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Kultur

Starproduzent Hofmann vs. Streamingdienste

"Netflix muss sich warm anziehen"

Amazon und Netflix: böse Mächte oder gute Partner? Ufa-Chef Nico Hofmann über Goldgräberstimmung im deutschen TV, gefährliche Monopolbildung beim Streaming - und wie es sich anfühlt, in Hollywood anzuklopfen.

Amazon
Ein Interview von
Donnerstag, 20.09.2018   15:10 Uhr

Die relevantesten, aufwendigsten, unterhaltsamsten Stücke aus dem SPIEGEL-ONLINE-Jahr 2018 - hier noch einmal für Sie zum Nachlesen.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Herr Hofmann, übernehmen die Amerikaner bald das deutsche Fernsehen?

Hofmann: Davon ist nicht auszugehen. Wie kommen Sie auf die Idee?

SPIEGEL ONLINE: Die besten deutschen Serien entstehen derzeit in Kooperation mit überwiegend amerikanischen Bezahlsendern und Streaming-Plattformen.

Hofmann: Wir haben bei der Ufa überschlagen, wie viel die Streaming-Plattformen 2017 in deutsche Serienproduktionen gesteckt haben, und kommen auf eine Summe, die deutlich weniger als ein Zehntel dessen beträgt, was hierzulande die linearen Sender in fiktionale Formate investieren. Die Milliarden, die Netflix und andere internationale Anbieter angeblich in den Markt pumpen, kann ich hier beim besten Willen in Deutschland nicht sehen. Für den deutschen Produktionsmarkt sind nach wie vor die Öffentlich-Rechtlichen und die Privaten die Hauptauftraggeber, die über 90 Prozent des Produktionsvolumens ausmachen - ein in keiner Weise zu ersetzender Markt.

SPIEGEL ONLINE: Und doch: Netflix produzierte die deutsche Prestigeserie "Dark", TNT Serie die Berliner Gangstersaga "4 Blocks". Ihr eigenes Unternehmen, die Ufa, kooperiert für "Deutschland86" mit Amazon Prime Video sowie für "Hackerville" mit der Europa-Dependance des US-Bezahlsenders HBO und TNT Serie.

Hofmann: Wahr ist, dass immer mehr Serien durch komplexe internationale Kooperationen entstehen. Es herrscht Goldgräberstimmung, alles scheint möglich. Aber es ärgert mich maßlos, dass so getan wird, als sei nur Netflix die Kathedrale der kreativen Entfaltung und der heiligen Fernsehkunst.

SPIEGEL ONLINE: Warum so genervt?

Hofmann: Es geht in der Diskussion unter, dass Netflix in Deutschland fast ausschließlich bestehendes Programm aufkauft. Dieser Anteil ist viel höher als die Beauftragung von Produktionen. Von der Ufa sind es zum Beispiel "Unsere Mütter, unsere Väter", "Charité", "Nackt unter Wölfen" oder "Ku'damm 56". Die Leute schimpfen auf ARD und ZDF, schwärmen von Netflix und übersehen dabei, dass dort ein erheblicher Teil des Programms öffentlich-rechtlich finanziert ist. Die eigentliche Arbeit daran haben andere geleistet.

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Deutsche Serien: Im Goldrausch

SPIEGEL ONLINE: Ohne den Druck von Netflix oder Amazon hätten sich ARD und ZDF allerdings gar nicht erst bewegt in Sachen Serienproduktion.

Hofmann: Das mag sein, aber das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat längst aufgeholt. Für mich ist die ZDF-Produktion "Bad Banks" von Christian Schwochow die beste deutsche Serie des letzten Jahres, ausgestrahlt wird im Herbst, ebenfalls im ZDF, "Das Parfüm", Regie führt Philipp Kadelbach, produziert wurde von meinem Kollegen Oliver Berben, ein aus meiner Sicht radikaler ästhetischer Serienentwurf. Beides im Übrigen Regisseure, mit denen wir bei der Ufa seit ihrem Studium zusammenarbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Der deutsche Serienmarkt emanzipiert sich?

Hofmann: Ich bin mir ganz sicher, dass wir in den nächsten Monaten auf allen Ebenen einen extremen Wettbewerb erleben werden und dass gleichzeitig innerhalb dieser wenigen Monate deutlich wird, dass alle Wettbewerber immer stärker darauf bedacht sind, das Produkt in den eigenen Händen zu behalten.

SPIEGEL ONLINE: Kein Ausbau der Share-Ökonomie im Serienbereich in Sicht?

Hofmann: Nein. Die Produzenten werden versuchen, die Serien in ihren eigenen Systemen zu halten. Die Sender wollen Netflix eher als Konkurrenten denn als einen Partner, der im Zweifel mächtiger wird. Öffentlich-rechtliche Sender haben längst erkannt, dass sie ihre Serien-Highlights besser selbst digital ausspielen können. Ein Aha-Erlebnis war da bestimmt auch die Mediatheken-Resonanz auf "Ku'damm 59" , pro Folge hatten wir fast zwei Millionen Abrufe. Es stimmt einfach nicht, dass ganz Deutschland Netflix schaut. ZDF und ARD werden ihre Plattformen in den nächsten Monaten strategisch ganz neu aufstellen. Netflix muss sich warm anziehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die Nachricht, dass Netflix gerade den Chef des Medienkonzerns Axel Springer, Mathias Döpfner, in den Verwaltungsrat berufen hat?

Hofmann: Matthias Döpfner schätze und achte ich seit Jahren ganz außerordentlich, gerade in Hinblick auf seine Kompetenz im digitalen Geschäft. Er wird für Netflix ein herausragender Ratgeber sein, und was den deutschen Markt anbetrifft: Wir hätten eine bessere Fernsehlandschaft, hätte das Kartellamt vor Jahren den Verkauf von ProSiebenSat.1 an Springer möglich gemacht und nicht verhindert.

SPIEGEL ONLINE: Und trotzdem stemmen Sie sich - wie im Falle von Netflix - gegen die Expansionsbestrebungen einzelner US-Konzerne. Weshalb?

Hofmann: Ich beobachte in den USA eine gefährliche Marktbereinigung und Monopolisierung. Für unglaubliche Summen werden Talente von Netflix angeworben und exklusiv an den Konzern gebunden. Aber ich finde es gefährlich, wenn zum Beispiel die Showrunner von "Dark" durch langfristige Verträge vom deutschen Produktionsmarkt abgezogen werden.

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"Deutschland 83": Horizontales Erzählen in Deutschland

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht eine legitime unternehmerische Strategie? Sie haben ja auch Jörg Winger, den Showrunner von "Deutschland86", fest an die Ufa gebunden.

Hofmann: Es geht bei den US-Konzernen aber um ganz andere Dimensionen. In den USA herrscht der Wahnsinn, es gibt einen regelrechten Krieg um Talente, angeheizt von Agenturen, die daran sehr gut mitverdienen. Man schwemmt die Industrie mit Millionen von Dollar und kauft alle Regie-, Autoren- und Produzenten-Hoffnungsträger auf. Man baut eigene, undurchlässige Systeme auf, die sich feindlich gegenüberstehen, der kreative Austausch wird immer weniger. Die vier Megakonzerne, die zurzeit Aufstellung nehmen, also neben Netflix und Amazon auch Disney und Apple, versuchen den Gegner durch schiere Masse zu erdrücken. Da werden unheimliche Programmvolumen produziert.

SPIEGEL ONLINE: Es tobt also ein Verdrängungswettbewerb, an dessen Ende nur ein, zwei oder drei Konzerne übrigbleiben?

Hofmann: Das ist die Gefahr. Als CEO der größten deutschen Produktionsfirma sehe ich das mit größter Sorge, weil inzwischen in den USA Summen geboten werden, bei denen wir nicht mitspielen können. Gleichzeitig wird die Ufa innerhalb der RTL Group an einer europäischen Plattformidee mitarbeiten, durch die wir unsere Kapazitäten bündeln. Die RTL-Familie ist da gut aufgestellt. Europa muss sich seine eigenen Plattformen bauen, da liegt die Zukunft.

SPIEGEL ONLINE: Sie nehmen aber auch gerne das Geld der US-Riesen mit. Dass die zweite Staffel der "Deutschland"-Serie auf verschiedenen Kontinenten mit großen Schauwerten gedreht werden konnte, liegt auch daran, dass Amazon rund 50 Prozent der 13 Millionen Euro Produktionskosten trug.

Hofmann: Aber wir binden uns nicht automatisch komplett an Amazon. Es geht darum, mit welchem Partner du ein einzelnes Projekt am besten umsetzen kannst. Qualität und Radikalität ist wichtiger denn je. Die Zuschauer sind inzwischen sehr viel verwöhnter, sehr viel gnadenloser. Drehst du eine mittelmäßige Serie, säuft sie dir ab, da schaut keiner zu.

SPIEGEL ONLINE: Wer bei Amazon zuschaut oder nicht, darüber haben wir ja sowieso keine Informationen. Ob "Deutschland86" bei Amazon 5000 Leute schauen oder 500.000, weiß keiner. Wie Netflix gibt Amazon keine Abrufzahlen raus. Oder haben Sie Einblick in diese Blackbox?

Hofmann: Die Streaming-Plattformen definieren ihren Erfolg nicht nur über Quoten. Relativ kleine Zahlen können große Erfolge sein, wenn neue Abonnenten gewonnen werden. Da ist "Deutschland86" ein Add-on zum Kundenbindungsprogramm. Ob "Deutschland86" für Amazon erfolgreich ist, werden wir allerdings auch ohne Abrufauswertung deutlich merken. Wir arbeiten gerade an der dritten Staffel mit Amazon und hoffen, dass sie uns mit derselben Liebe und Leidenschaft weiter begleiten. Dafür ist der Erfolg der zweiten Staffel natürlich ausschlaggebend.

SPIEGEL ONLINE: Außerdem sind Sie gerade in Verhandlung für eine Highend-Produktion für die Telekom, die jetzt ebenfalls groß ins Seriengeschäft einsteigen will. Auch pitchen Sie regelmäßig bei Netflix Projekte. Was war das letzte?

Hofmann: Eine Serie von Michael Haneke. Es geht um ein Produktionsvolumen von ca. 45 Millionen Euro, da brauchst du einen sehr starken internationalen Partner. Und ich schließe da niemanden aus, wenn es dem Projekt hilft. Du hast bei solchen Terminen eine Stunde im Netflix-Hauptquartier in Los Angeles, hinter dir drängeln schon mexikanische und französische Produzenten. Du sitzt vor sechs, sieben der besten Serienschöpfer der Welt, die dein Angebot prüfen. Ob dein Pitch Erfolg hatte oder nicht - auf jeden Fall gehst du reicher aus der Situation heraus. Ich erlebe die Konkurrenz in der aktuellen Fernsehwelt auch als sehr stimulierend: Sie holt das Beste aus allen raus.

insgesamt 148 Beiträge
vaikl 20.09.2018
1. Es ist gegenseitiges Abkupfern...
...in höchster Perfektion. Weltweit und seit einigen Jahrzehnten erprobt als Weg des minimalsten Widerstands und Kostendrucks. Wer da was Neues, Innovatives erkennt, sollte zum Augenarzt.
...in höchster Perfektion. Weltweit und seit einigen Jahrzehnten erprobt als Weg des minimalsten Widerstands und Kostendrucks. Wer da was Neues, Innovatives erkennt, sollte zum Augenarzt.
DerÜblicheVerdächtige 20.09.2018
2.
gefährliche Monopolbildung kann ich nicht sehen. Jeder versucht doch gerade seinen eigene kleinen laden aufzumachen.. oder grossen laden. Wir haben In Dland nur eine Handvoll (2 bedeutende) und in der Schweiz nur einen [...]
gefährliche Monopolbildung kann ich nicht sehen. Jeder versucht doch gerade seinen eigene kleinen laden aufzumachen.. oder grossen laden. Wir haben In Dland nur eine Handvoll (2 bedeutende) und in der Schweiz nur einen bedeutenden Streamingdienst(e). Aber mit Disney kommt da bald der nächste. und hier is tdas Gegenargument zur Gefahr der monopolisierung? Fragmentierung bringt was genau? Dass ich 50 subscriptions brauche, um gemütlich die volle auswahl zu haben oder wieder nur 4 Filme sehen kann. Wenn es nämlich soweit kommt, dann gehen die Leute zurück zu FIlesharing oder illegalen Streamingdiensten im Netz. Aber das ist halt die Idee der Gier, dass man möglichst viel abschöpfen muss vom Kunden. Melken, wo es geht. hat mit CDs und Co schon wunderbar geklappt.
p2063 20.09.2018
3. nichts verstanden
und weiter halten deutsche Produktionsfirmen ignorant am linearen TV fest. Wann werden sie wohl verstehen, dass man Streaminganbieter nicht nur wegen des Contents benutzt, sondern vor allem weil man seine Lieblingsserien genau [...]
und weiter halten deutsche Produktionsfirmen ignorant am linearen TV fest. Wann werden sie wohl verstehen, dass man Streaminganbieter nicht nur wegen des Contents benutzt, sondern vor allem weil man seine Lieblingsserien genau dann sehen kann wenn man möchte, beliebig Pause drücken zu können und ohne Werbung erdulden zu müssen?
trex#1 20.09.2018
4.
Deutsches TV ist nur für Rentner. Denen sagt UFA noch etwas. Die waren bis 1945 mal im Filmgeschäft Konkurrenz zu Hollywood. Heute führen sie nur noch eine Nischendasein. Aber gut für starke Sprüche
Deutsches TV ist nur für Rentner. Denen sagt UFA noch etwas. Die waren bis 1945 mal im Filmgeschäft Konkurrenz zu Hollywood. Heute führen sie nur noch eine Nischendasein. Aber gut für starke Sprüche
Andre V 20.09.2018
5.
Hier verdient einer seine Brötchen damit, dem linearen Fernsehen Krimi- oder Heimatserien zu verkaufen; am besten kombiniert als Krimiheimatserie. Kunden sind die staatlich geschützten Rentnersender, die auf einmal mit ihrer [...]
Hier verdient einer seine Brötchen damit, dem linearen Fernsehen Krimi- oder Heimatserien zu verkaufen; am besten kombiniert als Krimiheimatserie. Kunden sind die staatlich geschützten Rentnersender, die auf einmal mit ihrer Mediathek den jahrzehntelang gelernten lineraren Fernsehabend umerziehen wollen. Und auf der anderen Seite ein paar Großkonzerne, die seit fast einem Jahrhundert (Disney) oder erst seit Kurzem wissen, wie man mit Medien wirklich Geld verdient. Ich denke, wer in dieser Situation auf die "bewährte Kooperation" von degeto und UFA (um zwei Beispiele zu nehmen) wettet, gehört entmündigt. Nach dem Ende der Ermittlungen um das Sommermärchen 2006 findet die Staatsanwaltschaft vielleicht auch einmal Zeit zu überprüfen, wo die 8 Milliarden pro Jahr aus den GEZ-Taschen hinwandern.

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