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Kultur

"Maischberger" über Frauenbild des Islam

"Sexismus hat keine Religion"

Sandra Maischberger wollte unter anderem mit Alice Schwarzer und einem Ex-Salafisten über Sexismus und Islam diskutieren. Doch leider waren die Gäste kein bisschen am Dialog interessiert.

WDR/ Max Kohr

Alice Schwarzer diskutiert mit Murat Kayman

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Donnerstag, 12.05.2016   06:16 Uhr

"Es ist ein bisschen durcheinandergegangen", sagte Sandra Maischberger am Ende ihrer 75-Minuten-Sendung. Das war eine gewaltige Untertreibung. Eigentlich sollte es in ihrem Talk unter dem süffig simplifizierten Dreiklangtitel "Mann, Muslim, Macho" um das Frauenbild im Islam gehen. Im Grunde kein schlechter Gedanke, das Thema jetzt noch einmal zu betrachten, rund vier Monate nach den Kölner Silvester-Attacken und mit zumindest ein bisschen mehr emotionalem Abstand. Denn direkt im Anschluss waren ja Meinungen, gefühlte Wahrheiten und Rassismus kaum zu entwirren gewesen.

In den ersten 15 Minuten der Sendung ging es dann tatsächlich auch um Köln. Jedoch wurden nur die bereits im Januar ausgiebig diskutierten Positionen wiederholt: Der frühere Nordafrika-Korrespondent Samuel Schirmbeck spielte versiert Rechtspopulisten in die Hände, verortete Frauenverachtung kurzerhand im Islam an sich, wehrte sich aber natürlich trotzdem dagegen, Islamkritik als islamophob auszulegen.

In bildhafter, schlüpfrig-salopper Anekdotenrhetorik erinnerte er an seine Zeit im arabischen Raum: "Die Reparaturmaschinen von Jungfernhäutchen rattern und rattern", erzählte er und nutzte im Zusammenhang mit jungen männlichen Muslimen unangenehm häufig das Wort "sexueller Überdruck" - als handele es sich um außer Kontrolle geratene Teekessel.

Simone Peter, Bundesvorsitzende der Grünen, widersprach: "Sexismus hat keine Religion." Und wollte beflissen wissen, ob die Männer in Köln denn Zugang zu Integrationsmöglichkeiten gehabt hätten.

Und dann war da noch das unergiebige Streitduo Alice Schwarzer und Murat Kayman vom konservativen muslimischen Verband Ditib. Schwarzer bezeichnete die Übergriffe in Köln mit der ihr eigenen Opfer-Täter-Rhetorik als "Frauenklatschen", zog Vergleiche zu den Attacken auf dem Tahrir-Platz während der Revolution in Ägypten. Kayman wiederum, ganz Repräsentant seines Verbandes, entging durch vernebeltes Nicht-Antworten auf Fragen jedem Rechtfertigungsverdacht. Das einzige, was die Männer gemein gehabt hätten, sei die Kriminalität gewesen, nicht die Religion. Dafür bescheinigte er erwartbar den Sicherheitsbehörden in der Kölner Silvesternacht Versagen.

Dass das Ausgangsthema bald komplett verloren ging, lag vor allem an Schwarzer und Kayman - weil beide eine klare Agenda hatten, aber kein Interesse an Diskussion: Schwarzer begann unvermittelt, Stimmung gegen die muslimischen Verbände in Deutschland zu machen, bei denen es "sich um einen verlängerten Arm von Erdogan" handele. "Die Verbände reden ja wie die Fundamentalisten", so Schwarzer.

Kayman lenkte ab, die Personalisierung der Debatte über Erdogan sei falsch; er ließ sich auch nicht von Simone Peters sanftem Hinweis aus dem Tritt bringen, dass es sich dabei immerhin um einen Staatspräsidenten handele.

Ein Austausch zu dem an sich interessanten Thema - schließlich kritisiert nicht nur Schwarzer die Abhängigkeit der Ditib von der türkischen Regierung - kam leider nicht zustande. Auch, weil es der zunehmend genervten Maischberger nicht gelang, Schwarzers x-te Verteufelung der Ditib einzufangen - die wischte einfach jeden Einschub mit geübtem Armgefuchtel weg. Die Moderatorin schaffte es ebenso wenig, Kaymans mäandernden Redefluss zu unterbrechen. "Was ist der Punkt?", fragte Maischberger irgendwann an Schwarzer gewandt. Es klang, als habe sie die Hoffnung auf eine klare Antwort längst aufgegeben.

Immerhin schaffte es die Moderatorin noch, hin und wieder Dominic Musa Schmitz etwas Redezeit zuzuspielen. Der ehemalige Salafist tourt heute durch die Republik, um über religiösen Radikalismus aufzuklären. Bei Maischberger erzählte er die eigene Geschichte: dass er in den sechs Jahren als Islamist keiner Frau in die Augen blicken wollte; dass er eine heiratete, die er kaum kannte und nie liebte, aber trotzdem zwei Kinder mit ihr bekam. "Heute lebe ich eine Religion ohne Dogma", sagte er, und wünschte sich deutschsprachige Imame, die Aufklärungsarbeit über die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) leisten können.

In diesen hellsichtigen Minuten waren auch Schwarzer und Kayman endlich mal still.

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