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18.01.2013
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"Girls"-Star Lena Dunham

"Sex ist ein Schlachtfeld"

Getty Images

In "Girls" versuchen vier junge New Yorker Frauen, mit Sex, Beziehungen und sich selbst klarzukommen. Lena Dunham spielt eine von ihnen - und hat das Erfolgsformat auch erfunden. Im Interview verrät die 26-Jährige, wie sie böse Kritiken verarbeitet und warum Sex in ihrer Serie so peinlich ist.

SPIEGEL ONLINE: Lena Dunham, Sie haben kürzlich gesagt, dass hübsche Mädchen eher der Gegenstand von Geschichten sind, als dass sie selbst welche schreiben...

Dunham: ...vielleicht, weil niemand eine Serie sehen will, die sich um die Probleme dreht, die hübsche Mädchen mit ihrem Hübschsein haben. Aber ich habe eh eine Schwäche für Underdogs, und Hannah Horvath aus "Girls" ist einer. Wobei sie sich ja ihre Schwierigkeiten gern selber macht, weil sie so ein kleines Arschloch ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst mutieren ja gerade von der Außenseiterin zum It-Girl - Sie haben zwei Golden Globes gewonnen und sind auf dem Cover der "Interview". Wie wollen Sie da Ihr Image vom missverstandenen Nerd-Girl eigentlich noch aufrecht erhalten?

Dunham: Ich habe schon Models getroffen, die sich noch als Erwachsene unsicher fühlten, nur weil sie irgendwann in der siebten Klasse mal ein Pummelchen waren. Jeder kennt doch solche Erlebnisse. Und man trägt sie halt mit sich herum - egal, wie sich das Leben später entfalten mag.

SPIEGEL ONLINE: "Girls" wurde ja oft mit "Sex and the City" verglichen. Die zweite Staffel, die jetzt in den USA startet, fühlt sich eher wie "Friends" an.

Dunham: Es geht um vier junge Frauen in New York, aber der Tonfall ist dann doch ein anderer.

SPIEGEL ONLINE: Der Glanz des Big Apple ist jedenfalls ab - ein Kritiker nannte die Serie "'Sex and the City' im Heilsarmee-Mantel". Wollen Sie sich mit der angekündigten "Girls"-Nagellack-Kollektion gegen dieses Urteil auflehnen?

Dunham: Das ist der einzige Deal dieser Art, den wir uns erlauben. Nagellack ist ziemlich angesagt unter jungen Frauen, die ihren Look subtil und für wenig Geld verändern wollen.

SPIEGEL ONLINE: Als Autorin einer Serie, die für ihre Authentizität gepriesen wird, sollte Ihnen der Merchandising-Zirkus aber Kopfzerbrechen bereiten.

Dunham: Ich kriege wegen so ziemlich allem Angstzustände - auch Merchandising gehört dazu. Übrigens hätte ich wahnsinnig gern einen OP-Kittel aus dem Seattle-Grace-Krankenhaus.

SPIEGEL ONLINE: Aus "Grey's Anatomy"?

Dunham: Ja! Als Schlafanzug! Kann ich mir natürlich unmöglich selbst kaufen. Es wäre also schön, wenn mir jemand so ein Teil schenkt.

SPIEGEL ONLINE: Womit wir beim Thema Bett wären: Warum ist Sex für die "Girls" eine so vertrackte Angelegenheit?

Dunham: Sex ist eine Art Schlachtfeld. Es geht ja dabei um emotionalen Ausdruck, um die Beziehung zu sich selbst und zu anderen. Ich finde Sex einfach nicht besonders glamourös. Aber vielleicht ist das bei Ihnen ja anders.

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SPIEGEL ONLINE: Sie gehen ziemlich schonungslos und direkt mit dem Thema um, für amerikanische Verhältnisse ist das ungewöhnlich.

Dunham: Ich bin froh, bei HBO Dinge machen zu dürfen, die man sonst im Fernsehen eher nicht sieht. Und wenn das dazu beitragen sollte, dass manche Leute sich weniger einsam fühlen und ihre Erfahrungen etwas normaler finden, bedeutet mir das ungeheuer viel.

SPIEGEL ONLINE: Zu Beginn der neuen Staffel hat Hannah ein Verhältnis mit einem schwarzen Konservativen. Biedern Sie sich damit beim politischen Zeitgeist an? Und bei jenen Kritikern, die Ihnen vorgeworfen haben, die ethnische Vielfalt New Yorks zu ignorieren?

Dunham: Wir hätten das Thema Rassismus eh angesprochen, weil es junge Leute in Amerika beschäftigt - und um die geht es in der Serie ja. Aber die Kritik hat das sicher beschleunigt. Viele Leute analysieren, was ich schreibe, und das bewirkt schon, dass ich hinterfrage, was ich da in die Welt setze. Das soll aber auch nicht meine kreative Freiheit einschränken. Ich versuche, die Balance zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben Drehbücher für "Girls", Sie spielen die Hauptrolle, Sie produzieren die Serie und führen hin und wieder Regie - und jetzt haben Sie noch einen hochdotierten Buchvertrag abgeschlossen. Wie sieht eigentlich Ihr Arbeitsalltag aus?

Dunham: Ich wünschte, ich könnte Ihnen einen ordentlichen Stundenplan präsentieren, aber - ehrlich gesagt - stopfe ich die Jobs dort hin, wo sie gerade hinpassen. So bekomme ich alles hin, opfere aber hin und wieder Schlaf, eine vernünftige Mahlzeit oder Zeit mit Freunden. Ich könnte echt ein Makeover meines Zeitmanagements von Oprah Winfrey gebrauchen.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht gehört so ein Arbeitsstil ja auch zu Ihrer Generation. Wollen Sie wirklich deren Stimme sein, wie es die Figur Hannah mal sagt?

Dunham: Der Spruch sollte eigentlich am ironischen Ende der Skala angesiedelt sein. In unserer fragmentierten, globalisierten Welt ist es so gut wie unmöglich, die Stimme einer Generation zu sein. Aber ich würde mich schon freuen, wenn ich erhellen kann, wie es sich anfühlt, heute jung zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Tina Fey, Mindy Kaling, Lena Dunham: Immer mehr Frauen im US-Fernsehen schreiben und produzieren ihre eigenen Shows. Warum erst jetzt?

Dunham: Offenbar hat man entdeckt, dass Frauen ein großer Teil des Publikums sind - und sich und ihr Leben im Fernsehen reflektiert sehen möchten. Schon erstaunlich, wie sehr den Networks plötzlich der Bedarf danach aufgeht.

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SPIEGEL ONLINE: War da bisher die berühmte gläserne Decke im Weg?

Dunham: Ich denke schon, dass Frauen sich gewisse Sachen nicht zutrauten, weil es gar keine Gelegenheiten gab, sie auch umzusetzen. Es könnte auch sein, dass... Ach, wissen Sie was? Ich weiß es nicht. Sorry. Ich habe gerade auf halber Strecke festgestellt, dass ich nochmal darüber nachdenken muss.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist es Ihnen mit "Girls" gegangen - sind Sie einfach drauf los geprescht?

Dunham: Ja, schon, es hat mich einfach niemand gestoppt. Hätte jemand nein gesagt, hätte ich mich vermutlich gefügt und gedacht: Naja, darf man halt so nicht. Ich würde Ihnen auch gern erzählen, dass ich zuvor zehn Jahre bei HBO die Klinke geputzt habe. Stimmt aber auch nicht. Echt ein Fall von "zur rechten Zeit am rechten Ort".

SPIEGEL ONLINE: Jetzt schreiben Sie einen mit 3,5 Millionen US-Dollar dotierten Ratgeber: "Not That Girl: A Young Woman Tells You What She's Learned". Warum?

Dunham: Ich habe immer schon Prosa geschrieben und will seit langem ein Buch schreiben. Und ich wollte das lieber früher als später tun, damit es nicht irgendwann heißt: Und noch ein Promi schreibt ein Buch.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind aber schon ein Promi. Zuletzt hat Ihr Werbevideo für Barack Obama mit dem Titel "Mein erstes Mal" für reichlich Gepöbel von konservativer Seite gesorgt. Was sagen Sie dazu?

Dunham: Ich war überrascht. Lächerlich. Wenn jemand meine Show kritisiert, nehme ich das ernst. Aber wenn gestörte Konservative sich über mein Obama-Video aufregen - dann eher nicht.

SPIEGEL ONLINE: Könnten Sie sich vorstellen, mit einem Republikaner auszugehen?

Dunham: Ich habe nichts gegen diese Vorstellung. Ich finde, jeder kann das - wenn der richtige Republikaner auftaucht. Allerdings kann ich mir nur schwer vorstellen, mit jemandem zusammenzusein, der gegen die Homo-Ehe oder das Recht auf Abtreibung ist.

SPIEGEL ONLINE: Die "Vanity Fair" hat sich ja mal ein satirisches Gespräch zwischen Ihnen und Mitt Romneys Vizekandidaten Paul Ryan ausgedacht...

Dunham: Ja, und mein Vater dachte, dass das echt war. "Wann hast du denn Paul Ryan getroffen, Lena?" Und wow, was für ein seltsames Gespräch! Total surreal, dass fremde Leute mich so gut zu kennen scheinen, dass sie mich parodieren.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich hin und wieder auch missverstanden?

Dunham: Ja, schon. Das Fernsehen ist so stark damit beschäftigt, liebenswerte Figuren zu zeichnen, dass viele Leute sich wohl erst an Charaktere gewöhnen müssen, die man - wie Hannah - nicht ohne Weiteres ins Herz schließen kann.

Das Interview führte Nina Rehfeld.


Die erste Staffel von "Girls" läuft derzeit beim Pay-TV-Sender Glitz (u.a. empfangbar über Kabel Deutschland). Die zweite Staffel ist hier ab 15. Mai immer mittwochs um 21.10 Uhr zu sehen.

Forum

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insgesamt 12 Beiträge
1. Wie, Sex nun auch noch?
cor 18.01.2013
Es heisst doch "Love is a battlefield".
Es heisst doch "Love is a battlefield".
2.
Einweckglas 18.01.2013
"Sex einfach nicht besonders glamourös..." Stimmt...aber trotzdem schön...oder gerade deshalb schön! Und der Schlafanzug? Geht auch klar...Wäre dann ja mal ein praktisches Geschenk! ;-)
"Sex einfach nicht besonders glamourös..." Stimmt...aber trotzdem schön...oder gerade deshalb schön! Und der Schlafanzug? Geht auch klar...Wäre dann ja mal ein praktisches Geschenk! ;-)
3. .
frubi 18.01.2013
Sex ist vor allem (genau wie Religion) Privatsache und ich bin absolut kein spießiger Konservativer aber diese ständige Thematisierung von Sex geht mir irgendwie auf den Keks. Auch in der Werbung sowie im TV im allgemeinen [...]
Zitat von sysopGetty ImagesIn "Girls" versuchen vier junge New Yorker Frauen, mit Sex, Beziehungen und sich selbst klarzukommen. Lena Dunham spielt eine von ihnen - und hat das Erfolgsformat auch erfunden. Im Interview verrät die 26-Jährige, wie sie böse Kritiken verarbeitet und warum Sex in ihrer Serie so peinlich ist. http://www.spiegel.de/kultur/tv/girls-star-lena-dunham-ueber-erfolg-und-kritik-an-der-hbo-serie-a-877824.html
Sex ist vor allem (genau wie Religion) Privatsache und ich bin absolut kein spießiger Konservativer aber diese ständige Thematisierung von Sex geht mir irgendwie auf den Keks. Auch in der Werbung sowie im TV im allgemeinen wird ja ständig die Geilheit der Leute aktiviert. Find ich irgendwie überflüssig.
4. Gehalt...?
dasbeau 18.01.2013
Ich kenne die Serie nicht, aber wenn sie genau so viel Tiefgang hat, wie die Aussagen in diesem Interview, braucht man sich auch nicht weiter damit zu beschäftigen. Hat die Dame irgendetwas zu sagen, was auch nur annähernd [...]
Ich kenne die Serie nicht, aber wenn sie genau so viel Tiefgang hat, wie die Aussagen in diesem Interview, braucht man sich auch nicht weiter damit zu beschäftigen. Hat die Dame irgendetwas zu sagen, was auch nur annähernd gehaltvoll ist?
5.
Derax 18.01.2013
++ Abgesehen davon das der ständige Konsum nur dazu führt, das Leute ihnim RL immer weniger haben ^^
Zitat von frubiSex ist vor allem (genau wie Religion) Privatsache und ich bin absolut kein spießiger Konservativer aber diese ständige Thematisierung von Sex geht mir irgendwie auf den Keks. Auch in der Werbung sowie im TV im allgemeinen wird ja ständig die Geilheit der Leute aktiviert. Find ich irgendwie überflüssig.
++ Abgesehen davon das der ständige Konsum nur dazu führt, das Leute ihnim RL immer weniger haben ^^

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Lena Dunham, Jahrgang 1986, wuchs als Tochter zweier Künstler in New York City auf. Während ihres Studiums am Oberlin College, Ohio, schrieb und drehte sie ihre ersten Videoarbeiten. Ihr autobiografisch gefärbter Film "Tiny Furniture" sorgte 2010 beim Sundance Festival für Aufsehen. Star-Produzent Judd Apatow bot ihr daraufhin an, mit ihm eine Serie zu entwickeln. Das Produkt der Zusammenarbeit, "Girls", läuft seit 2012 auf HBO und gehört mit seinem schrägen Humor und komplexen Figuren zu den innovativsten Formaten im US-TV. Bei den diesjährigen Golden Globes wurde die Serie als beste Comedy und Dunham als beste Comedy-Hauptdarstellerin ausgezeichnet. Soeben ist in den USA die zweite Staffel angelaufen.

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