Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

ARD-Klamauk "Der Nesthocker"

Griff zum Klo

Verschmierte Toiletten, grimassierende Darsteller: Der vermeintliche ARD-Spaß "Der Nesthocker" arbeitet mit billigen Effekten - da kann auch "Neo Magazin"-Komiker Florentin Will nichts retten.

ARD/ Frank W. Hempel
Von
Donnerstag, 13.12.2018   15:01 Uhr

Ah, die gute alte Kotflut! Immer noch das grobschlächtige Klamaukmittel der Wahl, wenn eine Komödie ihren Zuschauern lieber die Krawumms-Keule überzieht, als mit etwas appetitlicherem Humor zu arbeiten. Und so inszeniert der 27-jährige, intrigierfreudige Sohn eben ein großflächig verschmiertes Verdauungs- und Versauungsdebakel im Gästeklo, das er dann der neuen Bekanntschaft seiner Mutter anhängt, um ihr den möglichen Störenfried effektiv grätzig zu machen und ihn ein für alle Mal aus dem so behaglich gepolsterten Leben bei Mama zu drängen.

"Der Nesthocker", die Geschichte eines ausziehunwilligen Kindserwachsenen, der seine Mutter partout für sich allein haben möchte und jeglichen Versuch zaghafter Liebesanbahnung aufs Heftigste sabotiert, könnte eine nette, harmlose Komödie sein - fühlte man sich ihren Hauptfiguren clevernessmäßig nicht ständig so sehr überlegen, dass es schwerfällt, ernsthafte Sympathien für sie zu entwickeln.

Dümmlingsfrau Tina (Carin C. Tietze) bemerkt auch die kantholzigsten Manöver ihres Sprösslings nicht und umgluckt ihn mit provozierender Einfältigkeit. Etwa, wenn der Sohn sich beim Date grob zwischen die beiden Schmusewilligen plumpsen lässt, um unangenehm engagiert an seiner Mutter herumzumassieren. Dauersingle Armin, der leicht angeschusselte Bauzeichner (Francis Fulton Smith), tappst bei der Balz um Tina arglos in jede der offensichtlichen Fallen, die ihm das maliziöse Söhnchen Hendrik stellt - der wiederum nach fiesesten Ränkespielchen plötzlich eine unerklärliche Sturzbekehrung erfährt.

Fotostrecke

ARD-Film: Mama ist die Beste

Immerhin gesteht das Drehbuch Hendrik-Darsteller Florentin Will (Rocket-Beans-Moderator und "Neo Magazin Royale"-Mitstreiter, der in diesem Schmonzumfeld eher deplaziert wirkt) im Gegensatz zu seinen Mitschauspielern noch eine zweite Charakterfacette zu. Ob das reichen wird, um junge Zuschauer zur biederen ARD-Primetime-Komödie zu locken, wie das die Verantwortlichen mit dem Cast wohl im Sinn gehabt haben, darf man getrost anzweifeln.

Katastrophen mit Ansagen

In schlaueren Komödien kann der Reiz in dem dramaturgischen Kniff liegen, dass man eine drohende Katastrophe schon von Weitem nahen sieht und sich dann an der kunstvollen, ideenreichen Entfaltung des Schlamassels erfreuen kann. Wenn allerdings Tina bei Achims erstem Besuch stolz ihre Rosenzucht präsentiert und erzählt, in ein paar Tagen käme eine Abordnung des Rosenzuchtverbands, um sie zu begutachten, ein überaus wichtiger Termin, auf den sie schon ewig hinfiebere - dann darf man wirklich niemals eine schlichte Klamaukserie gesehen haben, um nicht genau zu wissen, dass die so liebevoll gepäppelten Blümchen diesen Tag vermutlich nicht mehr erleben werden.

Einzig der Twist um eine Smartwatch kann überraschen, weil derartige Geräte als dramaturgische Vehikel naturgemäß noch nicht so ausgiebig durchgenudelt sind wie etwa die eingangs erwähnte Verdauungsdrastik.

Zur arg vorhersehbaren Handlung kommt noch ein stellenweise überfüttertes Spiel, das die Szenen mitunter comichaft überzeichnet. Wenn Armin zerrüttet, bewundernd, ängstlich ist, ist er das mit so großer Mimik, als müsste auch der kurzsichtigste Theaterbesucher in Reihe 20 seine Gefühlsregungen noch lesen können.


"Der Nesthocker" - Freitag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 10 Beiträge
markus.sitzmann 13.12.2018
1. Das ist öffentlich-rechtlich.
Daher ist es wertvoll für unsere Gesellschaft. Das Verfassungsgericht hat das voll umfänglich bestätigt. Praktisch für immer. Und ohne wenn und aber.
Daher ist es wertvoll für unsere Gesellschaft. Das Verfassungsgericht hat das voll umfänglich bestätigt. Praktisch für immer. Und ohne wenn und aber.
ancoats 13.12.2018
2.
Es wäre vielleicht nicht schlecht gewesen, wenn die Macher sich vorher mal den - insgesamt auch nicht gerade oscarverdächtigen - französischen Nesthockerfilm "Tanguy" (2001) angeguckt hätten. Der kommt nicht nur ohne [...]
Es wäre vielleicht nicht schlecht gewesen, wenn die Macher sich vorher mal den - insgesamt auch nicht gerade oscarverdächtigen - französischen Nesthockerfilm "Tanguy" (2001) angeguckt hätten. Der kommt nicht nur ohne verdreckte Toiletten aus - er ist zumndest streckenweise auch durchaus originell witzig. Nicht mal sauber anderleuts Ideen kopieren kann man offenbar mittlerweile hierzulande.
Trollflüsterer 13.12.2018
3.
Richtig so, weil nämlich viel wertvolles dabei ist. Unabhängige und tief gehende Berichterstattung z.B. Ich zitiere sie mal gerade: ... ich würde die 17,50 Euro lieber in Abos von Zeitungen investieren, die meiner Meinung [...]
Zitat von markus.sitzmannDaher ist es wertvoll für unsere Gesellschaft. Das Verfassungsgericht hat das voll umfänglich bestätigt. Praktisch für immer. Und ohne wenn und aber.
Richtig so, weil nämlich viel wertvolles dabei ist. Unabhängige und tief gehende Berichterstattung z.B. Ich zitiere sie mal gerade: ... ich würde die 17,50 Euro lieber in Abos von Zeitungen investieren, die meiner Meinung nach einen viel größeren Anteil an journalistischer Arbeit leisten als die ÖR. Die Informationen, die mir die ÖR liefern, halte ich bestenfalls für flach. Was ist denn dann mit dem Rechercheverbund NDR, WDR und SZ? Träume ich die ARD darin? Genau die sind doch gerade weltweit führend im Aufdecken und jahrelang ermitteln, besser als Staatsanwaltschaften, von Skandalen etc. Oder beiden Dokus über Trump vom ZDF zoom, besser geht Journalismus schlicht nicht mehr: https://www.zdf.de/dokumentation/zdfzoom/zdfzoom-gefaehrliche-verbindungen-100.html https://www.zdf.de/dokumentation/zdfzoom/zdfzoom-trump-und-putin-komplott-gegen-amerika-100.html Wie passt all das zu ihrer Behauptung "bestenfalls flach"? Kann es sein, dass sie keine Ahnung haben oder bestenfalls aus Geiz heraus so argumentieren? ich würde die 17,50 Euro lieber in Abos von Zeitungen investieren, die meiner Meinung nach einen viel größeren Anteil an journalistischer Arbeit leisten als die ÖR. Die Informationen, die mir die ÖR liefern, halte ich bestenfalls für flach.
markus.sitzmann 13.12.2018
4. @Trollflüsterer
Das was sie da als "Dokus über Trump vom ZDF zoom" aufzählen, ist von Zeitungen wie Washington Post, New York Times oder VanityFair (oder anderen) übernommen. Die eigentliche journalistische Arbeit wurde dort [...]
Das was sie da als "Dokus über Trump vom ZDF zoom" aufzählen, ist von Zeitungen wie Washington Post, New York Times oder VanityFair (oder anderen) übernommen. Die eigentliche journalistische Arbeit wurde dort geleistet. Dinge wie der Rechercheverbund NDR, WDR und SZ ... naja, muss ich da wirklich erklären, was Sache ist?
P.Delalande 13.12.2018
5.
Ja, bitte erklären Sie, als vermeintlich "Eingeweihter", was da "Sache ist". Ihre Erklärung würde mich sehr interessieren, oder können Sie Ihre Vorwürfe etwa gar nicht erklären?
Zitat von markus.sitzmannDas was sie da als "Dokus über Trump vom ZDF zoom" aufzählen, ist von Zeitungen wie Washington Post, New York Times oder VanityFair (oder anderen) übernommen. Die eigentliche journalistische Arbeit wurde dort geleistet. Dinge wie der Rechercheverbund NDR, WDR und SZ ... naja, muss ich da wirklich erklären, was Sache ist?
Ja, bitte erklären Sie, als vermeintlich "Eingeweihter", was da "Sache ist". Ihre Erklärung würde mich sehr interessieren, oder können Sie Ihre Vorwürfe etwa gar nicht erklären?

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP