Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Science-Fiction-Thriller "Mute"

Stumme Rache

Ein wortloser Barkeeper, ein pädophiler Chirurg und eine verschwundene Frau mit blauem Haar: Regisseur Duncan Jones hastet in der Netflix-Produktion "Mute" durch ein futuristisches Berlin.

Netflix
Von Philipp Schwarz
Montag, 26.02.2018   19:03 Uhr

Vor knapp zehn Jahren ließ Regisseur Duncan Jones in "Moon" den einsamen Betreiber einer auf der Rückseite des Mondes gelegenen Bergbaustation plötzlich auf seinen eigenen Klon treffen. Er schuf damit ein atmosphärisch dichtes Science-Fiction-Drama, das mit wenigen wohlgesetzten Strichen eine ganze Zukunftswelt konstruierte.

Jones' neuer Film "Mute" wird nun als "Nachfolger im Geiste" dieses Erstlingswerks beworben. Es soll also erklärtermaßen an die Atmosphäre von "Moon" anschließen und der damals entworfenen Welt neue Dimensionen hinzufügen (auch wenn der neue Film nur durch ein paar flüchtige Hintergrunddetails explizit auf seinen Vorgänger Bezug nimmt).

"Mute" ist somit ein weiterer Schritt in einem größeren Projekt, das mit "Moon" begann. Doch zu diesem Schritt wäre es fast nicht gekommen. Jahrelang scheiterte Jones in seinen Bemühungen, "Mute" als normalen Kinofilm zu realisieren - bis sich schließlich der Online-Streamingdienst Netflix des Projektes annahm.

Von einem dunklen Raum in den nächsten

Die Ausgangssituation von "Mute" ist eine denkbar prägnante: Die junge Kellnerin Naadirah (Seyneb Saleh) ist unter mysteriösen und bedrohlichen Umständen verschwunden, doch niemand außer ihrem Freund, dem stummen Barkeeper Leo (Alexander Skarsgård), scheint das zu kümmern.

Auf sich allein gestellt, macht sich Leo somit auf, seine große Liebe wiederzufinden. Fortan streift er durch die Nachtclubs, Hotels und Wohnblocks eines futuristischen Berlins voller Neonreklamen und fliegender Autos - eine formlose Science-Fiction-Metropole, in der es naturgemäß immer Nacht ist.

In der Darstellung von Leos Nachforschungen folgt "Mute" dem Muster einer klassischen Kriminalgeschichte: Der Film zieht von einem Innenraum zum nächsten, lässt seine Figuren dabei in immer neuen Konstellationen aufeinandertreffen und gibt ihnen beständig Gelegenheit, lang und breit von ihren Erlebnissen, Wünschen und Ängsten zu erzählen.

Seelenvoll in die Gegend starrend

Doch leider sind die Figuren in "Mute" viel zu schematisch, um genug Stoff für eine derartige Dauerbetrachtung zu bieten. Im Grunde lassen sie sich alle jeweils auf ein einziges Attribut reduzieren, das im Laufe des Films nie wirklich abgewandelt oder neu interpretiert wird.

Leo ist aufgrund einer Kindheitsverletzung stumm und kann daher immer nur seelenvoll durch die Gegend starren. Der fahnenflüchtige US-Soldat "Cactus" (Paul Rudd) verfällt in den meisten Szenen in einen unterschieds- und dadurch ausdruckslosen Sarkasmus.

Naadirah hat in erster Linie blaue Haare, unter denen sie leidend hervorblicken kann. Und der Chirurg "Duck" (Justin Theroux) wird, in einer besonders unausgegorenen Nebenhandlung, fast ausschließlich anhand seiner pädophilen Neigungen bestimmt.

So hat der Film, bei all seinen rasanten Szenenwechseln und bei all seinen melodramatischen Ausschlägen, etwas sehr Statisches - ständig passiert irgendwas und doch findet keinerlei spürbare Entwicklung statt, weder auf narrativer, noch auf thematischer Ebene.

Fotostrecke

Thriller mit Alexander Skarsgård: Neonlichter einer Stadt

Auch die in "Mute" mit großer Energie ausgearbeitete Zukunftsvision wirkt, anders als in "Moon", nie wirklich lebendig oder dynamisch. Und das, obwohl der Film eigentlich vollgestopft ist mit Details, in denen verborgene politische Hintergründe und unbenannte Zusammenhänge angedeutet werden.

Doch diese fragmentarischen Verweise - etwa auf einen Krieg, der zu einer massenhaften Flucht amerikanischer Soldaten führt, oder auf einen flächendeckenden Einsatz robotischer Implantate in der Medizin - bauen nie wirklich aufeinander auf. Auch werden sie nicht durch gemeinsame Motive und Assoziationen miteinander verknüpft. Sie bleiben isolierte Eindrücke, die nie eine umfassende Welt entstehen lassen.


"Mute"
GB, D 2018

Regie: Duncan Jones
Drehbuch: Michael Robert Johnson, Duncan Jones
Darsteller: Alexander Skarsgård, Seyneb Saleh, Paul Rudd, Justin Theroux, Florence Kasumba
Produktion: Liberty Films UK, Studio Babelsberg
Verleih: Netflix
Länge: 126 Minuten
Start: 23. Februar 2018


In einem Interview äußerte Duncan Jones, Sohn von David Bowie, die Meinung, dass Filme wie "Mute" - also sehr persönliche Filme, die zwar keine Blockbuster sind, aber dennoch ein gewisses Budget erfordern - heutzutage nur noch bei Onlinediensten wie Netflix ein Zuhause finden können. In den Planungen großer Filmstudios spielten sie keinerlei Rolle mehr.

Symptom für institutionelle Gleichgültigkeit

Angesichts dieser Äußerung stellt sich die Frage,ob Netflix tatsächlich schon eine neue und nachhaltige wirtschaftliche Grundlage für ein breites Spektrum an filmischen Formen geschaffen hat. Oder ob der Streaming-Anbieter im Moment nicht einfach nur wild mit Geld um sich wirft, um durch eine rasende Verbreiterung seines Angebots möglichst schnell Marktanteile zu erobern - mit einer Dynamik, die nicht auf Dauer durchzuhalten sein wird.

In seiner Formlosigkeit und in seiner unkontrollierten Überfrachtung legt "Mute" eher die letztere Vermutung nahe und so ist Jones' Film schlussendlich weniger ein Zeugnis für neu entstandene künstlerische Freiräume als vielmehr ein Symptom für eine gewisse institutionelle Gleichgültigkeit: "Mute" ist in seiner unkonzentrierten Fahrigkeit die Folge eines Geschäftsmodells, dessen Augenmerk nicht auf der präzisen Ausgestaltung einzelner Filme liegt, sondern nur auf deren massenhafter Bereitstellung.

insgesamt 5 Beiträge
rentrisch 26.02.2018
1. Treffende Kritik
Ihre Kritik formuliert sehr treffend, weshalb ich - obwohl Science Fiction Fan und Fan des Regisseurs - den Film nur zu zwei Dritteln ertragen konnte und dann ausgestiegen bin. Es passiert einfach nichts im Sinne von [...]
Ihre Kritik formuliert sehr treffend, weshalb ich - obwohl Science Fiction Fan und Fan des Regisseurs - den Film nur zu zwei Dritteln ertragen konnte und dann ausgestiegen bin. Es passiert einfach nichts im Sinne von "Suspense". Er ist eine Aneinandereihung von Szenen ohne sichtbare Entwicklung, weder in der Story noch bei den schablonisierten Charakteren. Man hat den Eindruck, dass selbst die Schauspieler sich mangels Herausforderungen bei der Arbeit langweilen. Leider passiert mir das in letzter Zeit bei Netflix Produktionen öfter, man hat den Eindruck, sie sind irgendwie alle gleich konfektioniert. Mutige und anrührende Serien wie z.B. Sense8 werden dagegen mitten drin wegen zu hoher Kosten eingestellt. Das alles lässt keine gute Entwicklung erahnen. Schade.
Datenscheich 26.02.2018
2. Nun gut, ...
...wir verstehen, warum ein Amish noch nie etwas von einer Rückwärtssuche gehört hat - aber Telefonbücher?! Im Berlin der Zukunft? Also echt jetzt, Telefonbücher?!!!
...wir verstehen, warum ein Amish noch nie etwas von einer Rückwärtssuche gehört hat - aber Telefonbücher?! Im Berlin der Zukunft? Also echt jetzt, Telefonbücher?!!!
zennus 26.02.2018
3.
stimme der kritik 100% zu. habe nach ca. 80% des films abgeschaltet. keine story, charaktere ohne eine eigentliche Rolle , schade
stimme der kritik 100% zu. habe nach ca. 80% des films abgeschaltet. keine story, charaktere ohne eine eigentliche Rolle , schade
musorki 27.02.2018
4. dann doch solange...
...nach 20 min. war bei mir schluß. zuviel blade runner skills und letztlich reine zeit und geldverschwendung.
...nach 20 min. war bei mir schluß. zuviel blade runner skills und letztlich reine zeit und geldverschwendung.
Emil Peisker 02.03.2018
5. Blade Runner Skills...?
Mit Blade Runner hatte der Film keine Gemeinsamkeit. Die Körperimplantate sind schon heute Zielvorstellungen. Die zugrunde liegende Story ist banal. Herumgeschubster Behinderter findet seine große Liebe und die wird auf [...]
Zitat von musorki...nach 20 min. war bei mir schluß. zuviel blade runner skills und letztlich reine zeit und geldverschwendung.
Mit Blade Runner hatte der Film keine Gemeinsamkeit. Die Körperimplantate sind schon heute Zielvorstellungen. Die zugrunde liegende Story ist banal. Herumgeschubster Behinderter findet seine große Liebe und die wird auf schlimme Art ermordet. Der Herumgeschubste wird zu Berserker, ermordet die Bösen und rettet die Tochter seiner Geliebten. Der Stumme gewinnt zum Ende seine Sprache wieder, die Tochter bekommt eine Großmutter und und der nun sprechende Stumme wechselt von "Mute" zu hörbar. [rot]**[/rot]***

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP