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Kultur

"Anne Will" zum Syrienkonflikt und zu Russland

"Bei diesen Dingen sind wir nicht dabei"

Bestrafen oder vermitteln? Anne Will ließ über Russland und den Syrienkonflikt diskutieren. Irgendwie schienen alle Diskutanten ganz froh zu sein, dass Deutschland bloß mit harten Worten und nicht mit Waffen mitmischt.

NDR/ Wolfgang Borrs

Talk-Runde bei Anne Will: "Angriffe des Westens auf Syrien - wie gefährlich ist die Konfrontation mit Russland?"

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Montag, 16.04.2018   09:59 Uhr

Reden über Russland respektive Putin hat dieser Tage oft etwas von einer pädagogischen Krisensitzung. Wie umgehen mit einem Problemschüler, den man nicht einer Schule verweisen kann, deren Regeln er nicht respektiert? Und wie wäre ein gigantischer Showdown mit diesem anderen Problemschüler aus den USA abzuwenden, bei dem die ganze Schule einstürzen könnte? Die Rollen bei der sonntäglichen Talkshow von Anne Will sind dazu klar verteilt.

Die Pädagogen alter Schule sind mit Norbert Röttgen von der CDU und Alexander Graf Lambsdorff von der FDP gleich doppelt besetzt - wobei Röttgen als Vorsitzender im Auswärtigen Ausschuss und "einer der Autoren", wie er nicht ohne Eitelkeit anmerkt, von Angela Merkels jüngster Erklärung zum Luftschlag gegen Syrien deutlich gewichtiger daherreden konnte.

Röttgen betont, es habe vor allem aus innenpolitischen Gründen zuletzt auf Seiten der USA und Russlands einen "Krieg der Worte" gegeben. Allerdings habe niemand "Interesse an einer Eskalation". Lambsdorff spricht von einer "Bestrafung" des Regimes in Damaskus und damit auch Russlands, was Röttgen lieber als "präventive Maßnahme" betrachtet wissen will.

Einig sind sich beide in der Richtigkeit der Marschflugkörper und auch darin, der Gewalt nun "diplomatische Maßnahmen" folgen lassen zu müssen. Nach der Peitsche zur Wiederherstellung der Autorität also das Zuckerbrot. Röttgen scheint, wie die ganze Runde, leicht gekränkt darüber zu sein, dass Deutschland im Vorfeld solcher Aktionen nicht einmal gefragt worden ist.

Wills Erkundigung ("Schützt uns das, dass wir diesen langsamen Weg einer Parlamentsarmee haben?") weicht er mit minimaler Geschmeidigkeit aus: "Der Sachverhalt ist: Bei diesen Dingen sind wir nicht dabei." Lambsdorff merkt an, Macron sei ganz schön enttäuscht von den Deutschen. Röttgen kann sich das nicht vorstellen, sei aber "morgen in Paris" und werde sich da mal umhören.

Der junge Vertrauenslehrer kommt in Jeans und von der Linken, war mal UN-Waffeninspekteur und fordert: "Wir sollten uns mal alle locker machen". Nein, Jan van Aken mag die russische Politik auch nicht, gibt deren Sendern "seit Jahren" kein Interview. Wenn aber "dem Westen" sozusagen die Hand ausrutscht, sei das falsch. Würde geballert, ohne vorher zu fragen, "dann zerballern sie auch die Diplomatie".

Reaktionen müssten "rechtsstaatlich" erfolgen, fordert er - wissend, dass Moskau die Grundlagen einer genauen Untersuchung der Vorfälle torpediert. Gerne wüsste van Aken auch, wieso ausgerechnet jetzt "die Stunde der Diplomatie" sein sollte - nach sieben Jahren der Untätigkeit. Nicht allein die Russen seien hier die Bösen: "Ich glaube den Amerikanern in Sachen Bio- und Chemiewaffen nie wieder".

He is not convinced. Chlor gebe es überall in Unmengen, dafür brauche man keine Fabriken. Heiko Maas habe doch sicher "einen runden Tisch in seinem Außenministerium", da solle er die Streithähne gerne einladen. Dem Linken schwebt offenbar eine Pendeldiplomatie vor, mit Deutschland als neutralem Wandler zwischen den Welten.

Die Psychologin hat einen abgeklärteren Blick auf den fraglichen Übeltäter und ein echtes Problem mit dem Vertrauenslehrer van Aken. "Wo bleibt eigentlich der Aufschrei, wenn Russland an der Seite von Assad Krankenhäuser angreift?", fragt Golineh Atai. Und wieso übernähme die Fraktion der Linken im Bundestag "eins zu eins den Fragenkatalog Russlands", wenn es um Kriegsverbrechen gehe?

Als langjährige ARD-Korrespondentin in Moskau weiß Atai, dass Russland sich vom Westen in wirtschafts- und sicherheitspolitischen Fragen "an die Peripherie" gedrängt fühlt - und sich die Anerkennung als Großmacht nun im Nahen Osten holt. Dass zu diesem Zweck von staatlichen Medien sogar die Weißhelme als islamistische Theatergruppe denunziert werden, erfüllt die Journalistin mit spürbarem Ekel. Nein, da sei das Tischtuch bis auf Weiteres zerschnitten.

Der Direktor ist fraglos Wolfgang Ischinger, erfahrener Diplomat und Vorsitzender der Münchener Sicherheitskonferenz. Die wird als weltgrößtes Treffen von Sicherheitspolitikern, Militärs und Vertretern der Rüstungsindustrie viel mehr beachtet, seit sie nicht mehr "Wehrkundetagung" heißt. Ischinger kennt seine Pappenheimer alle persönlich und hält den jüngsten gewaltsamen Versuch für "notwendig", um Assad (und Russland) "Einhalt zu gebieten".

Mit einem Bruttosozialprodukt etwa auf der Höhe von Italien könne Russland "niemals einen großen Krieg mit irgend jemandem führen, sonst wäre es nach zwei Tagen am Ende". Putin schätzt er als entsprechend rational ein: "Aber er ist ein Zyniker", daher auch sein wenig konstruktives Verhalten in Syrien - unentschuldbar wie schon seine Annektion der Krim.

Putin werde mittelfristig versuchen, "unter Gesichtswahrung irgendwie aus Syrien rauszukommen". Was nichts daran ändere, dass der Westen nach wie vor keine "Syrienkrieg-Beendigungsstrategie" habe - und Deutschland sich wieder als "weltbester Trittbrettfahrer" aus der Affäre ziehe: "Und das reicht nicht."

Ischinger referiert noch, als Anne Will schon gehetzt nach der Uhr schaut, und alle Beteiligten vergnügt schmunzeln. Allzu gefährlich scheint sie also nicht zu sein, die Konfrontation mit Russland.

insgesamt 44 Beiträge
joachim.stiller 16.04.2018
1. Bestrafen oder vermitteln?
Bestrafen oder vermitteln, das ist hier die Frage. Wahrscheinlich geht beides nicht, sein wir doch mal ganz ehrlich..
Bestrafen oder vermitteln, das ist hier die Frage. Wahrscheinlich geht beides nicht, sein wir doch mal ganz ehrlich..
dunnhaupt 16.04.2018
2. Immer mitreden wollen, aber nie handeln
Deutschland könnte eine Schlüsselrolle zwischen Ost und West spielen, doch die Kanzlerin zieht es vor, gar nichts zu tun, wenn mal etwas von uns erwartet wird. Das deutsche Nichtstun in kritischen Momenten hat Tradition. Bei [...]
Deutschland könnte eine Schlüsselrolle zwischen Ost und West spielen, doch die Kanzlerin zieht es vor, gar nichts zu tun, wenn mal etwas von uns erwartet wird. Das deutsche Nichtstun in kritischen Momenten hat Tradition. Bei der einzigen Gelegenheit, als Deutschland ausnahmsweise im UNO-Sicherheitsrat mitstimmen durfte, enthielt Außenminister Westerwelle sich der Stimme. Apathie ist aber keine außenpolitische Strategie.
hevopi 16.04.2018
3. Ich akzeptiere zur Zeit nur
Herrn Steinmeier, der sich für die Diplomatie einsetzt. Bei vielen Politikern habe ich das Gefühl, sie haben immer noch nicht gelernt. Bei jeder kriegerischen Auseinandersetzung gibt es nur Verlierer, Russland sollte dringend [...]
Herrn Steinmeier, der sich für die Diplomatie einsetzt. Bei vielen Politikern habe ich das Gefühl, sie haben immer noch nicht gelernt. Bei jeder kriegerischen Auseinandersetzung gibt es nur Verlierer, Russland sollte dringend wieder als echter EU-Partner behandelt werden, unterschiedliche Meinungen diskutieren ..ja.., Waffeneinsatz ..nein.. . Ich bin mir sicher, dass auch Herr Putin, der Assad zur Zeit "pflegt", mittelfristig ablehnt, wenn er wieder diplomatisch im Westen akzeptiert wird.
wuehli 16.04.2018
4. Nicht viel erhellendes
Mit den Herren Roettgen und v.Lambsdorf eher seit jeher blasse Leute, die auf "Linie" sind. Frau Atai bzgl. der Kompetenz für Russland GAAAANZ weit hinter Frau Dr. Krone Schmalz. Ich fand mich eher bei Herrn v. Aken. [...]
Mit den Herren Roettgen und v.Lambsdorf eher seit jeher blasse Leute, die auf "Linie" sind. Frau Atai bzgl. der Kompetenz für Russland GAAAANZ weit hinter Frau Dr. Krone Schmalz. Ich fand mich eher bei Herrn v. Aken. Fakt ist immer noch: Der Angriff auf Syrien war völkerrechtswidrig. Punkt.
stefan.p1 16.04.2018
5. Der Westen sollte sich mal ehrlich machen.
Sie haben keine Chance gegen die syrisch,iranisch, russische Allianz. Es sei denn, sie wären bereit einen richtigen Krieg anzufangen. Mit diesen halbherzigen Wischiwaschi - Aktionen können Trump,May, Macron und Co totalitäre [...]
Sie haben keine Chance gegen die syrisch,iranisch, russische Allianz. Es sei denn, sie wären bereit einen richtigen Krieg anzufangen. Mit diesen halbherzigen Wischiwaschi - Aktionen können Trump,May, Macron und Co totalitäre Herscher wie Putin, die Ajatollas oder Assad wohl kaum beeindrucken. Also Schluß mit der Unterstützung der Rebellen,wo auch keiner weiß was man von denen zu erwarten hat. Assad hat gesiegt - und wir können in Ruhe über die Zukunft Syriens nachdenken und verhandeln.
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