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28.01.2013
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Sexismus-Talk bei Jauch

Die Untoten der Geschlechterdebatte

Von Christoph Twickel
DPA

Der Fall Brüderle muss - selbstverständlich! - auch betalkt werden: Wibke Bruhns und Hellmuth Karasek gerierten sich bei Günther Jauch als Vertreter der präfeministischen Bundesrepublik. Kontra gaben ihnen Alice Schwarzer und die Netzaktivistin Anne Wizorek.

Eigentlich können wir mit diesem Rainer Brüderle sehr zufrieden sein. Schließlich hat er sich mit seinem altersgeil-weinseligen Fauxpas, einer eifrigen Jungjournalistin zu zeigen, wo sie hingehört - nämlich ins Dirndl - um die Allgemeinheit sehr verdient gemacht. Diese Affäre wird die Republik verändern. Persönliche Referentinnen werden betankte Politiker zukünftig eine Umdrehung früher aus nächtlichen Hotelbars zerren. Der "Stern" wird wieder zum Gesellschaftsmagazin. Der Umgang zwischen den Geschlechtern wird sich wandeln.

Sprachlich ist da schon einiges passiert: Seit der Affäre Brüderle schicken sich Jungerwachsene für die Wochenendverabredung SMS, in denen Sätze stehen wie "Hey, du kannst ein Dirndl auch ausfüllen. Wollen wir was trinken gehen?" oder "Ist auf deiner Tanzkarte noch was frei?" Wie geil ist das denn: Neue, lustige Sprüche aus dem Pleistozän der Altherrengalanterie. Brüderle sei Dank!

Andererseits: Ist es nicht erschütternd, wie untot in dieser Republik Geschlechterkategorien sind, die man historisch den Fünfzigern oder Sechzigern zugeordnet hätte? Wollte Hellmuth Karasek bei Jauch tatsächlich sagen, die Frage 'Ziehst du dich vielleicht zu aufreizend an?' wäre eine lohnenswerte Denkaufgabe für Frauen, die es mit übergriffigen Typen zu tun haben? Er zitierte damit zwar den Artikel einer Autorin der "FAS", aber dennoch hatte es den Anschein. Und hat Wibke Bruhns tatsächlich erklärt, Männer und Frauen seien nun mal verschiedene Spezies, wie im Tierreich, und wenn man das ändern wolle "dann machen Sie aus 'nem Stier 'nen Ochsen".

Karasek und Bruhns steckt offensichtlich die präfeministische Bundesrepublik, in der man das Tragen eines Minirocks noch als Aufforderung zum Grabschen interpretieren durfte, sehr tief in den betagten Knochen. Man möchte gar nicht wissen, wie viele ranzige Herrenwitze Wibke Bruhns hat weglachen müssen während ihres Aufstiegs zur ersten Nachrichtensprecherin der Republik und politischen Korrespondentin. Bei Jauch gab sie die eiserne Lady. Mit den Worten "ich mag auch nicht diese Attitüde, als wären wir nun die armen gehetzten Frauen", erteilte sie Jammerverbot und betonte, man könne sich dagegen wehren, auch wenn das "manchmal lästig" sei.

"Wer Rainer Brüderle kennt, kennt seine saloppe Ausdrucksweise"

Die korrekte Antwort kam - ausgerechnet - von Brüderles Parteigenossin Silvana Koch-Mehrin: "Es geht ja nicht darum, möglichst schlagfertig und wehrfähig zu sein, damit man die Kampfansage 'Ich setz mich durch als Frau' auch wahrmachen kann." Die FDP-Politikerin - die nach ihrem angekündigten Ausstieg aus dem EU-Parlament und dem Verlust ihres Doktortitels politisch nicht mehr viel zu verlieren hat - verteidigte den Artikel im "Stern" und konnte über den Fraktionsvorsitzenden der Liberalen nur sagen: "Wer Rainer Brüderle kennt, kennt seine saloppe Ausdrucksweise." Soll wohl heißen: Wurde höchste Zeit, dass der mal einen Dämpfer bekommt.

So zeigt sich im Jauch-Talk auch ein wenig, warum die Affäre eine solche Dynamik hat entwickeln können. Es sind die Frauen einer Generation, die den politischen Feminismus der Siebziger und Achtziger allenfalls im Kindesalter hat erleben können, die sich anlässlich der Causa Brüderle politisch artikulieren - in dem Gefühl, den Old-Boys-Netzwerken wie eh und je unterlegen zu sein und gerade im Beruf permanent als attraktive Wesen sexualisiert und heruntergestuft zu werden.

Dass Sprüche wie die, die "Stern"-Reporterin Himmelreich von Brüderle zu hören bekam, zum beruflichen und gesellschaftlichen Alltag gehören: Diese Erkenntnis wird erneut zum Politikum, getragen von Frauen wie der Netzaktivistin Anne Wizorek. Die saß bei Jauch, um von dem rasanten Aufstieg ihres Hashtags #aufschrei zu berichten, unter dem Frauen ihre Erfahrungen mit dummen Sprüchen und zudringlichen Chefs oder Kollegen twittern. Sie lieferte sich einen vielsagenden Schlagabtausch mit Medienveteranin Wibke Bruhns. "Sie glauben doch nicht, dass 60.000 empörte Menschen irgendwas ändern. Was wollen Sie denn für eine gesellschaftliche Verantwortung übernehmen?" schleuderte Bruhns der 31-jährigen Wizorek entgegen. Die konterte: "Wir sind doch nicht von den Bäumen heruntergekommen, um uns wieder dorthin zurückzuziehen."

Chefredakteur vertritt "Stern"-Redakteurin

Obwohl es wirklich wünschenswert wäre, wenn es dem deutschen Talkshowzirkus einmal gelänge, eine andere Emanzipations-Vorkämpferin als Alice Schwarzer einzuladen: Am Sonntagabend schaffte es die "Emma"-Chefin, die Blitzrenaissance des Feminismus nonchalant auf den Punkt zu bringen. Es handele sich halt um eine Generation von Frauen, die sich emanzipiert glaubten, karriereorientiert seien, dabei "immer schön Frau" bleiben wollten - und die sich jetzt wunderten, dass die Kerls ihnen trotz Qualifikation keine Fachfragen stellten. Der alltägliche Sexismus sei nun mal auch ein Kampfinstrument gegen zunehmende weibliche Ansprüche auf Führungspositionen. "Jede Frau in einer verantwortlichen Position ist ein Mann weniger", so Schwarzer.

Apropos verantwortliche Position: "Stern"-Chefredakteur Thomas Osterkorn versicherte, dass er nur in der Runde säße, weil die Autorin Laura Himmelreich den Auftritt in der Talkshow nicht hätte machen wollen. Man will es ihm gerne glauben. Auf der Website der Journalistinnenorganisation "Pro Quote" schreibt Himmelreich: "43 Prozent der Leser des Stern sind Frauen. Und dennoch besteht unsere vierköpfige Chefredaktion nur aus Männern. Im Berliner Büro des Stern bin ich die einzige Frau unter den Politikredakteuren." Nach zähem Ringen hatte der "Stern" im November verkündet, in den kommenden Jahren den Frauenanteil in Führungspositionen auf 50 Prozent anzuheben. Frauen seien heute selbstbewusster und forderten ihre Rechte ein, erklärte Osterkorn bei Jauch: "Das ändert die Debatte."

Osterkorn fiel übrigens noch ganz zwanglos eine besonders sexismusanfällige Bevölkerungsgruppe ein, nämlich "unsere Freunde mit Migrationshintergrund, die immer laut von Ehre sprechen und Respekt für sich einfordern, aber ihn gerade - einige von ihnen jedenfalls - im Umgang mit Frauen vermissen lassen." Eine ziemlich diskriminierende Aussage, die sich in diesem Fall jedoch nicht gegen Frauen richtet. Die kommende "Stern"-Chefredakteurin hat also noch einiges mehr zu tun.

Hinweis: In einer ersten Version dieses Artikels war nicht kenntlich gemacht, dass Hellmuth Karasek mit der Frage 'Ziehst du dich vielleicht zu aufreizend an?' auf den Artikel einer Journalistin der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" Bezug nahm.

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insgesamt 326 Beiträge
1. Die saloppe Ausdrucksweise muss man sich aber von
luxus64 28.01.2013
Brüderle nicht gefallen lassen. Als Politiker ist er leider Vorbild oder sollte es sein. Mir gefällt eine saloppe Anmache bei Frauen überhaupt nicht. Brüderle sollte sich schämen und die die ihn auch noch in Schutz nehmen [...]
Brüderle nicht gefallen lassen. Als Politiker ist er leider Vorbild oder sollte es sein. Mir gefällt eine saloppe Anmache bei Frauen überhaupt nicht. Brüderle sollte sich schämen und die die ihn auch noch in Schutz nehmen wie die Frau Bruns und die von der gesamten FDP.Ich glaube ich hätte ihm eine runter gehauen wenn der das zu mir gesagt hätte mit dem Dirndl.Das geht dem einen Dreckan ob der Busen einer Frau in ein Dirndl passt oder nicht. Das kann er zu seiner Frau sagen wenn sie den passenden Busen dazu hat.
2.
hjm 28.01.2013
Eigentlich hätte die Debatte in dem Moment beendet werden können, als Jauch berichtete, Schwarzer hätte eines Abends in bierseeliger Laune seine Krawatte mit seinem Geschlechtsteil verglichen, und Schwarzer dem, sichtlich in [...]
Eigentlich hätte die Debatte in dem Moment beendet werden können, als Jauch berichtete, Schwarzer hätte eines Abends in bierseeliger Laune seine Krawatte mit seinem Geschlechtsteil verglichen, und Schwarzer dem, sichtlich in Argumentationsnot verfallend, nicht widersprach. Mit einem einzigen Satz hat Jauch damit die Verlogenheit der ganzen Aufregung auf den Punkt gebracht.
3.
hjm 28.01.2013
Was möchte uns der Autor damit sagen? Dass weibliche Führungskräfte weniger Probleme mit dem logischen Widerspruch der Multikulti-Ideologie haben als Männer, deren Verstand ihnen sagt, dass irgendwas nicht stimmen kann, [...]
Zitat von sysopDPADer Fall Brüderle muss - selbstverständlich! - auch betalkt werden: Wibke Bruhns und Hellmuth Karasek gerierten sich bei Günther Jauch als Vertreter der präfeministischen Bundesrepublik. Kontra gaben ihnen Alice Schwarzer und die Netzaktivistin Anne Wizorek. http://www.spiegel.de/kultur/tv/guenther-jauch-sendung-zum-fall-bruederle-und-sexismus-a-879975.html
Was möchte uns der Autor damit sagen? Dass weibliche Führungskräfte weniger Probleme mit dem logischen Widerspruch der Multikulti-Ideologie haben als Männer, deren Verstand ihnen sagt, dass irgendwas nicht stimmen kann, wenn man mehr Rechte für Frauen einfordert und gleichzeitig eine frauenverachtende Kultur vor Kritik schützt?
4. Diese Dummlaberei
immerdreimalmehrwiedu 28.01.2013
könnte gut im Dschungelcamp stattgefunden haben! Und dafür werden die GEZ-Zwangsabgaben verbraten - TRAURIG!
könnte gut im Dschungelcamp stattgefunden haben! Und dafür werden die GEZ-Zwangsabgaben verbraten - TRAURIG!
5. Der Herr Osterkorn....
senfdazu 28.01.2013
...hat mit seinem Schlenker aber leider Recht !
...hat mit seinem Schlenker aber leider Recht !

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