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27.01.2013
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RTL-Dschungelcamp 2013

Wo die Fliegen kreisen

Von Arno Frank
RTL

Der Dschungelkönig ist wieder einmal gekürt. Aber was genau haben wir nun eigentlich von "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" im Jahr 2013 zu halten? Man brauchte lange für eine Antwort - und findet sie schließlich an einem verdächtig stillen Ort.

Es ist ein Dilemma. Wenn irgendwas "die Nation" spaltet, findet man sich oft unversehens auf der einen oder der anderen Seite wieder. Es gibt für diesen Effekt zahllose ernsthafte Beispiele - die Atomkraft etwa oder die FDP. Aber im leichten Fach ist diese Spaltung nirgendwo so gut zu beobachten wie bei "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!". Das Programm "polarisiert", wie die Profis sagen.

Und das macht seinen irrsinnigen Erfolg aus. Die Sendung treibt durch "die Gesellschaft" einen Riss so präzise und scharfkantig, dass man sich daran schneiden könnte. Die schweigende Mehrheit wendet sich schulterzuckend bis schaudernd ab. Die anderen haben sich nicht so und schauen halt hin. So wie man - wenn man ohnehin daran vorbeifahren muss - sich für ein paar Herzschläge am Blaulicht in der Nacht und an den ineinander verkeilten Wracks auf der Gegenfahrbahn ergötzt.

Zuletzt waren das durchschnittlich 7,45 Millionen Menschen, was einem Marktanteil von rund 30 Prozent entsprach. Das ist zwar keine Mehrheit, wäre in gewissen Konstellationen aber doch regierungsfähiger als die vielfach zersplitterte Gruppe der Nichtgucker. Beide Parteien haben voneinander keine sonderlich hohe Meinung. Verächter halten passionierte Zuschauer für Opfer von Verblendungszusammenhängen, passionierte Zuschauer die Verächter für miesepetrige Spaßbremsen.

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Die RTL-Camper 2013: So lief es im Dschungel
Nun muss man kein Adorno sein, um die besseren Argumente im Lager der Verächter zu vermuten. Niedrigste Instinkte, spielerische Folter, Häme, Niedertracht und nackte Haut. Das kann nicht ernsthaft begrüßen, wer nicht sein Leben am Hof des Caligula verbracht hat. Andererseits lebte es sich am Hof eines Tyrannen wohl wesentlich lustiger als - sagen wir - im muffig-fernsehfreien Wohnzimmer eines pensionierten Lateinlehrers oder anderer Verfechter des Wahren, Schönen und Guten.

Ich wüsste auch nicht, ob das nun "gut gemachtes Fernsehen" war. Oder was damit gewonnen wäre, es als solches zu bezeichnen oder ihm, umgekehrt, diese Güte abzusprechen. Es fand statt, das genügte. Zumal die Fronten zwischen den Exegeten klar waren: Hier charakterlose Sado-Hedonisten im Zustand fortgeschrittener Herzensverwahrlosung, dort bedenkenträgerische Abendlandbewahrer mit keimendem Magengeschwür. Hier Affirmation, dort Aversion.

Wir wussten, was uns erwartete

Im Niemandsland zwischen den Schützengräben nun hoppelten kaninchengleich Journalisten wie ich, die fürs Zuschauen "im Schweiße ihres Arschgesichts" (Josef Winkler) bezahlt wurden, wie die Kandidaten fürs Mitmachen. Wir durften uns also nachher nicht beklagen. Etwa darüber, wider Willen zu Komplizen der einen oder zu Anwälten der anderen Seite geworden zu sein. Oder darüber, wie mürbe einen das Zuschauen manchmal machte. Wir wussten, was uns erwartete.

Nun wussten meine Proletenfreunde oft nicht, was das Dschungelcamp eigentlich ist, weil sie wegen ihrer Frühschicht in der Wursthüllenfabrik um 22.15 Uhr schon im Bett lagen. Während mich Akademikerfreunde für meine Arbeit auf eine Weise bedauerten, die nicht von der Häme einer Sonja Zietlow zu unterscheiden war.

Welche Haltung wäre also einzunehmen? Vielleicht die, mit der ein Chirurg dem Tumor begegnet, den er gerade entfernt: professionelle Indifferenz. Damit macht man es sich einfach. Aber, Hand aufs Herz, das ist auch nicht einfacher als die linke Kulturkritik oder der rechte Kulturpessimismus. Beide bekamen das Problem immer nur so kurz zu packen, wie die entwischte Seife in der Badewanne.

Es dauerte bedenkliche zwölf Tage, bis ich die innere Haltung gefunden hatte, mit der sich das Dilemma halbwegs auflösen und die Macht des Faktischen ertragen ließ. Diese Haltung konnte nicht die des Meinungsritters sein, der auf dem stolzen Ross seiner guten Argumente mit weithin sichtbarem Federbusch am Helm seine Seite der Front abreitet, Lob verteilt, Übertretungen ahndet. Nein, ich musste mich als neutralen Meldegänger begreifen. Shit happened, ich erzählte davon - und vermied es möglichst, mitten hineinzutreten, um "eine Position" einzunehmen.

Wenn ein Format auf Spaltung setzt, ist die Spalte zwischen den beiden Seiten manchmal der einzig erträgliche Ort. Es ist ein verdächtig stiller Ort, um den die Fliegen kreisen.

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insgesamt 83 Beiträge
1. Wunderbar satirische Artikel...
patsmelv@msn.com 27.01.2013
über eine Sendung welche ich wohl nie sehen werde :-)
über eine Sendung welche ich wohl nie sehen werde :-)
2. Meinetwegen...
Grzegorzyk 27.01.2013
...dann bin ich wohl ein - wie war das? - bedenkenträgerischer Abendlandbewahrer mit keimendem Magengeschwür. DAS allerdings eher aufgrund derartiger Artikel, in denen die Autoren sich winden, um diesen menschenverachtenden, [...]
...dann bin ich wohl ein - wie war das? - bedenkenträgerischer Abendlandbewahrer mit keimendem Magengeschwür. DAS allerdings eher aufgrund derartiger Artikel, in denen die Autoren sich winden, um diesen menschenverachtenden, gesellschaftszerstörenden Mist schön zu reden, und ihre Rolle gleich dazu. Das Leben an Caligulas Hof war lustig? Sicher, für ein paar Privilegierte schon, nehme ich an. Die Opfer seiner Willkür haben das möglicherweise anders empfunden. Nein, sorry, RTL und sein ganzes Pandämonium an Vorführ- und Verächtlichmachungsserien ist für mich das televisionäre Äquivalent zu BILD. Und Max Goldt hat es am besten auf den Punkt gebracht, was die BILD-Zeitung ist. "Diese Zeitung ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch, sie zu lesen. Jemand, der zu dieser Zeitung beiträgt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es wäre verfehlt, zu einem ihrer Redakteure freundlich oder auch nur höflich zu sein. Man muß so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz gerade noch zuläßt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun." - über die BILD-Zeitung, Mein Nachbar und der Zynismus, in: Der Krapfen auf dem Sims, Alexander Fest Verlag, Berlin 2001
3. wie kann
martin-z. 27.01.2013
man nur über sowas berichten. für mich ist die sendung der untergang des abendlandes. mit deutschland gehts steil bergab. ich bevorzuge eine kulturphilosophische disskusion auf swr2 kultur un dazu ein gutes glas chateau petrus. [...]
man nur über sowas berichten. für mich ist die sendung der untergang des abendlandes. mit deutschland gehts steil bergab. ich bevorzuge eine kulturphilosophische disskusion auf swr2 kultur un dazu ein gutes glas chateau petrus. dieses unterschichtenfernsehen muss schleunigst gestoppt werden. bis bald ich wende mich nun wieder meiner aktuellen lektüre zu: "die vernunft der postmodernen architektur im wandel der zeitgenössischen sozialstruktursproblematik." einen schönen sonntag noch
4. Wenn ich 100 000
200MOTELS 27.01.2013
Euro fuer 48 Stunden bekomme dann ist das sicher nicht menschenverachtend, und wenns so waee dann wuerde ich darum bitten !
Euro fuer 48 Stunden bekomme dann ist das sicher nicht menschenverachtend, und wenns so waee dann wuerde ich darum bitten !
5. Gute Unterhaltung
wanneeickel 27.01.2013
Ich (Abitur, Studium, PiPaPo) sehe diese Veranstaltung immer wieder mit größtem Vergnügen. Diese Staffel war wieder sehr nett, auch wenn die Charaktere natürlich in Kenntnis der vorherigen Staffeln berechnender ihre Rollen [...]
Ich (Abitur, Studium, PiPaPo) sehe diese Veranstaltung immer wieder mit größtem Vergnügen. Diese Staffel war wieder sehr nett, auch wenn die Charaktere natürlich in Kenntnis der vorherigen Staffeln berechnender ihre Rollen spielten, diesmal (leider) weniger aus der Spur geraten sind als seinerzeit Sarah Dingenskirchen und man sich bezüglich der Zusammenstellung eigentlich nur fragen konnte, was Kantenhocker Klaus da überhaupt sollte. Ich muß allerdings gestehen, daß ich (Schalke-Fan) auch mit großem Vergnügen Spiele des FCB gegen den BxB anschaue allein deswegen, weil meistens einer auf der Strecke bleibt. Bislang hat mich niemand wegen dieses, ich muß gestehen, leicht pervertierten Verhaltens verurteilt- letztendlich wäre es mir auch schnuppe. Wie bei dat Jungelkämp. Hat wieder Schpass gemacht, ey.

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