sind.
3. Warum eigentlich...
sellerieschubser 04.01.2013
...wird fast jede "Tatort"- Folge förmlich seziert und zerrieben? Die Qualität von vor 20 Jahren wird eh' nicht mehr erreicht :-(
...wird fast jede "Tatort"- Folge förmlich seziert und zerrieben? Die Qualität von vor 20 Jahren wird eh' nicht mehr erreicht :-(
4. Was soll bitte ...
blogvormkopf 04.01.2013
der Vorwurf der ewigen Wiederholung in dem Tatort und die Entschudligung am Ende des Artikels, man wiederhole sich nun leider auch einmal? Der Text besteht ausnahmslos aus einer Kette unterschiedlicher Formulierungen einer [...]
der Vorwurf der ewigen Wiederholung in dem Tatort und die Entschudligung am Ende des Artikels, man wiederhole sich nun leider auch einmal? Der Text besteht ausnahmslos aus einer Kette unterschiedlicher Formulierungen einer einzigen, immer gleichen Aussage: Der Tatort ist langweilig. Der Artikel noch langweiliger.
5. ich habe verstanden
wehwehwehdievernunft 04.01.2013
die Bewertung spart Lebenszeit. Danke.
die Bewertung spart Lebenszeit. Danke.

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