26.01.2013
Dschungelcamp-Finale
Aus der Wildnis, hin zur Vernunft
Von Stefan KuzmanyHallo Vernunft. Ich muss dir etwas sagen. Es war alles ein großer Irrtum. Jetzt, kurz vor dem Ende, kann ich es wagen, ihn auszusprechen, diesen Satz, der mir so schwer fällt. Wochenlang habe ich mich dagegen gewehrt, dabei lag er mir schon lange auf der Zunge. Aber er muss raus: Das Dschungelcamp ist schlecht.
Ach was. Das ist ja mal eine Erkenntnis. Zuerst diesen Bodensatz des deutschen Fernsehens hochschreiben, als große Unterhaltung bejubeln, das Camp als Kulturgut be- und verhandeln, gegen jeden Leserkommentar, gegen mich, und jetzt das.
Ja, jetzt das. Und gerne noch mal: Das Dschungelcamp ist schlecht, schlecht, schlecht. Ah, jetzt geht's mir besser.
So so, der Herr Schreiberling hat endlich ein Einsehen! Und ich weiß auch, warum. Hast wohl endlich den großartigen Artikel des Kollegen Serrao in der "Süddeutschen" gelesen, der darauf hingewiesen hat, dass all die Zuschauer, die vorgeben, sich das Dschungelcamp ironisch anzusehen, um keinen Deut besser sind als die von ihnen belächelten Camp-Insassen - zotig, vulgär, geschmacklos, ekelhaft, und dazu noch Voyeure?
Äh, nein. Also, gelesen schon. Aber mir gedacht: Sei's drum, kann er so sehen, ich sehe es anders. Darf man sich denn kein kleines guilty pleasure mehr gönnen am späten Feierabend? Das Dschungelcamp zu kritisieren, weil dort nicht die Umgangsformen vorgelebt werden, die man sich im gesamtgesellschaftlichen Zusammensein wünscht, es zu kritisieren, weil es geschmacklos ist - das ist ja wohl die bräsigste, wohlfeilste Position überhaupt. Und eine uralte dazu, seit der Einführung des Privatfernsehens in Deutschland an Dutzenden von Beispielen tausendfach wiederholt. Kann man jedes Jahr wieder sagen, greift jedes Jahr zu kurz.
Was du nicht sagst. Dann hat dich vielleicht die schonungslose Dschungelcamp-Analyse von Thomas Konicz auf heise.de zur Vernunft gebracht, der glasklar nachgewiesen hat, dass das Dschungelcamp nichts anderes ist als die hässliche Fratze des Kapitalismus, dass es den arbeitnehmenden Zuschauer dazu bringt, sich perverserweise in seiner Freizeit an denselben Erniedrigungen zu berauschen, denen er täglich im Arbeitsleben ausgeliefert ist? An einem Rattenrennen nämlich, so menschenverachtend wie die 1932 von Ernst Bloch beschriebenen Tanzmarathons, bei denen die Teilnehmer unter dem Gegröle eines sadistischen Publikums erschöpft kollabierten? Dieser Text hat dir die Augen geöffnet! Das Dschungelcamp ist ein präfaschistisches Spektakel, der Wegbereiter einer allgemeinen Verrohung, die uns geradewegs in die nächste deutsche Diktatur schlittern lässt!
Präfaschistisch? Geht's nicht eine Nummer kleiner? Mag schon sein, dass es bedenkliche Tendenzen in unserer Gesellschaft gibt, gegen die man sich stellen muss. Aber wer meint, dafür ausgerechnet das Dschungelcamp bemühen zu müssen, den kann ich nicht ernst nehmen. Oder, um es im Duktus dieser ambitiösen Anklageschrift zu sagen: Das ist eine Verhöhnung der wahren Opfer.
Hm, Bloch hat dich also auch nicht zur Besinnung gebracht. Was also dann? Obwohl, das ist eigentlich egal, Hauptsache, du bist endlich zu mir, zur Vernunft gekommen.
Ich sag's dir trotzdem: Das Dschungelcamp ist schlecht, weil es langweilig geworden ist.
Wie bitte?
Ja. Es konnte zwar keiner ernsthaft erwarten, dass sich "Ich bin ein Star. Holt mich hier raus!" wieder zu solchen Höhen erheben könnte wie in der legendären fünften Staffel mit den Dramen um Sarah Knappik und dem sympathischen Dschungelkönig Peer Kusmagk...
Was redest du da?
...aber diesmal hat sich RTL zu offensichtlich bemüht. Der Fehler ist, dass die Macher dem eigentlichen Reiz der Sendung nicht vertraut haben: dem Unvorhergesehenen. Man hat uns mit Helmut Berger geködert, obwohl man genau wusste, dass der nur wenige Tage aushalten würde. Man hat den Zickenkrieg zwischen Georgina und Fiona inszeniert und nach Kräften befeuert. Man hat, gerade in den letzten Tagen, massiv versucht, die Emotionen von uns, den Zuschauern, zu steuern: Fiona wurde unmöglich gemacht, Olivia als manipulierendes, faules Stück hingestellt.
Sorry, ich sehe mir das nicht an. Ich kann dir nicht mehr folgen.
Hör zu, was noch schlimmer ist: Das Format frisst sich von Innen heraus auf. Olivia Jones liefert wesentlich scharfzüngigere Kommentare als Sonja Zietlow und Daniel Hartwich zusammen, deren hochgelobte Dialoge auch nicht mehr so frisch wirken wie früher. Die Kandidaten sind sich ihrer Rolle viel zu sehr bewusst. Das ganze Ding wirkt darum diesmal sogar auf eingefleischte Fans abgeschmackt. Wenn man in der Werbepause schweigend dasitzt, weil einem nicht einfällt, was man über das Camp-Geschehen lästern könnte, wenn die interessanteste Frage ist, was dieser Junge in dem Werbespot mit Michael Ballack da gerade gesagt hat, dann stimmt doch etwas nicht mehr.
Ich gehe gleich.
Es ist deshalb übrigens völlig egal, wer diesmal Dschungelkönig wird. Nein, es ist langweilig, obwohl man meinen könnte, dass es spannend wird, weil die Chancen etwa gleich stehen: Joey hat sich vom Deppen zum Sympathieträger gewandelt. Olivia ist sowieso Favoritin. Und Claudelle ist so nett normal, dass man ihr den Sieg ebenfalls gönnen würde. Also, wenn du mich fragst: Ich setze diesmal auf Claudelle.
Ich frage dich aber nicht! Nur eins: Hattest du nicht eben noch gesagt, das Dschungelcamp sei schlecht?
Ja, stimmt, es ist schlecht. Hoffentlich wird es nächstes Jahr wieder besser.

