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Kultur

Vergewaltiger-"Polizeiruf" aus Rostock

Fratze des Frauenhasses

Der Familienvater als misogynes Monster: Die Rostocker Ermittler treffen auf einen Vergewaltiger und Mörder, den sie nicht verhaften können. Ein "Polizeiruf", der aus vielen Gründen wehtut.

NDR/ Christine Schroeder
Von
Freitag, 09.11.2018   14:21 Uhr

Das Gesetz kann seiner nicht habhaft werden, die Psychologie schon: Guido Wachs (Peter Trabner) ist ein "wütender Vergeltungsvergewaltiger", ein Mann also, der seine Tat nicht aus sexueller Lust, sondern aus Rache begeht. Vor ziemlich genau 30 Jahren vergewaltigte und ermordete Wachs, der heute als Familienvater in einem Rostocker Einzelhaus wohnt, eine Schülerin. Doch damals wurde er vor Gericht aus Mangel aus Beweisen freigesprochen. Ein weiteres Mal, so sieht es die Rechtsprechung vor, kann er nicht vor Gericht gestellt werden.

Dabei haben die Ermittler neue Beweise zusammengesucht, die ihn eindeutig als Täter entlarven. In der direkten Konfrontation provozieren König (Anneke Kim Sarnau) und Bukow (Charly Hübner) den Mann so lange mit ihrem Wissen, bis sich das Gesicht des Vorort-Daddys - drei Kinder, Frau und Hund - in eine Fratze des Frauenhasses verwandelt, die fortwährend grausame Verächtlichmachungen des anderen Geschlechts herausspeit: "Dass ich nicht verurteilt wurde, das ist kein Zufall, das ist Fügung. Das waren Fotzen."

Dass Wachs das Ziel seines Hasses in der Mehrzahl benennt, lässt die Kommissare aufhorchen. Gab es mehrere Opfer? Könnte man den Fall auf diese Weise neu aufrollen? Ließen sich gar Beweise fälschen, um ihn als Täter in einem bislang ungelösten Verbrechen vor Gericht zu stellen? Schuldig ist schuldig, Strafe muss sein, und wenn das Gesetz Lücken aufweist, muss man diese eben füllen, moralisch ist man da doch auf der sicheren Seite. Oder nicht?

Die traumwandlerische Sicherheit ist pfutsch

Der neue "Polizeiruf 110" läuft als Auftakt zur ARD-Themenwoche "Gerechtigkeit", ihm kommt die schwierige Aufgabe zu, den Unterschied zwischen Recht und Rechtsempfinden auszuloten. Normalerweise herrscht im Rostocker TV-Revier eine Art traumwandlerische Sicherheit, mit der sich die Ermittler in schwierigste gesellschaftliche Stoffe vorwagen, etwa in der letzten Folge über Rechtspopulisten. Die kommt ihnen hier zum ersten Mal abhanden.

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"Polizeiruf" mit Charly Hübner: Auf Kriegsfuß mit dem Recht

Schon wie die Kommissare als Vierertrupp auf der Suche nach frischen Körperpartikeln für die DNA-Untersuchung ins Eigenheim des Vergewaltigers einfallen: lautstark, trottelig und wirklich an allen Rechtsstaatregeln vorbei. Klar, wir haben Bukow und die anderen immer für ihre haltungsfreudige Hemdsärmeligkeit geliebt, aber stets blieb im Blut-Schweiß-und-Hopsnehmen Raum für Widersprüche; die physische Präsenz wurde immer wieder psychologisch klug gebrochen.

Jetzt wirken die übertrieben furios auftrumpfenden Figuren gelegentlich wie Parodien ihrer selbst. König und Bukow brüllen sich in ihrer Überforderung alle fünf Minuten an. Sie hadert mit den limitierten Möglichkeiten der rechtsstaatlichen Ermittlerarbeit, er lässt sich ein weiteres Mal von seinem halbseidenen Vater zu einer illegalen Transaktion verleiten: In einer Halle am Hafen lagern noch Handtaschen und Schuhe aus China für den Schwarzmarkt, "originale Plagiate", wie der Alte raunt, durch die Bukow sein durch die Scheidung in den Dispo gerutschten Kontostand ausbessern könnte.

Früher ergab sich durch die Überlagerung von großem Verbrechen und Ermittler-Vergehen ein interessantes Spannungsfeld, das Bukow und König immer wieder zwang, sich selbst zu hinterfragen. Das hat sich Eoin Moore, der Erfinder des Rostocker "Polizeiruf" mit dem eigentlich untrüglichen Gespür für ambivalente Figuren, der auch diese Folge geschrieben und inszeniert hat, schlüssig ausgedacht. In der neuen Folge aber verschwinden alle Rechtsbrüche hinter der monströsen Misogynie des Vergewaltigers. Was sind schon ein paar geschmuggelte Handtaschen im Vergleich zu einem freilaufenden Monster?

Wohlige Erinnerungen ans sexuelle Erwachen

Das führt in "Für Janina" (Co-Autorin: Anika Wangard) zu einer gewissen Selbstgefälligkeit und Schlampigkeit. Besonders schwierig wird es, wenn es um die sexuelle Aspekte des Falles geht: Die Vergewaltigung und der Mord fanden vor 30 Jahren nach dem legendären Konzert von Bruce Springsteen in Ostberlin statt, das Opfer war nachts vom Auftritt nach Rostock zurückgekommen. Was bei Bukow allzu wohlige Erinnerungen ans eigene sexuelle Erwachen wachruft.

Für die Wiederaufnahme des Falles schauen sich die Ermittler alte Aufnahmen der DDR-Jugendfernsehsendung "Rund" an, in der das Opfer mit ein paar grell geschminkten anderen Mädchen zu sehen ist. Bukow erkennt einen alten Jugendschwarm wieder. Zwischen ihm und dem Kollegen Pöschel (Andreas Guenther) entspinnt sich ein Jungsdialog. Bukow: "Das ist Annette!" Pöschel: "Kennst du die?" Bukow: "Die hat mich entjungfert." Pöschel: "Echt? Respekt. Schöne Hupen."

Wenig später nimmt Bukow Kontakt mit der alten Bekanntschaft auf, auf einem abgelegenen Grundstück im Firmenwagen der Frau feiern die beiden, die sich seit dem Mauerfall nicht mehr gesehen haben, Wiedervereinigung. Die Kiste schaukelt, der Zuschauer sieht von draußen das Firmenlogo: "Mobiles Nagelstudio Deluxe".

Schnacksel-Witze in einem Krimi über sexuelle Gewalt? Rabiate Sinnlichkeit vor dem Hintergrund eines fatal entfesselten Frauenhasses? Mit Bukows Hose sind in diesem "Polizeiruf" auch einige andere Dinge verrutscht.

Bewertung: 5 von 10 Punkten


"Polizeiruf 110: Für Janina", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 13 Beiträge
timofine 12.11.2018
1. Herr Buß
hat einen anderen Polizeiruf gesehen als ich. Die Analyse ent-wickelt nicht, worum es in diesem PR wirklich ging... sie erscheint mir leider diesmal eher als Themaverfehlung... schade
hat einen anderen Polizeiruf gesehen als ich. Die Analyse ent-wickelt nicht, worum es in diesem PR wirklich ging... sie erscheint mir leider diesmal eher als Themaverfehlung... schade
franz01 12.11.2018
2. Fragen bleiben offen
Der DNA-Beweis gegen Herrn Wachs ist wohl als fake, als gestellter Beweis gemeint. Ich bezweifele, dass dieser "Beweis" gerichtsfest geworden wäre, wenn Wachs das Hamburger Verbrechen nicht begangen hat. Gerechtigkeit [...]
Der DNA-Beweis gegen Herrn Wachs ist wohl als fake, als gestellter Beweis gemeint. Ich bezweifele, dass dieser "Beweis" gerichtsfest geworden wäre, wenn Wachs das Hamburger Verbrechen nicht begangen hat. Gerechtigkeit durch gestellte Beweise ist arm. Eine solche Gerechtigkeit will ich nicht.
GNUFZ 12.11.2018
3. Misogynie ist das Thema des Kommentators,...
...aber nicht Thema dieses Polizeiruf. Das ist nämlich - passend zur ARD Themenwoche - Gerechtigkeit, Selbstjustiz Prinzipientreue und das Verhältnis/die Beziehung zwischen den Kommissaren Bukow und König. Die Misogynie ist [...]
...aber nicht Thema dieses Polizeiruf. Das ist nämlich - passend zur ARD Themenwoche - Gerechtigkeit, Selbstjustiz Prinzipientreue und das Verhältnis/die Beziehung zwischen den Kommissaren Bukow und König. Die Misogynie ist lediglich das Vehikel, mit dessen Hilfe dieses Spannungsfeld, wie während der gesamten Figurenentwicklung der Rostocker Kommissare, erarbeitet wird, und zwar in dieser Folge von der ersten Szene (Verurteilung von Bukow und König) bis zur letzten, in der Bukow König durch demonstratives Zustecken von 100€ seines Hehlereigewinns ihre scheinheilige Prinzipientreue vorführt, woraufhin beide sich zum Schluss "Erbärmlichkeit" vorwerfen. In der Konsequenten Fortführung dieser beiden Figuren, ist diese Folge eine der besten Folgen überhaupt, so wie der Rostocker Polizeiruf wegen des Spannungsfeldes zwischen den beiden der beste überhaupt ist. Neun von zehn Sternen gibt das. Lediglich einen Abzug für den Stockfehler, dass zivile Verjährungsfristen jeweils ab/bis Beginn/Ende des Kalenderjahres zählen, und damit die Mutter des Opfers den Täter durchaus noch wegen des Schadenersatzes und Schmerzensgeld hätte verklagen können, was die Geschichte aber dann weniger plausibel gemacht hätte...
grouchomax 12.11.2018
4.
Es wurde zu viel hysterisch gebrüllt und geschrieen einerseits, dann wieder tief betroffen geflüstert. Insbesondere die Kommissarin König führte sich auf, als sei das Opfer ihre eigene Tochter gewesen. Und zwar nicht [...]
Es wurde zu viel hysterisch gebrüllt und geschrieen einerseits, dann wieder tief betroffen geflüstert. Insbesondere die Kommissarin König führte sich auf, als sei das Opfer ihre eigene Tochter gewesen. Und zwar nicht vorvorgestern, sondern gestern. Der Täter darüber hinaus, wenn nicht ein mutmaßlicher Serientäter, zumindest eine tickende Zeitbombe. Wer als Ermittler sich derartig in eine persönliche Betroffenheit hineinsteigert, handelt nicht nur hanebüchen unprofessionell, ist auch untauglich für seinen Job, wird ihn kaum aushalten. Sehr bedeutsam folgende Anmerkung https://www.zeit.de/kultur/film/2018-11/polizeiruf-110-rostock-koerperverletzung-obduktionsbericht/seite-2: "der Film hätte die Flucht ins Philosophische antreten und die Frage durchspielen können, warum "Gerechtigkeit" für Janinas Mutter nur bedeuten kann, Wachs hinter Gitter zu sehen. Warum es nicht einen anderen Umgang mit Schuld und Sühne geben könnte, um Frieden zu finden nach 30 Jahren." Es dürfte seine Gründe haben, dass traditionell auch Mord einer Verjährungsfrist unterlag! (In Deutschland wurde dies geändert, wegen der Besonderheit der Nazimorde)
ancoats 12.11.2018
5.
Der Rostocker Polizeiruf ist und bleibt einer der wenigen aus dem Bereich der deutschen Serienkrimis, der regelmäßig und zuverlässig gute Geschichten erzählt, dramaturgisch rund und mit vielschichtigem und vor allem [...]
Der Rostocker Polizeiruf ist und bleibt einer der wenigen aus dem Bereich der deutschen Serienkrimis, der regelmäßig und zuverlässig gute Geschichten erzählt, dramaturgisch rund und mit vielschichtigem und vor allem "authentisch" agierenden Charakteren. Und das war auch dieses Mal der Fall. Ja, ok, das illegale, vor allem aber tölpelhafte Herumtrappsen im Haus des Verdächtigen war vielleicht ein bisschen overdone, aber die restliche Kritik an diesem Polizeiruf kann ich absolut nicht nachvollziehen. Das Thema Recht vs. Gerechtigkeit wurde schön durchdekliniert, und dazu noch in mehreren Handlungsfäden - angefangen von der auf einen früheren Vorfall verweisenden Anfangsszene, über die "Handtaschen-und Schuhe"-Sache bis hin zum eigentlichen Thema: der Herstellung subjektiver Gerechtigkeit angesichts eines objektiven Rechts, welches einen eindeutig Schuldigen aus formalen Gründen davonkommen lässt. Das Alles war nachvollziehbar motiviert, die Figuren in ihrer ja durchaus vorhandenen Ambivalenz angesichts der Grenzüberschreitungen gut gezeichnet. Am Ende blieb für den Zuschauer eben kein "Jawoll, richtig so!" übrig, sondern Unbehagen über diese Art von Selbstermächtigungen, und so soll es sein. Ich gebe mindestens 8 Punkte.

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