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28.03.2013
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ARD-Missbrauchsfilm

Mama, Papa, Krieg

Von
ARD Degeto

Wer missbraucht hier wen? Im ARD-Film "Einfach die Wahrheit" vergeht sich ein Vater an seiner Tochter. Das behauptet jedenfalls seine Ex. Ein bedächtiges Drama, das ein schwieriges Thema mit Fernsehstars wie Heiner Lauterbach direkt in unsere Wohnzimmer trägt.

Natürlich ist sie alles andere als einfach, die Wahrheit, um die es in dem Fernsehfilm "Einfach die Wahrheit" geht. Weil ihre Mutter den Ex-Mann des Missbrauchs an der gemeinsamen Tochter bezichtigt, gerät die achtjährige Laura zwischen die beiden Menschen, die sie am meisten liebt.

Staatsanwältin Charlotte Reinke (Katja Flint), die mit dem Fall beauftragt wird, schenkt dem Verdacht der Mutter Brigitte (Ursula Lardi) anfangs uneingeschränkt Glauben. Doch Laura zieht ihre Anschuldigungen gegen ihren Vater Roman (Heiner Lauterbach) in der Hauptverhandlung zurück. Und plötzlich ist sich Charlotte nicht mehr sicher, ob sie es hier tatsächlich mit Missbrauch zu tun hat - oder mit der Instrumentalisierung eines Kindes.

An einem Missbrauch kann ein Mensch zerbrechen. Das Bestreben, den ARD-Film unter der Regie von Vivian Naefe in dieser Form auf den Primetime-Sendeplatz am Donnerstag zu hieven, ist hehr. Es geht Hand in Hand mit der von der Bundesregierung formulierten Absicht zur Aufklärung und Prävention von sexuellem Missbrauch, zu der unter anderem der "Runde Tisch" gehört. Dass so ein Institution nach wie vor zu wenig Unterstützung erfährt, dass die finanziellen Töpfe dafür voller sein müssten und das gesamte Thema nicht die mediale Aufmerksamkeit erfährt, die es braucht, kann eine Degeto-Produktion für die Primetime der ARD nicht en passant besser machen. Sie kann aber damit beginnen.

Obwohl die Idee, mit einem Fernsehfilm hilfreiche Informationen statt emotionaler Zustände auf den Bildschirm und damit in eventuell betroffene Haushalte zu bringen, ihre Schwächen hat. Etwa die hier sehr am Leben vorbeigetexteten Dialoge, die wirken, als seien sie aus Aufklärungsbroschüren abgeschrieben. Zum Beispiel, wenn Staatsanwältin Reinke im freien Gespräch mit der Kollegin nonchalant Sätze wie diese raushaut: "Diese Art Täter sind Meister der Verschleierung. Sie bauen ein Geflecht aus Drohungen, Versprechen und Komplizenschaft, in das sie das Opfer wickeln." Oder auch die Frage, ob und wie sehr man eine kindliche Schauspielerin dahingehend inszenieren darf, dass sie unter Tränen und mit gebrochener Stimme vom abendlichen Ritual des Eincremens durch den Vater erzählt, das in den Missbrauch mündete.

Ein bisschen wie mit Hannibal Lecter

Dass Reinke bei ihrem Versuch, das Verhalten des möglichen Delinquenten zu verstehen, sich zudem ausgerechnet in einer abgekupferten Hannibal-Lecter-Quidproquo-Situation im Gefängnis wiederfindet, in der ein verurteilter pädophiler Täter ihr Tipps gibt, ist ebenfalls eher gut gemeint als gut gemacht - und garantiert der Drehbuchidee geschuldet, das Schlüsselindiz, nämlich die Tatsache, dass Pädophile oft Erinnerungen an ihre Opfer wie Fetische bei sich verstecken, nicht auch noch aus einem lahmen Gespräch zwischen zwei Ermittlern zu ziehen.

Das ARD-Drama ist eben so didaktisch wie möglich, ohne als "Themenabend" oder Diskussionsrunde aus der landläufigen Abendunterhaltung zu kippen. Den Vergleich mit dem soeben im Kino angelaufenen "Die Jagd" von Thomas Vinterberg, in dem Mads Mikkelsen als Kindergärtner zu Unrecht des Missbrauchs bezichtigt wird, darf man somit nicht ziehen: Hier geht es um das Augenöffnen für Hinweise, um das Belehren über mögliche rechtliche Konsequenzen. Und dort darum, wie Gruppensog und verständliche Ängste die Wahrheit verdrängen können. Vivian Naefes Film ist konkret, Vinterbergs eine Studie der menschlichen Natur.

Aber Naefes Intention geht auf, genauso wie ihre Besetzung der Gegenspieler mit den Fernsehgesichtern Katja Flint und Heiner Lauterbach: Wer gut ist und wer böse, kann bei Missbrauchsfällen eben nicht an der Nasenspitze angesehen werden. Die Figur Lauterbachs bleibt tatsächlich - für einen ARD-Fernsehfilm - lange in der Schwebe, genau wie die zunächst tatsächlich überängstlich wirkende Rolle der Mutter.

Und dass die Täter es schaffen, ihre abhängigen Opfer von der Umgebung unbemerkt immer wieder so sehr unter Druck zu setzen, bis Geständnisse zurückgezogen werden, vor allem aber, wie extrem die kindliche Psyche durch den absoluten Vertrauensbruch eines Elternteils leidet, kann man nicht klar und oft genug erklären.

"Einfach die Wahrheit" geht mit seiner trockenen, etwas bemühten, aber angenehm undramatischen Art den richtigen Weg: mitten in die Wohnzimmer der Fernsehnation hinein.


"Einfach die Wahrheit", Donnerstag, 20.15 Uhr, ARD

Forum

Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 90 Beiträge
1.
ColynCF 28.03.2013
Sicher ein interessanter Film. Und sicher gibts die gleiche hitzige Debatte wie immer wenns um das Thema geht. Aber nach den Erfahrungen aus dem "Die Jagd" Thread sollte man imho so eine Diskussion erst starten, [...]
Zitat von sysopARD DegetoWer missbraucht hier wen? Im ARD-Film "Einfach die Wahrheit" vergeht sich ein Vater an seiner Tochter. Das behauptet jedenfalls seine Ex. Ein bedächtiges Drama, das ein schwieriges Thema mit Fernsehstars wie Heiner Lauterbach direkt ins unsere Wohnzimmer trägt. ARD-Missbrauchsdrama "Einfach die Wahrheit" mit Katja Flint - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/ard-missbrauchsdrama-einfach-die-wahrheit-mit-katja-flint-a-890259.html)
Sicher ein interessanter Film. Und sicher gibts die gleiche hitzige Debatte wie immer wenns um das Thema geht. Aber nach den Erfahrungen aus dem "Die Jagd" Thread sollte man imho so eine Diskussion erst starten, wenn der Film tatsächlich gelaufen ist, sonst diskutieren die Leute hier wieder über "ungelegte Eier" und echauffieren sich womöglich ganz umsonst.
2. Und der Ausgang des Films?
jizzyb 28.03.2013
Ich bin mal sehr gespannt darauf, wie der Film ausgeht. Statistisch gesehen sind mehr als 90% !! aller Mißbrauchsvorwürfe im Scheidungsfall Falschanzeigen. Sexuelle Missbrauchsanschuldigungen bei Trennung/Scheidung [...]
Ich bin mal sehr gespannt darauf, wie der Film ausgeht. Statistisch gesehen sind mehr als 90% !! aller Mißbrauchsvorwürfe im Scheidungsfall Falschanzeigen. Sexuelle Missbrauchsanschuldigungen bei Trennung/Scheidung (http://www.vaeterfuerkinder.de/glaubh1.htm) Warten wir mal ab ....
3. Ausgang schon gespoilert, oder?
thefirsttry 28.03.2013
Steht doch schon im Text - der Vater ist der Täter, die Rücknahme der Aussage erzwungen und er trägt irgendwelche Fetisch-Erinnerungen bei sich. Wäre ja auch was ganz neues, wenn der missbrauchende Vater mal der Unschuldige [...]
Steht doch schon im Text - der Vater ist der Täter, die Rücknahme der Aussage erzwungen und er trägt irgendwelche Fetisch-Erinnerungen bei sich. Wäre ja auch was ganz neues, wenn der missbrauchende Vater mal der Unschuldige wäre - so etwas traut sich die ARD nur ganz selten, und nie wirklich eindeutig...
4. Unpräzise Formulierungen
schutsch 28.03.2013
Seit Kachelmann weiß ich, daß unser Rechtsstaat nichts taugt, aber die Gesetze sind Schuld! Wenn sie nicht eindeutig unterscheiden was richtig und was falsch ist, sind Delikte kaum ahndbar, Mißbrauch aber Tor und Tür [...]
Seit Kachelmann weiß ich, daß unser Rechtsstaat nichts taugt, aber die Gesetze sind Schuld! Wenn sie nicht eindeutig unterscheiden was richtig und was falsch ist, sind Delikte kaum ahndbar, Mißbrauch aber Tor und Tür geöffnet. Ich hätte nie eine Freundin gehabt, hätte ich nicht "gestalkt".
5. "Einfach mies gemacht"
rokitansky 28.03.2013
Nachdem in Vorberichten der Film gnadenlos verissen wurde unter dem Fazit "Einfach mies gemacht". ist dies wohl keine Abendunterhaltung. Da gibt es bessere Alternativen
Zitat von sysopARD DegetoWer missbraucht hier wen? Im ARD-Film "Einfach die Wahrheit" vergeht sich ein Vater an seiner Tochter. Das behauptet jedenfalls seine Ex. Ein bedächtiges Drama, das ein schwieriges Thema mit Fernsehstars wie Heiner Lauterbach direkt ins unsere Wohnzimmer trägt. ARD-Missbrauchsdrama "Einfach die Wahrheit" mit Katja Flint - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/ard-missbrauchsdrama-einfach-die-wahrheit-mit-katja-flint-a-890259.html)
Nachdem in Vorberichten der Film gnadenlos verissen wurde unter dem Fazit "Einfach mies gemacht". ist dies wohl keine Abendunterhaltung. Da gibt es bessere Alternativen
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