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Kultur

Doku über Prostitution

Jünger, vielfältiger und billiger

Das 2002 verabschiedete Prostitutionsgesetz wurde als Fortschritt gefeiert. Welche Verheerungen es in Wahrheit nach sich gezogen hat, zeigt eine monumentale Doku in der ZDFinfo-Mediathek.

ZDF/ Jan Sindel
Von
Montag, 20.11.2017   11:54 Uhr

Nach zwei Minuten ist klar, wohin die Reise geht. Nach fünf Minuten steht die Tendenz der Dokumentation endgültig fest. Nach 15 Minuten ist das Elend kaum mehr auszuhalten, sind Opfer, Profiteure und Urheber der Malaise benannt und bekannt. Aber da muss man nun durch. "Bordell Deutschland" ist die umfassendste Recherche, die bisher zum Thema Prostitution im deutschen Fernsehen zu sehen war.

Über ein Jahr hat Christian Paul Stracke recherchiert, von Berlin bis Temesvar, von Malmö bis Kleinblittersdorf, vom Straßenstrich zum Edelpuff, von der Therapiestelle bis ins Ministerium, bei "Sexarbeiterinnen", Zuhältern, Aktivisten. Auf 90 Minuten breitet er aus, mit welcher Heftigkeit das 2002 verabschiedete Prostitutionsgesetz nach hinten losgegangen ist.

Zwar gilt das Gesetz als liberal, was immer gut klingt, und wurde seinerzeit als Fortschritt gefeiert. Es regelt das Gewerbe als Dienstleistung, Lohn kann eingeklagt, Sozialversicherung in Anspruch genommen werden. Und doch bereitet es, wie der Kriminalist Manfred Paulus formuliert, die "Plattform für zum Teil sehr schmutzige Geschäftsmodelle".

Es ist nicht einmal die genaue Zahl aller Prostituierten in Deutschland bekannt. Schätzungen schwanken zwischen 400.000 und einer Million, deren Dienstleistung täglich von etwa 1,2 Millionen Freiern in Anspruch genommen wird.

Wie ein großer Staubsauger zieht Deutschland aus der europäischen Peripherie kriminelle Banden an, macht Menschenhandel, Zwangsprostitution und dergleichen erst lukrativ. Vor allem aber ist es ein Gewerbe, das Steuern entrichtet - auf die manche Gemeinde nur ungern verzichtet.

Es kommen auch Frauen wie Cleo zu Wort, die ihren Job gerne machen: "Manche Menschen sind dafür geboren, manche nicht. Prostitution bedeutet für mich einfach, Spaß und Geld auf eine sehr angenehme und nützliche Art und Weise zu verbinden, um das mal so deutlich zu sagen." Da gibt es Felicitas Schirow, die das "Café Pssst!" in Berlin führte und mit ihrer Klage erst den Weg zum Prostitutionsgesetz geebnet hat. Oder Stephanie Klee, die mit ihrem Verein einem "ganz normalen Job" zu gesellschaftlicher Anerkennung verhelfen will.

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"Bordell Deutschland": Programmiertes Trauma

Wesentlich mehr Raum erhalten Manfred Paulus, der vom vergeblichen Kampf gegen die organisierte Kriminalität berichtet, und die Traumatherapeutin Ingeborg Kraus. Sie prägt den Satz, dass das Trauma die Voraussetzung und das Ergebnis eines Gewerbes sei, das noch immer gerne als "ältestes der Welt" verharmlost wird. Die körperlichen und seelischen Verheerungen unter den "Sexarbeiterinnen" seien vergleichbar mit denen von Folteropfern: "Dieser Beruf ist gefährlicher, als in den Krieg zu ziehen".

Freiwillige Prostitution und ihre gesetzliche Verankerung, so Stracke, bereite der Kriminalität erst den idealen Nährboden. Lobbyarbeit für eine Legalisierung würden nicht nur Bordellbesitzer, sondern auch Prostitutionsverbände machen - wo allerdings die selbstbestimmte Domina den Ton angebe und nicht die 17-jährige "moderne Sklavin" auf Amphetaminen und unter der Knute ihres Zuhälters.

Angebote wie der "Entsafter" oder "All You Can Fuck" verweisen auf die Industrialisierung eines Gewerbes, das die Produktionskosten immer weiter senkt. Viel Geld ist nicht zu verdienen, zumindest nicht für die Frauen im "Entsafter" oder auf der "Gang Bang Party". Während also das Angebot immer jünger, vielfältiger und billiger wird, zeigen die Vertreter der Nachfrage keine Einsicht: "Ich merke das schon", meint ein Freier, "wenn da eine Frau zu etwas gezwungen wird."

Wie es auch anders geht, ohne dass durchdrehende Männer alles kurz und klein schlagen, zeigt das schwedische Beispiel. Dort werden Männer bestraft, die den Körper einer Frau als Gebrauchsgegenstand behandeln. Island, Irland und Frankreich folgten bereits dem auch von der EU propagierten "nordischen Modell" - mit dem Ergebnis, dass beispielsweise saarländische Gemeinden sich über einen Anstieg an Sextouristen aus dem Nachbarland freuen können.

"Bordell Deutschland" hat Spielfilmlänge und damit notwendigerweise Längen. Dennoch ist es verdienstvoll, wie umfassend diese Dokumentation ein Großproblem ausleuchtet, das im toten Winkel blüht und weiterblühen wird - sofern sich die politischen Rahmenbedingungen nicht ändern. Eine Aufgabe mehr für die kommende Regierung.


"Bordell Deutschland", bis 15.11.2018 in derMediathek ab 22 Uhr abrufbar, ZDFinfo

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