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07.08.2013
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Steinbrück bei Maischberger

Ein perfekter Plan

Von
DPA

Peer Steinbrück und Sandra Maischberger: Ein perfekter Plan

Hartnäckig bis zum Schluss: Auch auf mehrmaliges Nachfragen wollte Peer Steinbrück im Verhör bei Sandra Maischberger nicht zugeben, dass er das Rennen um die Kanzlerschaft bereits verloren gibt. Doch die glänzend vorbereitete Moderatorin ließ nicht locker - und schließlich erreichte sie ihr Ziel.

Bloß keine Schwäche zeigen. Eine ganz große Nummer ist das, so ein Einzelgespräch mit dem Kanzlerkandidaten der SPD, geschlagene 75 Minuten lang, noch dazu mit Peer Steinbrück, dessen scharfe Zunge berüchtigt ist im ganzen Land - da muss man sich schon etwas ausdenken als Moderatorin. Da muss man sich gut vorbereiten. Und genau das hat Sandra Maischberger offenbar getan.

In mutmaßlich stundenlangen Sitzungen hat Maischberger mit ihrer Redaktion allem Anschein nach bis ins kleinste Detail ausgeheckt, wie das Gespräch mit Peer Steinbrück zu laufen habe, was sie fragen wird, was er antworten wird, wie sie auf die Antwort mit einer neuen Frage reagiert, wie sie nachhaken wird, wenn er nicht zufriedenstellend auf die Frage antwortet, alles perfekt geplant und vorgedacht.

Zunächst wiegt sie Peer Steinbrück in vermeintlicher Sicherheit, da sieht es noch so aus, als ob es ein selten heimeliger Abend für den Kandidaten werden würde: Maischberger, die bewährte Helmut-Schmidt-Flüsterin, steht nicht gerade im Ruf, führenden Sozialdemokraten mit tiefer Abneigung zu begegnen. Sie hat sich ein rotes Oberteil angezogen, passend zur Partei des Gastes, und das Studio ist wie eine kleine Steinbrück-Ausstellung dekoriert: Artikel über Steinbrück liegen aus, Steinbrück-Titelseiten, Steinbrück-Bücher, im Hintergrund hängen SPD-Plakate zur Bundestagswahl.

Aber schnell wird es ungemütlich: Unbedingt will die Moderatorin vom Kanzlerkandidaten hören, dass der selbst nicht an einen Wahlsieg glaube, was dieser aber nicht sagen will. Macht ja nichts, man kann ja noch mal fragen. Steinbrück legt wiederholt dar, dass er das Rennen für offen hält und davon überzeugt ist, Ende September in Koalitionsverhandlungen mit den Grünen zu sitzen. Ob ihm aber nicht doch eine große Koalition lieber wäre? Nein, wäre sie nicht. Aber die habe doch so gut geklappt mit ihm und Merkel, "wir haben uns die Mühe gemacht, das zu illustrieren", sagt Maischberger, dann folgt ein Einspielfilm mit Casablanca-Musik, aber die Mühe ist vergeblich, Steinbrück sagt immer noch nicht, dass er eine große Koalition will.

"Darf ich jetzt auch wieder?"

Dann wird er eben anders gegrillt. Steinbrück habe gesagt, dass Angela Merkel keine leidenschaftliche Europa-Rede gehalten habe, weil sie in der DDR aufgewachsen sei, referiert Maischberger. Bedeute das etwa, dass Steinbrück keine Leidenschaft für den Osten aufbringen könne, weil er im Westen geboren ist?

Nein, sagt Steinbrück, er habe sich nur darüber gewundert, dass von der Kanzlerin in der Euro-Krise keine solche Rede kam, und Gründe dafür gesucht. Maischberger probiert es anders: Was er über Merkels Herkunft gesagt hat, würde ja im Umkehrschluss bedeuten, dass niemand aus dem ehemaligen Osteuropa eine leidenschaftliche Europarede halten könne? Steinbrück versucht wieder, seinen Satz zu erklären, und als Maischberger ihn dabei erneut unterbricht, da bittet er darum, einmal ausreden zu können: "Dann wird das Gespräch zwischen uns vielleicht dialogischer." Maischberger gesteht ihrem Gast auflachend eine ausführliche Antwort zu, pausiert danach und fragt: "Darf ich jetzt auch wieder?"

Nein, Sandra Maischberger zeigt keine Schwäche, ihre glänzende Vorbereitung fruchtet. So perfekt ist sie, dass sich die Moderatorin augenscheinlich bis über beide Ohren in ihre eigene Gesprächschoreografie verliebt hat - und vor lauter Stolz darauf gar nicht mehr hören will, was Steinbrück tatsächlich sagt, jedenfalls nichts, was nicht in ihr Konzept passt.

Man kennt diese Art der Interviewführung hierzulande vor allem von Maischbergers früherem Produzenten Friedrich Küppersbusch, man kann sie als forsch bezeichnen, als fordernd und investigativ. Oder als unverschämt. Sie bewegt sich auf der Grenze zwischen Aufklärung und Impertinenz.

"Ja, was soll ich Ihnen darauf antworten?" - "Gar nichts."

Als es um die mittlerweile berühmte Szene mit Steinbrücks Gattin geht, die auf einer SPD-Veranstaltung ihren Mann fast zu Tränen rührte, als sie sich öffentlich fragte, warum die Leute nicht sehen, dass ihr Peer etwas verändern will in diesem Land, sonst hätte er doch das bequeme Leben als Vortragsreisender und Autor nicht gegen den undankbaren Job des Merkel-Herausforderers eingetauscht, da kommentiert Maischberger: "Der brillante Rhetoriker wird in dem Moment für viele fassbar, in dem er die Fassung verliert. Das ist ja auch eine Nachricht, oder?" Peer Steinbrück lässt diesen erkennbar zurechtgelegten Satz kurz wirken, lächelt Maischberger ins Gesicht und sagt: "Ja, was soll ich Ihnen darauf antworten?" "Gar nichts", antwortet Sandra Maischberger. Na dann.

Das Erstaunliche an diesem Abend: Im Ergebnis verläuft er positiv für Peer Steinbrück, denn im Vergleich zu seiner hochambitiösen Gesprächspartnerin wirkt der SPD-Kandidat geduldig, menschlich und geradezu sympathisch.

Da kann Maischberger auch noch mit alten Boulevard-Schlagzeilen wedeln, die Steinbrücks unglaubliche Fähigkeit zum Bierkonsum thematisieren oder ihm vor Jahren vorwarfen, eine Grüne mitsamt Säugling aus Koalitionsverhandlungen geworfen zu haben (Steinbrück bestreitet beides) - es hilft alles nichts, diese Frau kann ihn nicht erschüttern, das kann offenbar nur seine eigene. Dieser Mann, das ist deutlich zu sehen, hat seinen inneren Frieden wieder gefunden. Und hat er auch keine Chance aufs Kanzleramt - er wird sie doch nutzen. Tatsächlich: Peer Steinbrück sieht aus wie ein Gewinner.

Aber halt. Moment mal. War es etwa genau dieser Eindruck, den Sandra Maischberger von Anfang an erreichen wollte? Was für ein perfekter Plan.

Forum

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insgesamt 342 Beiträge
1. Was will der Artikel sagen?
vegefranz 07.08.2013
Was soll der Artikel sagen? Grosse Medienverschwörung gegen Spd-kandidaten? Fakt ist, dass die Spd durch Figuren wie Pannen-wowereit und Steinbrück nicht wählbar ist. Da nützt es auch wenig, wenn sie ihr neues [...]
Was soll der Artikel sagen? Grosse Medienverschwörung gegen Spd-kandidaten? Fakt ist, dass die Spd durch Figuren wie Pannen-wowereit und Steinbrück nicht wählbar ist. Da nützt es auch wenig, wenn sie ihr neues Wählerpotential hauptsächlich bei der Gruppe der Einwanderer sucht.
2.
pommbaer123 07.08.2013
Sein bester Satz sinngemäß : ich sage den Leuten halt was ich denke und will sie nicht bloß einlullen. Denn genau das ist es was Merkel tut.
Sein bester Satz sinngemäß : ich sage den Leuten halt was ich denke und will sie nicht bloß einlullen. Denn genau das ist es was Merkel tut.
3. Verhörtaktik Maischbergers
captnali 07.08.2013
statt Interview- woher stammt die Moderatorin?
statt Interview- woher stammt die Moderatorin?
4. Wir beobachten das Debakel mit Steinbrück ja seit Monaten
mielforte 07.08.2013
und daß die ARD diese Politshow unterstützt, sollte man sich denken können. Also bis zur Wahl noch ein wenig politische Folklore, damit das Ergebnis stimmt. Und das heißt Merkel.
und daß die ARD diese Politshow unterstützt, sollte man sich denken können. Also bis zur Wahl noch ein wenig politische Folklore, damit das Ergebnis stimmt. Und das heißt Merkel.
5. Unglaublich
tante_lilalu 07.08.2013
nicht zuletzt durch Anschauen dieses Auftrittes drängte sich mir die Frage auf: Was ist eigentlich los, dass jemand wie Steinbrück keine Chance gegen eine beliebige, nichtssagende Kanzlerin mit ihrem nicht ernstzunehmenden [...]
nicht zuletzt durch Anschauen dieses Auftrittes drängte sich mir die Frage auf: Was ist eigentlich los, dass jemand wie Steinbrück keine Chance gegen eine beliebige, nichtssagende Kanzlerin mit ihrem nicht ernstzunehmenden Kabinett. Am Montag Interview im BR, gestern dieses: Beide überzeugen!

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