Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

WDR-Doku

Was Pornokonsum mit Kindern macht

Die erste Sexszene im Netz sehen manche schon mit neun Jahren: Viele Kinder stolpern heute sehr früh über pornografische Darstellungen. Daraus kann nichts Gutes entstehen, wie eine Doku des WDR zeigt.

WDR/ Chris Caliman

Pornodarstellerin "Lucy Cat"

Von
Mittwoch, 13.02.2019   16:44 Uhr

"Petting" beispielsweise. Das gab's mal. Inzwischen ist dieser leicht verschämte Anglizismus für erkundende Zärtlichkeiten unter Jugendlichen aus dem Sprachgebrauch verschwunden. Heute ist eher von "Gangbang", "Analsex" und abschließendem "Cumshot", ach was: "Bukkake" die Rede.

Auf dem Schulhof.

Laut einer Studie der Universitäten Hohenheim und Münster hat jeder zweite der 14- bis 20-Jährigen schon einen Hardcore-Porno gesehen. Pornografie ist nichts mehr, was man zufällig unter der Matratze des großen Bruders entdeckt oder mit hochrotem Kopf in diesem Laden hinterm Bahnhof kauft. Sie ist ubiquitär im Netz verfügbar und damit in jedem Schulrucksack.

Veränderte sexuelle Scripte

Keira "war 9 oder 10" und kann sich noch erinnern: "Bei mir war das eine Polizistin mit so 'nem alten Kerl im Gefängnis". Inzwischen ist sie 14 Jahre alt und onaniert regelmäßig zu den entsprechenden Filmchen, ganz normal. Mit ihren Eltern will sie darüber nicht sprechen. Sie redet, wie viele andere Expertinnen und Betroffene auch, mit Carsten Binsack, der für die WDR-Reihe "Die Story" erkundet hat: "Wenn Kinder Pornos schauen" - was bedeutet das?

Nichts Gutes, um es kurz zu machen. Sexualtherapeutin Heike Melzer nennt, was da passiert, "eine digitale sexuelle Revolution". Behandelte sie früher überwiegend Probleme wie die vorzeitige Ejakulation, geht es heute vornehmlich um Pornosucht. Die hat alle Altersgruppen erfasst. Aber gerade Pubertierende sind risikofreudig, können Gefahren nicht richtig einschätzen und sind zugänglich für starke Reize: "Das verändert unsere sexuellen Scripte", sagt Melzer.

Lust findet statt, wenn der Partner weg ist. Bilder werden konditioniert, sagt Melzer, und Räume für eigene Fantasien enger. Schon kleine Mädchen fragen besorgt, ob sie beim ersten Mal "Oralverkehr oder Analverkehr machen müssen". Zum hydraulischen Vorturnen gesellt sich der Zwang zur Selbstoptimierung. "Bin ich schön?", das war schon immer die Frage. Heute geht es darum, ob der Penis auch lang, ob die Schamlippen straff genug sind.

Nebenbei zementiert sich ein Geschlechterverständnis, wie es den Drehbüchern der Industrie entspricht. Das Gros der Filme besteht eben nicht aus feministischer Pornografie, die dem "female gaze" entspricht. Im Mainstream reproduziert sich die "klassische" Rollenverteilung: "Der Mann muss dominant sein, die Frau eher weniger."

Verrohter Umgang

"Es ist halt Erwachsenensex", sagt Sexualpädagoge Reinhard Brand. Heute hätten Kinder schon alles gesehen und im Kopf nachvollzogen, was sie selbst noch gar nicht erlebt hätten - und nach aktuellem Stand von Recht, Gesetz, Moral und Menschenverstand auch nicht erleben sollen. Denn hier präfiguriere sich nicht nur ein verrohter Umgang miteinander. Es gingen auch wichtige Erfahrungen flöten, etwa: "Wie findet überhaupt Anbahnung statt?"

Die Pornodarstellerin Lucia Berger kümmert das nicht. Als "Lucy Cat" ist sie ein Star der Szene, hat in selbstbestimmter Eigenregie Karriere gemacht. Eher dominant erklärt sie gegen den Schalldruck der Erotikmesse "Venus" an, man müsse "nicht mehr in die Videothek gehen und sich die Filme ausleihen, das ist ja auch ein bisschen unangenehm für die meisten Menschen".

Die Dokumentation vermeidet zwar den Fehler, "Lucy Cat" und ihre Kollegen vorzuführen, ihnen gar die Schuld an der Entwicklung in die High Heels zu schieben. Trotzdem hätte man sich an dieser Stelle die Nachfrage gewünscht, wie es denn mit der pädagogischen Verantwortung aussieht. Wenn man das allerdings schon eine Pornodarstellerin fragen muss, läuft wirklich etwas falsch.

Der zuständigen Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) aber sind die Hände gebunden. Dort verweisen die Verantwortlichen auf fehlende rechtliche Grundlagen für eine Sperrung der Provider und empfehlen, am Computer technische Schutzmaßnahmen vorzunehmen. Was wenig nützt, wenn es Klassenkameraden mit eigenen mobilen Endgeräten sind, die dem Kind in der Pause diesen sensationellen "Hand Job" mit finalem "Creampie" unter die Nase halten.

Mangelnde Medienkompetenz

Der Film bleibt behutsam in Darstellung und Inhalt. Er skizziert ein Problem und mögliche Lösungen - die aber so hilflos erscheinen, dass der Missstand noch größer wirkt. Es ist weniger moralischer, als vielmehr psychohygienischer, vielleicht sogar ideologischer Natur. Also gewollt.

Es wird schlicht hingenommen, dass ein funktionierendes WLAN schon für Grundschüler eine Selbstverständlichkeit sei. Eine Mischung aus Naturgewalt und Naturgesetz, aus sozialem Druck und der Furcht, den "Anschluss zu verlieren", und sei es an Gestalten wie "Lucy Cat".

Was auch immer das erste Wort sein wird, das Kinder in die Suchmaske von Google eingeben - "Petting" ist es bestimmt nicht.


"Wenn Kinder Pornos schauen", am 13.02. um 22.10 Uhr im WDR

Korrektur: In einer früheren Textversion wurde der Pornodarstellerin Lucia Berger ein falscher Name zugeordnet. Wir haben den Fehler korrigiert.

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP