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04.02.2013
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ZDF-Moderatorin Slomka

"Saufen, rauchen, Klartext reden"

DPA

Wer schön ist, muss leiden - zumindest als Frau. Im Interview beklagt "heute journal"-Anchorwoman Marietta Slomka, dass gutes Aussehen in der Politik schnell zur Last werden kann, verrät, was sie am Polit-Schönsprech nervt, und schwärmt vom Rock'n'Roll vergangener Tage.

Frage: Frau Slomka, Sie gelten als TV-Moderatorin, die ihren Interviewpartnern besonders gern ins Wort fällt. Warum tun Sie das?

Slomka: Das muss ich. Unsere Interviews dauern in der Regel nicht länger als vier Minuten. Und ein Politiker weiß, dass nicht viel Zeit für unangenehme Nachfragen bleibt, wenn er mich quasi totredet. Politiker sind Rhetorik-Profis, sie wollen nichts offenbaren, sondern in erster Linie positive Botschaften verbreiten.

Frage: Bei welcher Floskel gehen Sie dazwischen?

Slomka: Die eine Floskel gibt es nicht. Aber ich merke, wenn jemand versucht abzulenken, indem er ein neues Thema setzt.

Frage: Welcher Begriff aus dem Polit-Jargon nervt Sie derzeit am meisten?

Slomka: "Rettungsschirm". Aber solange das Thema präsent ist, muss ich mich damit natürlich beschäftigen. Generell finde ich es ungut, wenn Politiker mit Fachbegriffen operieren, bei denen die meisten Zuschauer nicht sofort eine klare Vorstellung haben, worum es geht. Wer weiß schon, was 'EZB-Fazilitäten' sind? Was mich auch stört, sind beschönigende Wendungen wie 'Arbeitnehmer freisetzen', oder 'finanzielle Anreize schaffen'.

Frage: Soll politische Rhetorik denn immer nur verschleiern?

Slomka: Es geht eher darum, manches harmloser klingen zu lassen, als es ist. Hinzu kommt, dass sich Politiker die meiste Zeit in einer eigenen Sphäre bewegen. Sie sprechen mit Referenten, verhandeln mit Kollegen in den Bundestagsausschüssen. Irgendwann stecken sie dann in dem Vokabular fest. Und natürlich dient dieser Sprachgebrauch auch der Absicherung. Wer zu deutlich wird, macht sich angreifbar. Als Politikerin könnte auch ich nicht jeden Tag Klartext reden - gerade wenn es um heikle finanz- oder außenpolitische Themen geht. Trotzdem gibt es viele Fälle, in denen der schwammige Polit-Jargon inakzeptabel ist.

Frage: Horst Seehofer gibt sich dagegen gerne als Freund des klaren Wortes. Im Nachgespräch zu einem "heute-journal"-Interview mit Claus Kleber griff der CSU-Politiker seinen CDU-Kollegen Norbert Röttgen sehr scharf an. Die Kameras liefen da aber noch, und der Mitschnitt ging dann auf Sendung, mit Seehofers Zustimmung. Hatte er den Ausbruch geplant?

Slomka: Wenn Seehofer "Klartext" redet, ist das in der Tat oft inszeniert. In diesem Fall denke ich das aber nicht. Das war eine ungeplante Situation für beide Seiten, aus der diese Dynamik entstand. Da war Claus Kleber unglaublich geistesgegenwärtig, und Seehofer hatte in der konkreten Situation die politische Einschätzung und die Chuzpe, zu sagen "Ja, das lass ich jetzt mal so stehen". Hier konnte man sehen, wie groß der Graben ist zwischen dem, was öffentlich und dem, was normalerweise nicht-öffentlich gesagt wird.

Frage: Den Graben gibt es ebenfalls bei Schrift-Interviews, weil sie meistens vor der Veröffentlichung vom Interviewpartner autorisiert werden - das gilt ja auch für unseres hier. Manchmal werden dabei zentrale Aussagen verändert oder gar gelöscht. Ein Politiker im "heute journal" kann das nicht. Sind TV-Interviews ehrlicher?

Slomka: Sie sind authentischer. Man erlebt den Menschen, hört, welchen Duktus er hat, kann die Mimik beobachten. Allerdings muss man sehen, dass das gedruckte Wort mehr Gewicht haben kann als das gesprochene, es wirkt verbindlicher, endgültiger. Insofern haben Autorisierungen ihre Berechtigung, zumal der Interviewte freier spricht, wenn er weiß, dass er vor der Veröffentlichung draufschauen kann. Aber nicht wenige Politiker missbrauchen das, um alles, was sie wirklich gesagt haben, glattzubügeln. Bei uns geht das nicht. Ich finde, das hat seinen Charme.

Frage: Aber auch TV- oder Radiointerviews landen heute im Netz, wo sie auf ewig gespeichert und weiterverbreitet werden können. Da hält man sich als Politiker doch gleich vornehm zurück.

Slomka: Sicherlich achten Politiker in der Live-Situation genau auf das, was sie sagen, weil sie wissen, dass nichts mehr umformuliert oder geschnitten werden kann. Das führt manchmal zu Sätzen mit einem merkwürdigen Stakkato-Duktus, die wie auswendig gelernt wirken. Dennoch sind Live-Interviews meist spontaner und wirken unmittelbarer.

Frage: Einige "heute-journal"-Interviews werden aber auch aufgezeichnet. Werden sie geschnitten?

Slomka: Nein. Eine Voraufzeichnung hat ausschließlich Termingründe. Und wir schneiden nur, wenn das Interview sonst zu lang wäre - dann nehmen wir eine komplette Frage mit Antwort heraus. Wir manipulieren nicht, indem wir Sätze aus dem Zusammenhang nehmen und womöglich in eine andere Reihenfolge bringen. Schnitte kommen aber selten vor, denn ich achte bei der Aufzeichnung darauf, dass das Interview die vorgesehene Zeitspanne nicht überschreitet. Bei uns wird der Ablauf des Interviews vorher auch nicht mit einem Pressesprecher abgesteckt.

Frage: Sie moderieren seit über zehn Jahren das "heute journal". Sind Ihre Interviewpartner in Zeiten von Wutbürgern und Shitstorms vorsichtiger als früher?

Slomka: Ja. In der alten Bonner Republik wurde offener gesprochen, nicht nur in den Hintergrundkreisen, sondern auch in den Medien. Saufen, rauchen und Klartext reden - so liefen viele Sendungen, das kann man sich gar nicht mehr vorstellen. Und auch zu Beginn von Rot-Grün, als ich beim "heute journal" anfing, gab es mit den Haudegen wie Joschka Fischer, Gerhard Schröder und Otto Schily doch noch mehr Reibung, weniger Glätte - mehr "Rock'n'Roll", um Fischer zu zitieren. Schauen Sie sich dagegen heute den Gesundheitsminister, den Wirtschaftsminister, die Familienministerin an. Das ist eine Generation von Politikern, die sehr vorsichtig, sehr abgemessen agiert. Aber das politische Geschäft ist schwieriger geworden. Wer damit rechnen muss, dass Informationen aus Hintergrundgesprächen in die Welt hinausgetwittert werden, wählt seine Worte mit viel Bedacht.

Frage: Was zu Plattheit und Polemik führt - wie in vielen Polit-Talkshows zu erleben.

Slomka: Diese Klagen über die angeblich unnützen Talk-Sendungen sind Quatsch. Wenn sich zwei Millionen Leute zum Beispiel eine Gesprächsrunde zur Gesundheitspolitik anschauen, finde ich das per se erst mal positiv. Immerhin sehen sie sich keine Seifenoper an. Man mag den stereotypen Ablauf vieler Talkshows kritisieren, aber es ist nun mal so, dass eine Bundestagsdebatte auf Phoenix ein solches Millionenpublikum nicht findet.

Frage: Muss Politik auch Entertainment sein, um überhaupt noch wahrgenommen zu werden?

Slomka: Unterhaltung ist ja nicht per se etwas Negatives, solange sie nicht in Klamauk, Dümmlichkeit und Oberflächlichkeit ausartet. Sie sorgt dafür, dass das Publikum sich nicht langweilt, sondern zuhört. Das bekommt auch der Politik sehr gut. Wir haben die Tendenz in Deutschland, immer so ordentlich zu unterscheiden zwischen Information und Unterhaltung, davon halte ich nicht viel. Ich lege Wert darauf, dass meine Interviews auch unterhaltsam sind.

Frage: Müssen Fernsehmoderatorinnen eigentlich attraktiv sein? Sie wurden ja von "Bunte"-Lesern mal unter die 50 schönsten Frauen Deutschlands gewählt.

Slomka: Platz 49 oder so, kann das sein? Es schadet nicht, wenn man einigermaßen gerade gewachsen ist. Sie erscheinen in Großaufnahme in den Wohnzimmern der Zuschauer - und mit Pickelgesicht, dicker Brille und kreisrundem Haarausfall ist das schwierig. Das ist in einem Beruf mit optischer Präsenz einfach Fakt. Aber zumindest nehme ich für mich in Anspruch, dass ich meinen Job in erster Linie bekommen habe, weil ich eine erfolgreiche Korrespondentin war und eine Frau gesucht wurde, die mit politischen Themen umgehen kann und der man zutraut, die rhetorische Kraft zu haben, vor der Kamera zu agieren.

Frage: Auf Ihre stechend blauen Augen werden Sie trotzdem immer angesprochen.

Slomka: Beiwerk, das man beim Fernsehen gerne mitnimmt. Aber die erfolgreichsten Moderatorinnen im politischen Bereich, ob Anne Will, Maybrit Illner oder Sandra Maischberger, sehen alle sehr unterschiedlich aus, sie entsprechen keinem stereotypen Frauenbild. In den Boulevardsendungen haben viele die gleiche Frisur und ähneln sich auch sonst sehr. Im politischen Journalismus ist das anders.

Frage: Welche Rolle spielt gutes Aussehen in der Politik selbst? Nehmen wir mal als Beispiele Karl-Theodor zu Guttenberg, Manuela Schwesig und Silvana Koch-Mehrin.

Slomka: Frau Schwesig oder Frau Koch-Mehrin haben mit ihrem guten Aussehen vielleicht fast schon ein Problem, weil sie ständig beweisen müssen, dass sie nicht in erster Linie dadurch erfolgreich sind. Gutaussehende Männer erleben das nicht. Erst wenn sie gescheitert sind, heißt es: 'Das war doch ein Schönling'. Aber generell haben die Leute schon immer auf Äußerlichkeiten geachtet. Willy Brandt war ein sehr charismatischer, gutaussehender Mann, ebenso Helmut Schmidt. Helmut Kohl dagegen wurde wegen seiner äußeren Erscheinung bespöttelt.

Frage: Sie nennen Brandt, Schmidt und Kohl - drei markante Charaktere mit unverwechselbarem politischem Profil. Sind solche Persönlichkeiten in der Politik heute eine aussterbende Spezies?

Slomka: Ein toller, kantiger Kerl, so ein Willy Brandt, kann sich heute ja gar nicht mehr entwickeln. Wo sollte im demokratischen, saturierten Westdeutschland so eine faszinierende, herausragende Biografie herkommen? Ansatzweise findet man so etwas vielleicht noch in Lebensläufen der 68er-Generation. In der DDR war das anders. Joachim Gauck mit seinem Dissidenten-Image ist da ein Beispiel. Wenn ich aber persönlich zurückschaue, hatte ich nicht wirklich die Gelegenheit, mich mutig zu erheben und zu zeigen, was für einen geraden Rücken ich habe. Habe ich etwas riskiert, wenn ich meine Meinung gesagt habe? Musste ich Angst davor haben? Nein. Und außerdem muss man sich fragen, wer heutzutage überhaupt Lust hat, in die Politik zu gehen. Der Beruf ist schlecht bezahlt, sehr stressig, man wird ständig beschimpft und selten gelobt. Wer will das denn?

Frage: Gute Frage. Wer? Und warum?

Slomka: Viele haben durchaus idealistische Motive, sie wollen etwas bewegen. Andere gehen in Ortsverbände und Ortsvereine, weil es irgendwie persönlich nützt. Es gibt da ja unterschiedlichste Werdegänge.

Frage: Die Bundeskanzlerin hat ja auch nicht unbedingt eine fesselnde Biografie, erfreut sich aber dennoch hoher Zustimmung in der Bevölkerung. Warum?

Slomka: Gerade vor dem Hintergrund der Wulff- und der Guttenberg-Affäre hebt sich ihre uneitle, zurückhaltende Art positiv ab. Ich kann mir bei ihr nicht vorstellen, dass sie jemals ihr Amt missbrauchen würde, um sich persönliche Vorteile zu verschaffen. Diese Nicht-Korrumpierbarkeit ist ein großer Wert an sich. Sie fällt gerade deshalb auf, weil andere so dramatisch abfallen. Das ist eines ihrer Erfolgsgeheimnisse.


Das Interview führten Jessica Czekalla und Julia Klebitz


Der Text ist ein leicht veränderter Auszug aus Bernhard Pörksen und Wolfgang Krischke (Hrsg.): "Die gehetzte Politik. Die neue Macht der Medien und Märkte". Das Buch erscheint im Februar 2013 im Herbert von Halem Verlag (Köln) und kostet 19,80 Euro. Tübinger Studierende haben für das Gesprächsbuch gemeinsam mit Pörksen (Medienwissenschaft, Universität Tübingen) und Krischke (Journalist, Sprachwissenschaftler) prominente Politiker interviewt, einflussreiche Journalisten und desillusionierte Skandalopfer befragt, mit PR-Beratern, Netzaktivisten und Kulturkritikern gesprochen.
Zu Wort kommen: Wolfgang Schäuble, Thilo Sarrazin, Daniel Cohn-Bendit, Stéphane Hessel, Gertrud Höhler, Sahra Wagenknecht, Rainer Langhans, Marina Weisband, Richard David Precht, Winfried Kretschmann, Ulrich Deppendorf, Carsten Maschmeyer und viele mehr.

Forum

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insgesamt 63 Beiträge
1. optional
grenzdebil 04.02.2013
Die Meinungsmacherin in Person. Ich danke ergebenst und verzichte.
Die Meinungsmacherin in Person. Ich danke ergebenst und verzichte.
2. Ne is klar
vrdeutschland 04.02.2013
"Das ist eine Generation von Politikern, die sehr vorsichtig, sehr abgemessen agiert. Aber das politische Geschäft ist schwieriger geworden"... selten so einen Unsinn gelesen. Das einzige, was den heutigen Politikern [...]
"Das ist eine Generation von Politikern, die sehr vorsichtig, sehr abgemessen agiert. Aber das politische Geschäft ist schwieriger geworden"... selten so einen Unsinn gelesen. Das einzige, was den heutigen Politikern noch Schwierigkeiten bereitet ist, sich über die nächste Wahlperiode zu retten und so seine Pensionen zu retten. Einem Strauß, Schmitt oder Wehner waren das sch***egal, das waren - unabhängig wie man zu ihnen stand - Vollblutpolitiker. Wenn ich mir heute die Küken - ja, man kann auch sagen Versager - in der Politik ansehe, kann es einem Angst und Bange werden...
3.
booya 04.02.2013
Irgendwie leiden Frauen wirklich immer und sind das OPFER. Egal ob Klug, dumm, schön, hässlich, mächtig oder ohnmächtig, sexy oder nicht, selbstbewusst oder schüchtern. Und meistens sollen die Männer schuld an deren [...]
Irgendwie leiden Frauen wirklich immer und sind das OPFER. Egal ob Klug, dumm, schön, hässlich, mächtig oder ohnmächtig, sexy oder nicht, selbstbewusst oder schüchtern. Und meistens sollen die Männer schuld an deren Leiden sein...meisten sind es aber nur die anderen Frauen.
4.
dig 04.02.2013
Machen Sie es doch besser, warum kandidieren Sie nicht?
Zitat von vrdeutschland"Das ist eine Generation von Politikern, die sehr vorsichtig, sehr abgemessen agiert. Aber das politische Geschäft ist schwieriger geworden"... selten so einen Unsinn gelesen. Das einzige, was den heutigen Politikern noch Schwierigkeiten bereitet ist, sich über die nächste Wahlperiode zu retten und so seine Pensionen zu retten. Einem Strauß, Schmitt oder Wehner waren das sch***egal, das waren - unabhängig wie man zu ihnen stand - Vollblutpolitiker. Wenn ich mir heute die Küken - ja, man kann auch sagen Versager - in der Politik ansehe, kann es einem Angst und Bange werden...
Machen Sie es doch besser, warum kandidieren Sie nicht?
5.
eimsbusher 04.02.2013
Der Zusammenhang mit diesem Interview erschließt sich mir nicht. Musste wohl einfach mal gesagt werden, was? Wo gibt sich die Frau Slomka denn leidend?
Der Zusammenhang mit diesem Interview erschließt sich mir nicht. Musste wohl einfach mal gesagt werden, was? Wo gibt sich die Frau Slomka denn leidend?

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