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Kultur

HBO-Serie "Here and Now"

Willkommen in der Trump-Life-Crisis!

Er schuf die modernen TV-Klassiker "Six Feet Under" und "True Blood", jetzt startet die neue Serie von Alan Ball: In "Here and Now" verbindet er eine zeitgeistige Familiengeschichte aus Trumps USA mit übersinnlichen Momenten.

SKY/ Home Box Office
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Montag, 12.02.2018   19:31 Uhr

"Wir haben verloren, wir haben verloren." Das ist das persönliche Mantra von Philosophieprofessor Greg Boatwright (Tim Robbins). Seit Monaten hat er es vor sich hin gemurmelt, mitten in der Feier zu seinem 60. Geburtstag spricht er es schließlich vor allen Gästen laut aus: "Wir haben verloren."

Gemeint ist damit in erster Linie die Niederlage von Hillary Clinton gegen Donald Trump, aber nicht nur. Verloren glaubt Greg auch seinen Lebensentwurf. Zusammen mit Ehefrau Audrey (Holly Hunter) hat er drei Kinder aus drei verschiedenen Regionen der Welt adoptiert, aus Kolumbien, Liberia und Vietnam, sowie ein leibliches Kind bekommen. Die Vereinten Nationen als Familienmodell, so wollte es das progressive Paar leben. Doch in Zeiten des Rechtspopulismus erscheinen Greg seine eigenen Ideale nur noch lächerlich und verfehlt. Willkommen in der Trump-Life-Crisis!

Dass Serienschöpfer Alan Ball irgendwann bei adoptierten Kindern und verzweifelten Eltern landen würde, erscheint fast zwangsläufig: Kaum jemand hat das dramatische (und emanzipatorische) Potenzial von alternativen Familienmodellen schöner entfaltet als er. In seinem Serienklassiker "Six Feet Under" zeigte Ball, wie sich der Tod eines Patriarchen auf seinen Clan auswirkt, welche Flieh-, aber auch welche Zentripedalkräfte dadurch freigesetzt werden. Ohne ihre Figuren der Symbolhaftigkeit preiszugeben, konnte man in der Serie auch den Entwurf einer postpatriarchalen Gesellschaft erkennen - samt aller schmerzhaften Lernprozesse und Überforderungen.

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"Here and Now": Zeitgeist und Geister

In "True Blood", seiner brillanten Vampir-Soap, schuf Ball im Anschluss die wohl radikalste Umformulierung von Familienverhältnissen: Zwischen Vampiren und den Menschen, die durch ihren Biss zu Vampiren wurden (in der Serienterminologie: Macher und Abkömmling), bildete sich eine einzigartige Intimität, die irgendwo zwischen elterlicher Fürsorge und libidinöser Verbundenheit angesiedelt war - also queer in einem weiten Sinne war.

Sowohl "Six Feet Under" als auch "True Blood" fügten sich in den Zeitgeist ein, ohne mit ihm zu kalkulieren. Balls neue Serie, die am Sonntag auf HBO bzw. Sky in Deutschland startet, ist nun anders gelagert, und das zeigt sich schon an deren buchstäblicher Verortung: "Here and Now" spielt in Portland, Oregon, der Modellstadt an der Nordwestküste der USA, über deren Hipster-Alternativheit sich die Sketchshow "Portlandia" schon seit Jahren lustig macht.

Selbstoptimierung bis zur Selbstverleugnung

Über die Widersprüche zwischen dem selbstgerechten Weltbild der Kurkuma-Latte-Trinker und den rechtspopulistischen Mehrheiten im Land will auch "Here and Now" etwas erzählen. Mit dem Spruch "Wir leben in einer neuen Wirklichkeit" wird die Serie in den USA beworben. Ein schönes Wortspiel, denn nicht nur wird damit auf das verzerrte Weltbild der Trump-Regierung Bezug genommen. Der kolumbianische Adoptivsohn Ramón (Daniel Zovatto) lebt tatsächlich in einer anderen Wirklichkeit, in der er Dinge sieht, die alle anderen nicht sehen - vor allem die Zahlenkombination 11/11.

Die Rätsel, was es damit auf sich hat und wie es Ramón mit der Familiengeschichte seines Psychiaters, einem exilierten Iraner (Peter Macdissi), verbindet, treiben den Erzählfluss der Serie maßgeblich voran. Auch die anderen Stränge sind temporeich erzählt: Adoptivsohn Duc aus Vietnam (Raymond Lee) ist ein Lebenshilfe-Coach, der Selbstoptimierung bis zur Selbstverleugnung betreibt. Bei Adoptivtochter Ashley aus Liberia (Jerrika Hinton) ist die Life-Work-Balance ebenfalls verrutscht: Statt sich um ihre Tochter oder ihren Online-Modeversand zu kümmern, kokst sie lieber mit männlichen Models. Allein die leibliche Tochter Kristen (Sosie Bacon) versucht, den Idealismus der Eltern weiterzuleben und belehrt ihre Mitschüler über white male privilege und die tiefe Verankerung von Sexismus in unserer Gesellschaft.

Sehr viel Serienstoff also, der paradoxerweise gerade in der Verdichtung an Gewicht verliert: So schnell, wie bei "Here and Now" essenzielle Konflikte abgehandelt werden, verflüchtigt sich auch deren dramatischer Nachhall. Besonders flach geraten dabei die Szenen an Uni und Schule. Das Fach Philosophie ist für "Here and Now" nur Behelfsmittel, um Gregs geistlose Lamenti über die Welt tiefgründiger wirken zu lassen.

Sind sie wirklich so bigott?

Die Streitereien, die Kristen an der Schule sucht, kommen ebenfalls kaum über das Niveau von Facebook-Kabbeleien hinaus. Immerhin agiert Sosie Bacon, die Tochter von Kyra Sedgwick und Kevin Bacon in ihrer ersten prominenten Rolle, mit so großer Natürlichkeit, dass es die peinliche Aufgesetztheit der Dialoge im Zaum hält.

Gute und - besonders im Fall der Adoptivgeschwister - extrem attraktive Schauspieler können allerdings nicht über das Grundproblem der Serie hinwegtäuschen: Wenn die Figuren so bigott und ignorant sind, wie es die Serie offenlegen will, warum sollten wir uns dann für sie interessieren? Warum ihnen eine Serie widmen und nicht denen, vor denen sie vermeintlich selbstgerecht die Augen schließen?

Mit diesem Problem ist "Here and Now" im Serienfernsehen nicht allein. Auch das Generationenporträt "Search Party" (in Deutschland bei TNT Comedy) stellt die Selbstbezogenheit der Millennials so ausführlich aus, dass es sie letztlich reproduziert. Man muss es schon so klug angehen wie "Big Little Lies", die HBO-Vorzeigeserie, die Oberschichtsatire in Missbrauchsdrama zu überführen verstand, um das Setting zwischen den Reichen und Schönen zu rechtfertigen.

Genau das misslingt "Here and Now" aber, weshalb die Serie eher an eine andere Schöpfung von Alan Ball erinnert - nämlich an "American Beauty", für dessen Drehbuch Ball einst den Oscar gewann. Der Film über die Midlife-Crisis eines weißen Wohlständlers, der seine Familie mit ins Verderben zieht, ist nicht nur wegen seines in Verruf geratenen Hauptdarstellers Kevin Spacey schlecht gealtert. Aber immerhin brauchte es dafür etliche Jahre. Bei "Here and Now" hat man schon jetzt das Gefühl, dass die Serie die Gegenwart verfehlt. Wir haben verloren? Wir haben verloren.


"Here and Now", zehn Folgen, je ca. 60 Minuten. In der Nacht vom 11. auf den 12. Februar im Original bei Sky verfügbar. Ab 28. März auch in der deutschen Synchronfassung.

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