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22.02.2013
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Beckmann-Talk

Abhilfe am Abgrund des Kapitalismus

Von Mathias Zschaler
NDR

Autor Schirrmacher: Neues Buch "Ego - das Spiel des Lebens" in TV-Sendung diskutiert

Überraschend intellektuell ging es zu beim TV-Talk von Reinhold Beckmann: Die Auseinandersetzung mit Frank Schirrmachers kapitalismuskritischem Buch "Ego - das Spiel des Lebens" war deshalb zwar etwas anstrengend, aber durchweg anregend. Dank eines Moderators in Bestform.

Es kommt nicht allzu häufig vor, dass TV-Talkmaster die Obergrenze von Niveau und Anspruch testen, dem Zuschauer also im besten Sinne etwas zumuten. Reinhold Beckmann hat es mit seiner Sendung über Frank Schirrmachers neues kapitalismuskritisches Buch "Ego - das Spiel des Lebens" gewagt - und damit zugleich bewiesen, welche Qualitätsunterschiede dieses Format ermöglicht, aktuell augenfällig etwa durch den Vergleich zur unsäglich banalen Einbrecher-Runde einer Frau Maischberger.

Ja, es ging bei Beckmann richtig intellektuell zu, was bisweilen etwas anstrengend, aber durchweg anregend war. Und das lag nicht nur an der wohlsortierten Gästegruppe, sondern war auch das Verdienst des Moderators, der sich in Bestform präsentierte. So gab es denn eine Diskussion in schönster Feuilletonmanier zu erleben, die sich sehr deutlich vom allwöchentlichen Durchschnittseinerlei abhob.

Die Abrechnung des eigentlich als konservativ geltenden "FAZ"-Mitherausgebers mit dem real existierenden, globalen, digital-basierten Kapitalismus hat bekanntlich schon einiges an öffentlichen Debatten ausgelöst, wobei es nicht zuletzt um die Frage geht, ob er sich zum Linken gewandelt habe. Sie wurde ihm auch jetzt wieder gestellt, unter anderem mit Hinweis auf die Rezension von SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Jakob Augstein.

Baum sieht Buch als "Augenöffner"

Aber viel mehr als ein knappes "Der Groschen ist gefallen" und einen kleinen Seitenhieb auf die eher schweigenden Wertkonservativen mochte er sich dazu nicht entlocken lassen. Ohnehin war bemerkenswert, welch relativ geringe Rolle das alte Links-rechts-Schema bei der Positionierung zu diesem Thema spielt. Eine echte, harte Konfrontation der Meinungen gab es nicht.

Die Kapitalismuskritik ist offenbar nicht nur im Kapitalismus angekommen, sondern auch im Mainstream des politisch-gesellschaftlichen Diskurses. Selbst die als Widerpart zu Schirrmacher geladene Wirtschaftsjournalistin Ursula Weidenfeld, die sich sonst gern in der Rolle der unerschütterlichen Neoliberalen gefällt, zeigte sich meist eher nachdenklich, zitierte die Souveränität des nun mal auch egoistischen Individuums als Errungenschaft der Aufklärung, mahnte Taten der Politik an und mochte nicht so recht der ansonsten unisono verfochtenen These von jener fatalen Eigendynamik des Systems und der technischen Systeme folgen. Mit ihrer Behauptung, es handele sich bei all dem lediglich um einen Strukturwandel wie einst bei Kohle und Stahl, stand sie dann doch ziemlich einsam da. Das trübte aber keineswegs die insgesamt harmonische Atmosphäre.

Fast wie ein Linker klang derweil der Altliberale Gerhart Baum, der die zunehmende Unbarmherzigkeit und Kälte beklagte und befand: "Die Fixierung auf die Märkte hat uns in die Katastrophe geführt." Schirrmachers Buch sei ein "Augenöffner" für den Blick auf das neue Zeitalter, das ihn fasziniere, aber auch erschrecke. Es drohe angesichts der nicht nur kommerziellen, sondern auch staatlichen Datensammlungen ein "Weltpolizeistaat".

"Ich werde gemöchtet"

Die Schwierigkeit der Diskussion lag darin, dass sie aufgrund der Vorgaben des Buchs gelegentlich sehr weite Bögen schlug - vom Kalten Krieg über die Spieltheorie zur Wall Street, von der rhetorischen Feinarbeit, den Unterschied zwischen dem Egoismus als Zustandsbeschreibung und als verhängnisvoller Handlungsmaxime zu benennen, bis hin zu plakativen Formeln wie der vom "Monster, erschaffen von der Sucht nach Effizienz", vom "Informationskapitalismus", der Gedanken und Absichten zur Ware mache.

Es könnte schon sein, dass Zuschauer ohne jede Vorkenntnis sich hin und wieder überfordert fühlten. Zum Glück war jedoch Ranga Yogeshwar da, der nicht nur Physiker ist, sondern sich immer wieder als bemerkenswert vielseitiger Fernsehschaffender erweist. Ausgerechnet er, der Naturwissenschaftler, war es, der ein ums andere Mal anschaulich und schnell die praxisnahe Erdung der theoretischen Höhenflüge vornahm. Selten wurde beispielsweise so plausibel und knapp der Sinn und Zweck einer Finanztransaktionsteuer erklärt. Und als die Rede auf den durch die sozialen Netzwerke beförderten Trend zur Ich-Vermarktung und Selbstoptimierung kam, war es Yogeshwar, der für die grassierende "Like"-Manie eine hübsche neue Wortschöpfung empfahl. Eigentliche müsse es heißen "Ich werde gemöchtet".

Schirrmacher warnte unterdessen in der ihm eigenen Tonlage dunkel, der Mensch sehe sich zwangsläufig als "Experiment, das misslingt". Wie es in dieser neuen, nur noch von Konkurrenz und Effizienz und Vorteilsstreben geprägten Welt konkret zugeht, darüber wusste die junge Autorin Julia Friedrich zu berichten. Sie sprach von einem "Wettrüsten" auf dem Bildungsmarkt, das bereits bei Kleinkindern einsetze, über das Fehlen aller Moral in den Kreisen etlicher Mitwirkender im großen Spiel, die sie bei den Recherchen für ihr Buch "Ideale" getroffen hat. Da gab es diese jungen, klugen, netten Männer auf den Cayman Islands mit ihren dubiosen Geschäften, die sie nach solchen Dingen wie Verantwortung und Gewissen befragt hat. Anschließend habe sie "den Club der leeren Augen" vor sich gehabt.

Bevor man dann allzu nahe an den Abgrund der Hoffnungslosigkeit geriet, besann man sich auf Mittel zur Abhilfe. Bewusstseinswandel und Überprüfung des eigenen Handelns empfahl Frau Friedrich - und im Zweifelsfall auch Ausstieg aus dem bösen Spiel. Baum nannte es trotzig "Spielverderber sein". Und Schirrmacher selbst räumte zum guten Ende hin ein, dass es ja nach wie vor eben auch die andere, kooperative Seite im Menschen gebe. Nur gelte es jetzt die Verengung auf das Ego zu überwinden. Physiker Yogeshwar wurde gar leicht metaphysisch, mahnte das "Bewusstsein der Endlichkeit" an und gab zu bedenken, dass es spätestens auf dem Sterbebett mit jedem Gedanken an entgangenen Profit vorbei sei.

Forum

Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 205 Beiträge
1. Anstrengendes konnte ich nicht erkennen...
mainzelmännchen 1 22.02.2013
...im Gegenteil - bewahrte einen doch Thema und Diskussion vorm sonst üblichen nächtlichen Einschlafen, mehr davon würde wenigstens einen Teil der staatlichen Fernsehsteuer rechtfertigen.
...im Gegenteil - bewahrte einen doch Thema und Diskussion vorm sonst üblichen nächtlichen Einschlafen, mehr davon würde wenigstens einen Teil der staatlichen Fernsehsteuer rechtfertigen.
2. Als wäre Besitz und Geld das Wichtigste.
spon-facebook-10000009156 22.02.2013
@:Physiker Yogeshwar wurde gar leicht metaphysisch, mahnte das "Bewusstsein der Endlichkeit" an und gab zu bedenken, dass es spätestens auf dem Sterbebett mit jedem Gedanken an entgangenen Profit vorbei sei. Man kann [...]
@:Physiker Yogeshwar wurde gar leicht metaphysisch, mahnte das "Bewusstsein der Endlichkeit" an und gab zu bedenken, dass es spätestens auf dem Sterbebett mit jedem Gedanken an entgangenen Profit vorbei sei. Man kann sich eben nichts mitnehmen, doch manche glauben ewig zu leben und raffen zusammen wo es nur geht, ohne Rücksicht auf meine Mitmenschen und die Natur. Als wäre Besitz und Geld das Wichtigste. Man kann mit weniger auch gut leben, vor allem tut man mehr für seine Gesundheit und sein Seelenheil und hilft dem Fortschritt, anstatt alles zu zerstören.
3.
marcel2101 22.02.2013
Na hoffentlich war dieser Niveausprung kein einmaliger Ausrutscher! Hätte man seitens der öffentlich-rechtlichen Sender schon früher eine Qualitätsoffensive in diese Richtung gestartet, hätte die GEZ-Diskussion der letzten [...]
Na hoffentlich war dieser Niveausprung kein einmaliger Ausrutscher! Hätte man seitens der öffentlich-rechtlichen Sender schon früher eine Qualitätsoffensive in diese Richtung gestartet, hätte die GEZ-Diskussion der letzten Wochen sicher keine ganz so hohen Wellen geschlagen.
4. Gut leben auf Kosten anderer!
rjrauschffm 22.02.2013
Nachdem der äußere Feind nicht mehr direkt existiert, brauchts einen neuen. Im 1. Schritt werden die Träger des wirtschaftlichen Fortschritts als raffgierig diffamiert.Kapitalistenschweine! Im 2. Schritt erfolgt dann die [...]
Nachdem der äußere Feind nicht mehr direkt existiert, brauchts einen neuen. Im 1. Schritt werden die Träger des wirtschaftlichen Fortschritts als raffgierig diffamiert.Kapitalistenschweine! Im 2. Schritt erfolgt dann die Ausplünderung: Vermögensteuer, Erbschaftssteuer, Reichensteuer, Solidaritätszuschlag, Mehrwertsteuer. Nur die Leute, die in der Lage sind, mal eben 250 Mio für eine neue Autofabrik hinzulegen werden sich bald französisch aus diesem Zirkus verabschieden. gez. R. R.
5. zum Glück nur
missnoah 22.02.2013
Wie dringend benötigte Ego-Transzendenz heute aussehen kann, beschreibt z.B. Eckhart Tolle in "Eine neue Erde: Bewusstseinswandel statt Selbstzerstörung". Für Berührungsängstler von Ego-Abgründen allerdings schwere [...]
Wie dringend benötigte Ego-Transzendenz heute aussehen kann, beschreibt z.B. Eckhart Tolle in "Eine neue Erde: Bewusstseinswandel statt Selbstzerstörung". Für Berührungsängstler von Ego-Abgründen allerdings schwere Kost.
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