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Kultur

"Illner"-Talk zu Merkel, Bayern, Hessen

"Wissen Sie, was Sie gerade getan haben?"

Eigentlich wollte Moderatorin Illner über die Kanzlerin diskutieren, stattdessen ging es um Volksparteien - es bildeten sich überraschende Koalitionen: Laschet hofierte die Grünen, Dobrindt rechnete die AfD dem eigenen Lager zu.

ZDF/Svea Pietschmann

Moderatorin Illner (M.) mit ihren Gästen

Von
Freitag, 19.10.2018   01:08 Uhr

Es kommt nicht oft vor, dass in einem politischen Talk das ursprüngliche Thema von einer ganz anderen Frage vom Tisch gewischt wird. Gefragt hatte Maybrit Illner "nach Bayern" und "vor Hessen" eigentlich nur: "Wie schnell verfällt Merkels Macht?" Im Schneckentempo? Im Schweinsgalopp? Antworten gab es auf etwas ganz anderes - das Schicksal der Volksparteien überhaupt.

Abmoderation des Abends: Claudia Kade von der "Welt" gibt sich Mühe und prognostiziert, dass die Kanzlerinnenfrage sich "nach Hessen" stellen werde: Weil dann die "Ruhe aufbricht, die man jetzt den Wahlkämpfern zugestehen will". Robert Habeck: "Dass Frau Merkel fertig ist und zurücktreten muss, das höre ich schon seit 2013." Damit liegt das Thema ad acta.

Hesse des Abends: Kurioserweise NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, der seinem wahlkämpfenden CDU-Kollegen Volker Bouffier in Wiesbaden ganz beispiellos beispringt. In Sachen Kriminalität sei Hessen ihm Vorbild, da wolle er gern in seinem Bundesland "auf vergleichbare Zahlen kommen". Auch wirtschaftlich stünde Hessen prima da, was aufs Konto der mitregierenden Grünen geht. Fazit: "Wenn die Große Koalition in Berlin nur eine Woche so konzentriert arbeiten würde wie die in Hessen, dann wäre schon viel gewonnen."

Bayer des Abends: Naturgemäß Alexander Dobrindt. Der CSU-Landesgruppenchef möchte die Sache mit der "Analyse" gern überspringen und über eine "stabile Regierungsbildung" reden. Die sei ein Kinderspiel, sagt er, gebe es doch in Bayern eine deutliche Mehrheit "von 65 Prozent" für das bürgerliche Lager. Auweia.

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Taschenrechner des Abends: Habeck schlägt die Hände vors Gesicht und greift Dobrindt an: "Wissen Sie, was Sie gerade getan haben? Sie habe gerade die AfD zum bürgerlichen Lager gezählt." Nur so komme man auf 65 Prozent.

In-Fight des Abends: Entspinnt sich zwischen Dobrindt und Habeck. Dobrindt rudert wortreich und in umständlichen Kurven zurück. Die AfD, das sei eine Partei am rechten Rand und so weiter. Aber Habeck beharrt: "Wenn die AfD keine bürgerliche Partei ist, hat das bürgerliche Lager nicht gewonnen." Mit der Habeck'schen Pistole auf der Brust räumt Dobrindt endlich ein: "Die AfD ist keine bürgerliche Partei", beharrt aber auf einer "bürgerlichen Mehrheit". Habeck drückt ab: "Sie können doch nicht zwei Aussagen, die sich widersprechen, als eine Aussage durchgehen lassen! Das ist doch Unsinn!"

ZDF/Svea Pietschmann

Habeck und Dobrindt bei "Illner"

Verlorener Posten des Abends: Olaf Scholz, Vizekanzler, ist mit Blick auf Hessen und seine sich seit neun Jahren "erneuernde" SPD "nicht der Meinung, dass wir im freien Fall sind". Tatsächlich ergeben Umfragen günstigstenfalls die Möglichkeit einer Koalition aus starken Grünen, schwächerer SPD und duldender Linkspartei. Andrea Ypsilanti wird, falls sie die Sendung gesehen haben sollte, zu Hause auf dem Sofa fein gelächelt haben.

These des Abends: Ist die vom Ende der Volkspartei as we know it. Volkspartei, führt Professor Habeck aus, sei "eine Simulation", vergleichbar vielleicht mit der "Matrix", mit der "alle Unterschiede in einer Partei nivelliert" würden. Ähnliches äußert aus entgegengesetzten Gründen die Politikwissenschaftlerin Ursula Münch. Kernproblem der SPD sei, dass sie sich mehr für "die anderen" einsetzte als für die "eigenen Leute".

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Höflichkeit des Abends: Olaf Scholz erklärt den "praktischen Humanismus" der SPD in der Flüchtlingsfrage - wer darf, darf; wer nicht darf, muss heim - und wirft der Politikwissenschaftlerin vor, "politisch" geworden zu sein. Sie habe "den Rahmen der Wissenschaftlichkeit ein ganz klein wenig verlassen, was in Ordnung ist, aber das sollten sie auch sagen".

Volkspartei des Abends: Laut Laschet die CDU. Dort sei es gelungen, beispielsweise so konträre Interessen wie die der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer "innerhalb einer Partei auf das Gemeinwohl hin zu organisieren".

Koalition des Abends: Habeck begrünt die Debatte mit dem Credo: "Die Partei wird gewinnen", in Hessen, in der Zukunft, überhaupt, "die der Radikalität der Veränderung ähnlich radikale Konzepte an die Seite stellt". Laschet ist begeistert: "Vielleicht kann man es wirklich schaffen, so wie Herr Habeck das eben beschrieben hat, Politik wahrzunehmen!"

Rohrkrepierer des Abends: Illner: "Hat Horst Seehofer den Moment verpasst, in Würde aus dem Kabinett zu scheiden?" Laschet: "Nein."



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insgesamt 156 Beiträge
Peterrr 19.10.2018
1.
"In-Fight" lol.. Habeck hat ihm die Worte im Mund herum gedreht. Das war zum Fremdschämen kindisch. Dass Dobrindt die Wählerschaft meinte, war mit gutem Willen nicht mal ansatzweise misszuverstehen.
"In-Fight" lol.. Habeck hat ihm die Worte im Mund herum gedreht. Das war zum Fremdschämen kindisch. Dass Dobrindt die Wählerschaft meinte, war mit gutem Willen nicht mal ansatzweise misszuverstehen.
neutralfanw 19.10.2018
2.
Wenn die CSU nicht noch weiter abstürzen möchte, dann sollte sie Herrn Dobrindt aus der Öffentlichkeitsarbeit herausnehmen. Er hat in der Vergangenheit schon genug Image-Schaden angerichtet. Der Wähler vergisst nicht so [...]
Wenn die CSU nicht noch weiter abstürzen möchte, dann sollte sie Herrn Dobrindt aus der Öffentlichkeitsarbeit herausnehmen. Er hat in der Vergangenheit schon genug Image-Schaden angerichtet. Der Wähler vergisst nicht so schnell.
dasfred 19.10.2018
3. Vielen Dank Herr Frank
So wie Frau Rützel uns die Last des Trash TV abnimmt und zu unserer Erheiterung die Essenz draus destilliert, gelingt ihnen das gleiche mit den Talkshows. Statt eines langweiligen Protokolls lassen Sie die interessanten Stellen [...]
So wie Frau Rützel uns die Last des Trash TV abnimmt und zu unserer Erheiterung die Essenz draus destilliert, gelingt ihnen das gleiche mit den Talkshows. Statt eines langweiligen Protokolls lassen Sie die interessanten Stellen auskristallisieren und bringen sie im Licht wohlgesetzter Worte zum Strahlen. So muss ich dieses Genre nicht völlig ausblenden, da ich nicht mehr bereit bin, diese Unmenge an Füllphrasen zu ertragen, die nur dazu dienen, vom Kern abzulenken. So machen Talkshows wieder Spaß.
ach-nur-so 19.10.2018
4.
"...Dobrindt rechnete die AfD dem eigenen Lager zu" Nö. Und das hat er auch zwanzig mal gesagt. Er wähnt die AfD-Wähler*Innen im eigenen, rechteren Lager von zwei angenommenen. Das stimmt zwar nicht ganz, aber im [...]
"...Dobrindt rechnete die AfD dem eigenen Lager zu" Nö. Und das hat er auch zwanzig mal gesagt. Er wähnt die AfD-Wähler*Innen im eigenen, rechteren Lager von zwei angenommenen. Das stimmt zwar nicht ganz, aber im Großen und Ganzen hat er recht. Es ist eine ganz einfach zu akzeptierende, simple Wahrheit, dass der Großteil der AfD-Wähler*Innen CDU/CSU von der Schippe gegangen sind. Also, was muss daran skandalisiert werden?
todde1962 19.10.2018
5. Nicht ganz korrekt
Die Aussage, dass Herr Dobrindt die AFD dem eigenen Lager zurechnet, ist nicht ganz richtig. Er rechnet die Wähler der AFD dem eigenen Lager zu. Das ist ein kleiner Unterschied. Herr Habeck hat es in der Sendung auch nicht [...]
Die Aussage, dass Herr Dobrindt die AFD dem eigenen Lager zurechnet, ist nicht ganz richtig. Er rechnet die Wähler der AFD dem eigenen Lager zu. Das ist ein kleiner Unterschied. Herr Habeck hat es in der Sendung auch nicht verstanden. Oder besser gesagt, er wollte es nicht verstehen. Dem politischen Gegner etwas unterzujubeln, was dieser nicht gesagt hat, gehört zum politischen Wettbewerb.
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