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19.02.2013
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Fleischskandal-Talk bei Plasberg

Wurst aus vergammelten Schweinsköpfen

Von Mathias Zschaler
DPA

Rindfleisch-Verarbeitung: "Interrail für tote Tiere"

Empören kann sich Ilse Aigner wie aus dem Effeff. Eine "Sauerei", dieser Pferdefleisch-Skandal, so die Ministerin im ARD-Talk Plasberg. Wie man der Fleisch-Mafia zu Leibe rückt, diese Frage überfordert jedoch die Politik seit Jahren. Dem Verbraucher bleiben nur immer neue Schilderungen des Ekels.

Jetzt schlägt, wie mittlerweile üblich bei Lebensmittelskandalen, die Stunde der Aktionisten und der Lobbyisten - und die des ratlosen Endverbrauchers, dem allmählich der Appetit zu vergehen droht.

Dass es aktuell um Pferdefleisch geht, das an sich ja gar nichts Schlimmes ist, macht die Sache nicht besser, gibt ihr aber noch einen leicht irrationalen Beigeschmack zum vorherrschenden Hautgout der Empörung. Und davon gab es reichlich bei Frank Plasbergs "Hart aber fair"-Sendung, der gefühlt mindestens 77. Folge der Story von der angeblich so segensreichen Nahrungsmittelindustrie, der nur leider hin und wieder ein paar Pannen unterlaufen, weil irgendwelche finsteren Mächte im Spiel sind.

Wie denen in diesem Fall das Handwerk zu legen sei, darüber waren sich bezeichnenderweise beide Seiten ziemlich rasch einig. Ja, es gab sogar einen regelrechten Wettbewerb um die vollmundigsten Bekundungen von Abscheu und Entrüstung über jene ruchlosen Betrüger, die an einem gewissen Punkt der europäischen Tierfleischverwertungskette rumänische Gäule zu Rindern haben mutieren lassen.

Da wurde unisono "die volle Härte des Gesetzes" beschworen, unnachsichtige Strafverfolgung verlangt, schärferes Kontrollieren sowieso und kriminelle Energie angeprangert. Und vorneweg die Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner von der CSU, die obendrein von einer "Sauerei" sprach und die ganze Zeit eine sehr indignierte Miene zur Schau trug.

Zum Teil mag das daran gelegen haben, dass auch die grüne Ex-Ministerin Bärbel Höhn zugegen war sowie die Verbraucherschützerin Silke Schwartau, die erwartungsgemäß beide eine Menge auszusetzen hatten an der bisherigen Haltung der Ministerin zur Frage der Etikettierungspflicht für unverarbeitete Nahrungsmittel. Aber für die wirklich harte Konfrontation mit der Historie der diesbezüglichen Verzögerungs- und Verhinderungstaktik sorgte Herr Plasberg persönlich per Einspieler, worauf von Frau Aigner zu hören war, das alles sei eben sehr komplex und werde bekanntlich auf EU-Ebene verhandelt und außerdem gehe es doch auch um die Praktikabilität.

"Interrail für tote Tiere"

Umso engagierter griff sie allerdings den Gedanken auf, das Bundeskriminalamt gegen die Fleischbetrüger einzusetzen, am besten gleich Europol. Das fanden, heftig zustimmend, auch die Herren von der Lobby-Fraktion, der Schinkenproduzent Jürgen Abraham und Stefan Genth vom Handelsverband Deutschland, beide versierte Gäste bei einschlägigen TV-Veranstaltungen. Man hätte sich kaum gewundert, wenn auch noch der Ruf nach einem Nato-Einsatz laut geworden wäre.

Es blieb allerdings auch so noch genug Anlass zum Staunen - nämlich über die Vehemenz, mit der das Duo bemüht war, sich selbst stellvertretend für Hersteller und Handel als Opfer zu deklarieren und zu behaupten, es säßen doch alle im selben Boot, die Branche wie die Konsumenten.

Die passendere Fortbewegungsmetapher angesichts der inzwischen oft gezeigten Grafik über die geradezu pervers anmutenden EU-weiten Transporte hat indes eine britische Zeitung mit der Formulierung "Interrail für tote Tiere" geliefert. Und was es mit denen letzten Endes auf sich hat, daran blieb wenig Zweifel, auch dank der offenbar ungewollt aufklärerischen Rhetorik des sonst so schönfärberisch klingenden Herrn Abraham, der solche Begriffe wie "Substanzen", "nicht erkennbares Material" und "Granulat" verwendete - alles natürlich garantiert niemals im Zusammenhang mit Schwarzwälder Schinken zu finden.

Als Plasberg sich etwas spöttisch über den Gesundheitszustand verarbeiteter rumänischer Pferde äußerte, wollte Abraham das aber dann auch nicht gelten lassen und hielt dem Moderator vor: "Sie sitzen auf einem hohen Ross." Das gab ein paar verhaltene Lacher. Es war der einzige wirklich komische Moment des Abends.

Die Second-Hand-Fleisch-Mafia

Denn wem das bis dahin Gehörte und Gesehene noch nicht genug auf den Magen geschlagen war, dem wurde noch eine Extra-Portion Verbraucherverdruss durch den Auftritt des ARD-Journalisten Adrian Peter zuteil, der für "Report Mainz" arbeitet und sich seit Jahren mit jenen Strukturen und Praktiken beschäftigt, für die er aufgrund seiner Recherchen das Wort von der "Fleisch-Mafia" benutzt.

Peter sprach von "Schrotthandel", von "Second-Hand-Fleisch" und vergammelten Schweinsköpfen, aus denen Wurst gemacht werde. Ihm zufolge handelt es sich um organisierte Kriminalität im großen Stil, deren Akteure, wenn sie denn mal auffällig werden oder kurze Strafen abbüßen, sogleich ins gesetzwidrige Geschäft zurückkehren - ein Milieu, das seinen Worten nach bedenklich eng mit der normalen Lebensmittelindustrie verknüpft ist.

Man hätte sich als Zuschauer gewünscht, dass nicht nur dieser Aspekt eingehender thematisiert, sondern überhaupt etwas grundsätzlicher die Frage nach dem System gestellt worden wäre, um das es hier geht: jenes unheilvolle Wechselspiel zwischen menschlicher Gier nach möglichst billigem Fleisch und dubiosen Produktionsmethoden unter den Bedingungen des globalisierten Kapitalismus, der auch hier, ähnlich wie in der Finanzwirtschaft, seine dunkle Kehrseite zeigt und dessen Fehlentwicklungen immanent und nicht bloße Betriebsunfälle sind.

So blieb es denn bei abermaliger Empörung - diesmal seitens der Lobbyisten über den bösen Journalisten, der die ganze Branche in Verruf bringe. Und vorm Bildschirm blieb der preisbewusste Endverbraucher zurück mit lauter dröhnenden Beteuerungen im Ohr, dass ganz gewiss niemand die Absicht habe, sich der Verantwortung nicht zu stellen oder diese an andere weiterzuschieben.

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insgesamt 229 Beiträge
1. Ich glaube jedes Wort
brido 19.02.2013
bravo Adrian, sie haben sich nicht einschüchtern lasse.
bravo Adrian, sie haben sich nicht einschüchtern lasse.
2.
pennywise_the_clown 19.02.2013
der Verbraucher der billig will ist schuld die Politik ist empört es sind nur ein paar schwarze Schafe alles wie immer
der Verbraucher der billig will ist schuld die Politik ist empört es sind nur ein paar schwarze Schafe alles wie immer
3. .
frubi 19.02.2013
Wer sich nach dem betrachten der Gästeliste diese Show noch angetan hat, dem ist nicht mehr zu helfen. Man sieht den Wald voller Nebelkerzen nicht mehr. Wer Frau Aigner länger als 1 Minute zuhören kann ohne sich dabei das [...]
Zitat von sysopEmpören kann sich Ilse Aigner wie aus dem Effeff. Eine "Sauerei", dieser Pferdefleisch-Skandal, so die Ministerin im ARD-Talk Plasberg. Wie man der der Fleisch-Mafia zu Leibe rückt, diese Frage überfordert jedoch die Politik seit Jahren. Dem Verbraucher bleiben nur immer neue Schilderungen des Ekels. Pferdefleischskandal: TV-Talk bei Plasberg - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/pferdefleischskandal-tv-talk-bei-plasberg-a-884166.html)
Wer sich nach dem betrachten der Gästeliste diese Show noch angetan hat, dem ist nicht mehr zu helfen. Man sieht den Wald voller Nebelkerzen nicht mehr. Wer Frau Aigner länger als 1 Minute zuhören kann ohne sich dabei das Trommelfell abzuscharben, der verdient einen Orden.
4. Wer wunder sich eigentlich noch über Gammelfleisch
luxus64 19.02.2013
in unserer Wurst? Das ist doch der Frau Aigner nicht erst seit gestern bekannt. Die Lobbyisten regieren doch in Deutschland. Was hatten wir schon für Vorfälle in Deutschland und hat sich was geändert,nein. Der Aignern ihr Getue [...]
in unserer Wurst? Das ist doch der Frau Aigner nicht erst seit gestern bekannt. Die Lobbyisten regieren doch in Deutschland. Was hatten wir schon für Vorfälle in Deutschland und hat sich was geändert,nein. Der Aignern ihr Getue ist nur Show um von ihrer Verantwortung abzuwälzen. Nur unfähige Minister in Berlin.
5. ist doch einfach
fjr 19.02.2013
Wie bei der EU-Maschinenrichtlinie wird der "In-Verkehr-Bringer" haftbar gemacht. Das ist derjenige, der die Lasagne, Ravioli, oder was auch immer, herstellt und dann an den Handel abgibt. Diese Leute sind nämlich [...]
Zitat von sysopEmpören kann sich Ilse Aigner wie aus dem Effeff. Eine "Sauerei", dieser Pferdefleisch-Skandal, so die Ministerin im ARD-Talk Plasberg. Wie man der der Fleisch-Mafia zu Leibe rückt, diese Frage überfordert jedoch die Politik seit Jahren. Dem Verbraucher bleiben nur immer neue Schilderungen des Ekels. Pferdefleischskandal: TV-Talk bei Plasberg - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/pferdefleischskandal-tv-talk-bei-plasberg-a-884166.html)
Wie bei der EU-Maschinenrichtlinie wird der "In-Verkehr-Bringer" haftbar gemacht. Das ist derjenige, der die Lasagne, Ravioli, oder was auch immer, herstellt und dann an den Handel abgibt. Diese Leute sind nämlich beileibe keine "Opfer". Ich jedenfalls - mit der Gnade der Kindheit auf dem flachen Lande - kenne Pferde- und Rindfleisch sehr wohl auseinander, obwohl ich kein Metzger oder Koch bin. Und ein Koch, der Pferde- nicht von Rindfleisch wegkennt, der dürfte sich m.E. nicht mehr Koch nennen und seinen Beruf auch nicht mehr ausüben. Aber die Herren kaufen ja keine Rinderviertel oder zumindest große Fleischstücke, sondern Seperatorenfleisch und anderes ekliges Zeugs. Da geht das mit dem auseinanderkennen natürlich schwer. Aber wo ist die Qualitätskontrolle? Wo ist die Wareneingangskontrolle? Zumindest mit modernen Analysemethoden kann man den Unterschied sehr wohl feststellen. Und zum Strafmaß: Bandenmäßige, gewerbsmäßige Kriminalität, gewerbsmäßiger Betrug in zehntausenden von Fällen (jedes Päckchen Lasagne für sich ist Betrug an Verbraucher). "Mehr sog i ned".

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