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Kultur

"Polizeiruf" über deutsch-polnische Adoptionen

Grenzgänge im Strampler

Kind als Ware, Kind als Sehnsuchtsobjekt: Der "Polizeiruf" in Frankfurt an der Oder beleuchtet einen abgründigen Adoptionsfall - und ist ein echter Aufbruch des Fernsehkrimis Richtung Osten.

rbb/ Britta Krehl
Von
Freitag, 01.12.2017   13:14 Uhr

Die Welt aus Babyperspektive: Sie heben dich in den Maxi-Cosi, schleppen dich durch Hausflure und verstauen dich auf der Rückbank des Pkw. Ob du es willst oder nicht. Du siehst nur Knie, Autostahl und verschwommene Gesichter.

Dieser "Polizeiruf" startet aus der Sicht des sechs Monate alten Leon und findet dadurch gleich am Anfang lakonische und anrührende Bilder für sein großes Thema: den deutsch-polnischen Adoptionsverkehr. Der Junge wird aus einem Krankenhaus in Frankfurt an der Oder gekidnappt, für seinen Entführer hat er ein Lächeln parat, was weiß er denn, wer ihn da wieder durch die Gegend trägt.

Im Krankenhaus bleibt aufgewühlt ein Ehepaar zurück, Olga Lenski (Maria Simon) und Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) sind schnell vor Ort. Der familiäre Hintergrund vom kleinen Leon ist komplizierter, als er auf den ersten Blick erscheint. Die deutsche Kommissarin und ihr polnischer Kollege müssen sich bei den Ermittlungen bald mit zwei Ehepaaren dies- und jenseits der Grenze auseinandersetzen: ein Unternehmerpaar auf deutscher Seite, ein Arbeiterpaar auf polnischer.

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RBB-"Polizeiruf": Brüchiges Familienglück

Der Entführer wird irgendwann tot aus seinem in dem Fluss Warthe versenkten Auto gezogen, vor seinem Ableben hatte er Leon vor einem Krankenhaus ausgesetzt. Das Kind ist also bald wieder da, Elternglück stellt sich bei den Erwachsenen trotzdem nicht wieder ein; auch weil das Elternsein hier schwer zu benennen ist. Biologische Eltern und rechtliche Eltern, Abstammung und Zugehörigkeit, das ist auch bei genauerer Betrachtung sehr unübersichtlich.

Chance für kinderlose Ehepaare - und Geschäftemacher

Angeblich hatte der deutsche Unternehmer mit der Polin eine Affäre, die junge Frau sei schwanger geworden. Sie sei die leibliche Mutter von Leon, den der Unternehmer und seine Frau dann adoptiert hätten. Alle Beteiligten seien mit der Lösung einverstanden gewesen - zum Wohle des Kindes. Es gebe keine finanziellen Hintergrund bei dem Arrangement. Dieser Punkt ist entscheidend.

In den letzten zehn Jahren ist an der deutsch-polnischen Grenze eine Schattenwirtschaft für sogenannte "wilde" Adaptionen entstanden. Polen hat mit das strengste Abtreibungsrecht Europas; für Frauen, die ungewollt schwanger werden, ist es meist der einzige legale Ausweg, das Kind zur Adoption freizugeben. Eine Chance für kinderlose deutsche Paare, eine Chance aber auch für Geschäftemacher.

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Fotostrecke: Alle "Tatort"-Teams im Überblick

Das Kind als Sehnsuchtsobjekt, das Kind als Ware: Dieser "Polizeiruf" verarbeitet den schwierigen Stoff zu einem Drama, bei dem nicht nur die Grenzen zwischen den Ländern aufweichen, sondern auch die zwischen Profiteuren und Verlierern des Handels. Bislang der stärkste "Polizeiruf"-Fall aus dem deutsch-polnischen Grenzgebiet.

Die Osterweiterung des deutschen Fernsehkrimis

Der gebürtige Pole Jakob Ziemnicki hatte schon die Umzugsfolge von Ermittlerin Lenski nach Frankfurt/Oder inszeniert. Damals standen noch recht plakativ die Kultur-Clash-Aspekte im Vordergrund. Auch in den Folgen danach spürte man, dass der verantwortliche RBB sich nicht wirklich auf die formsprengenden Dimensionen des Erzählortes einlassen wollte. Eine Osterweiterung des deutschen Fernsehkrimis war willkommen - aber eben doch bitte auch nur zu den Bedingungen des deutschen Fernsehkrimis.

Die Folge "Das Beste für mein Kind" (Co-Autorin: Elke Rössler) geht jetzt einen Schritt weiter. Das neue Terrain wird ernsthaft erkundet, Polen ist mehr als eine exotische Applikation ans deutsche Fernsehrevier.

Das schlägt sich vor allem in dem ambivalenten Spiel der beiden polnischen Hauptdarsteller Agnieszka Grochowska und Piotr Stramowski nieder, in deren Elternfiguren sich Liebe und Pragmatismus gefährlich überlagern. Die beiden Schauspieler, die in Polen Stars sind, sprechen hier zum Teil auf Polnisch, die Passagen sind untertitelt. Keine Selbstverständlichkeit beim Sonntagabendkrimi, der immer authentisch sein soll, aber bitte nicht zu anstrengend.

Auch die Bildgestaltung ist konsequent: Leitmotivisch wird immer wieder ein Straßenrondell der grenznahen Stadt Gorzów Wielkopolski aus Vogelperspektive gezeigt, der den sozioökonomischen Kreisverkehr zwischen Polen und Deutschland versinnbildlicht. Und durch die subjektive Maxi-Cosi-Perspektive erscheint der kleine Leon als autonomes Wesen, unabhängig davon, wie oft er zwischen leiblicher Mutter und rechtlicher Mutter, zwischen Kommissar und Kommissarin hin- und hergereicht wird. Ein aufwühlendes Roadmovie im Strampler.

Bewertung: 8 von 10 Punkte


"Polizeiruf 110: Das Beste für mein Kind", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 9 Beiträge
flohlaus 04.12.2017
1. Von wegen schlüssig...
Hat jemand mitbekommen, warum die Dame den armen Pawel erschlagen hat? Wollen sie nicht zusammen nach Odessa abhauen? Und ihr Mann bringt dann das Kind zu dem Krankenhaus?
Hat jemand mitbekommen, warum die Dame den armen Pawel erschlagen hat? Wollen sie nicht zusammen nach Odessa abhauen? Und ihr Mann bringt dann das Kind zu dem Krankenhaus?
woswoistndu 04.12.2017
2. Mord? Warum?
Habe jetzt eine Nacht darüber geschlafen und es immer noch nicht kapiert. Vielleicht klärt uns ja die Redaktion auf?
Habe jetzt eine Nacht darüber geschlafen und es immer noch nicht kapiert. Vielleicht klärt uns ja die Redaktion auf?
ei-gude-wie 04.12.2017
3. Ein Highlight im Tatort
Sehr gut Umsetzung eines dramatischen Falls mit intensiven Charakteren und Schauspielern. Die Atmosphäre ist genauso nachvollziehbar getroffen, wie das Drama der beiden Elternpare und die Betroffenheit der Ermittler. Dieser [...]
Sehr gut Umsetzung eines dramatischen Falls mit intensiven Charakteren und Schauspielern. Die Atmosphäre ist genauso nachvollziehbar getroffen, wie das Drama der beiden Elternpare und die Betroffenheit der Ermittler. Dieser Tatort geht nicht nur über die polnische Grenze, sondern erweitert die Reihe um ein echtes Highlight. Vor allem gab es hier nicht diese Übelkeit erregende Dramatik durch triefende übertriebene Darstellung mitleidender Komissare aus Köln oder München. Bitte mehr davon!
ei-gude-wie 05.12.2017
4. Polizeiruf 110
Ja, natürlich war es ein Polizeiruf 110 - da habe ich mich verschrieben und bitte um Verzeihung. Aber dies war wieder ein sehr guter Polizeiruf. Und ich habe ihn mit anderen Filmen aus der Tatort Reihe verglichen, in denen die [...]
Ja, natürlich war es ein Polizeiruf 110 - da habe ich mich verschrieben und bitte um Verzeihung. Aber dies war wieder ein sehr guter Polizeiruf. Und ich habe ihn mit anderen Filmen aus der Tatort Reihe verglichen, in denen die erwähnten Ermitlerteams bei weitem nicht das Qalitätsniveau von diesem Polizeiruf erreichen können.
rooonbeau 05.12.2017
5. Erstaunlich...
War gerade gespannt wie wohl andere den Polizeiruf bewerten und bin wirklich überrascht über die Meinung des Artikelautors und der Forumsschreiber... Ich habe mich schon lange nicht mehr so durchquälen müssen... ich war froh [...]
War gerade gespannt wie wohl andere den Polizeiruf bewerten und bin wirklich überrascht über die Meinung des Artikelautors und der Forumsschreiber... Ich habe mich schon lange nicht mehr so durchquälen müssen... ich war froh als er endlich zu Ende war.. sowas zähes und dröges... hat sich angefühlt als würde man knietief durch ein Moor schreiten... hatte mehr von einem Kammerspiel, was ja grundsätzlich nichts schlechtes ist.. Aber in diesem Fall war das nicht meins.. Für mich einer der schlechtesten Polizeirufe.. Interessant wie unterschiedlich doch die Wahrnehmung ist.. Wird Zeit das meine Lieblingsduo die Rosstocker wieder auf dem Bildschirm erscheinen...

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