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Kultur

Plattenbau-Krawall mit Sido in der ARD

Kleines deutsches Jux-Paradies

Hier wird betrogen, gelogen und geflunkert, dass sich die Plattenbau-Pfeiler biegen: Der ARD-Film "Eine Braut kommt selten allein" erfindet sich eine schreiend komische Parallelgesellschaft in Berlin-Hellersdorf.

rbb/ Andreas Höfer
Von
Dienstag, 05.12.2017   14:40 Uhr

Es gibt eine Menge übertrieben bunt gekleidete Menschen zu bestaunen in "Eine Braut kommt selten allein" - und trotzdem handelt es sich bei diesem Film um die erste deutsche Fernsehkomödie, in der eine Plattenbauwohnung die Hauptrolle spielt. Am Anfang ist sie leer geräumt, weil der Mieter Johnny, dargestellt von Paul Würdig, den viele unter dem Namen Sido als Rapmusiker kennen, gerade von seiner Frau (Petra Schmidt-Schaller) verlassen worden ist. Im Lauf des Films füllt sich die Wohnung dann dank einer anderen jungen Frau (Michelle Barthel), der ihr zugehörigen Roma-Familie und allerlei nützlichen Mitbringseln. In der überraschenden Schlusspointe wird das wichtigste Möbel der Wohnung sehr unkonventionell entsorgt.

"Eine Braut kommt selten allein" erzählt auf halsbrecherische Art ein modernes Märchen. Der in Berliner Stadtteil Hellersdorf ansässige Möchtegern-Discjockey und Hartz-IV-Empfänger Johnny hat ein gutes Herz, einen wuscheligen Vollbart und nicht den schärfsten Verstand. Während eines missglückten Dates gerät er in eine kleine Schlägerei und lernt einen pfiffigen Roma-Jungen (Rauand Taleb) kennen, der bald seine Schwester Sophia (Barthel) in Johnnys Wohnung einquartiert.

Damit beginnt ein großes und meist vergnügliches Chaos, in dem Johnny und Sofia sich ineinander verlieben, mit einer zartfühlenden Beraterin vom Arbeitsamt paktieren und sich für Johnnys eigentlich bei der Nochehefrau lebenden Tochter eine Schwindelgeschichte ausdenken. Überhaupt wird in dieser Fernsehkomödie gelogen, geflunkert und betrogen, dass sich die Plattenbau-Betonpfeiler biegen.

Pointen, die mit Vorurteilen spielen

Die Hamburger Regisseurin Buket Alakus hat schon 2013 im Film "Einmal Hans mit scharfer Soße" ihre Neigung zu turbulenten Familienstoffen ausgelebt. In "Eine Braut kommt selten allein" (Drehbuch: Laila Stieler) setzt sie entschieden auf hanebüchene und drastisch mit Vorurteilen spielende Pointen. Man sieht hier die Mitglieder einer Romafamilie auf dem Straßenstrich Geld verdienen, deutsche Beamte austricksen und gewerbsmäßige Bettelei betreiben; sie dürfen Müll und Schrott über die Balkonbrüstung entsorgen, sich zu Dutzenden in einen einzigen Lieferwagen zwängen und natürlich auch sehr sentimentale Musik machen.

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ARD-Film mit Sido: Plattenbauparadies

In der lustigsten Szene des Films, der am Mittwoch in der ARD läuft, hilft ein ganzer U-Bahn-Wagen voller Berliner Bürger der Heldin Sophia, sich eine Legende für die deutschen Asylbehörden auszudenken, damit sie sich statt als Romamädchen aus Serbien als Flüchtlingsmädchen Samira aus Syrien ausgeben kann. Die deutsche Hauptstadt ist in dieser Komödie ein durchgeknalltes, menschenfreundliches Narrenhaus.

Paul "Sido" Würdig, der in Filmen wie "Blutsbrüdaz" durchaus auch harte Burschen spielte und selbst aus einer Familie von Sinti und Roma stammt ("Ich bin Zigeuner - auch wenn Leute mir diesen Ausdruck übelnehmen"), ist in Alakus' Film ein sanfter Träumer. "Er kann nicht Nein sagen", schmachtet selbst die Nochehefrau dem Ex hinterher.

Orgie aus schierem Blödsinn

Mit melancholischem Blick, gemütlichem Bauch und müden Schultern zieht Johnny in fast jeder Lebenslage am Joint. So stolpert er hinein in eine Krawall-Soap im Plattenbau. Schon bald können sich fast sämtliche Menschen um ihn herum kaum einkriegen vor Grimassierwut, Spaßgeschrei und Klamauk. In manchen Momenten ist "Eine Braut kommt selten allein" eine auch musikalisch schwer übersteuerte Orgie aus schierem Blödsinn.

Der Charme dieser Fernsehkomödie entsteht gerade aus dem Gegensatz zwischen dem sympathischen Kiffer-Phlegma der Hauptfigur und der pausenlosen Aufgekratztheit um ihn herum - und aus der Konsequenz, mit der die Regisseurin die Regeln der alltäglichen deutschen Migrantenwelt auf den Kopf stellt.

Fast alle von Johnnys deutschen Nachbarn im Hellersdorfer Sozialbau freunden sich gerührt mit der riesigen Roma-Sippe an, Polizisten und Asylbeamte sind barmherzige Ratgeber, und selbst im Fall einer definitiv beschlossenen Abschiebung ist immer noch Zeit für ein kleines Konzert zum großen Adieu.

"Eine Braut kommt selten allein" leugnet einfach frech die klaustrophobischen Zustände im Deutschland der Gegenwart. Und erfindet sich in den Wänden eines nüchternen Platten-Apartments ein kleines deutsches Jux-Paradies.


"Eine Braut kommt selten allein", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 2 Beiträge
ersatzaccount 05.12.2017
1. Vorschusslorbeeren
Bevor hier wieder die Kulturpessimisten, AFD-Vollpfosten und GEZ-Kritiker einfallen um das Thema zu verfehlen, will ich nur gesagt haben, das wenn es etwas gibt was das ÖR nicht kann und das ist kein kurze Liste, dann ist es [...]
Bevor hier wieder die Kulturpessimisten, AFD-Vollpfosten und GEZ-Kritiker einfallen um das Thema zu verfehlen, will ich nur gesagt haben, das wenn es etwas gibt was das ÖR nicht kann und das ist kein kurze Liste, dann ist es gepflegter Klamauk ohne hoch erhobenen Zeigefinger besonders zu schwierigen Themen. Wenn dann auch noch SPON nicht komplett drüber herzieht, besteht ja vielleicht doch noch Hoffnung für das kreative Vakuum ARD.
hotgorn 09.12.2017
2. Gansta meets Pilcher
bevor der Opa der Romafamilie seinen letzten Zug an der Hanfzigarette nahm erkannte man noch ein Tattoo auf seinem Unterarm, er war wohl in einem KZ. Alles herrlich inkorrekt und mit viel liebe zum Detail. Sollte öfters mit [...]
bevor der Opa der Romafamilie seinen letzten Zug an der Hanfzigarette nahm erkannte man noch ein Tattoo auf seinem Unterarm, er war wohl in einem KZ. Alles herrlich inkorrekt und mit viel liebe zum Detail. Sollte öfters mit meiner Mum gemeinsam Fernseh schauen kann einem schon mal Sido übern Weg laufen.

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