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Kultur

"Stranger Things 2"

Heile Horrorwelt

Im Sommer 2016 war die Achtziger-Hommage "Stranger Things" der große Serienhit. Passend zu Halloween kommt nun die zweite Staffel - und liefert auch diesmal kuscheligsten Grusel.

Netflix
Von
Freitag, 27.10.2017   11:17 Uhr

Ist jetzt alles anders? Weil jetzt alle "Stranger Things"-Fans sind? Weil die Macher nach dem großen Hype des Sommers 2016 wissen, was die Fans von ihnen wollen? Und weil ein so unglaublicher Druck auf der Serie lastet, an den Erfolg der ersten Staffel anzuknüpfen?

Viel wurde im Vorfeld des Starts von "Stranger Things" Staffel 2 über mögliche Fallstricke für die Fortsetzung spekuliert. Doch die eingangs gestellten Fragen sind die falschen. Was Fans von dieser Figur und jener Plotwendung halten, welche ihrer Erwartungen auf keinen Fall enttäuscht werden darf und womit man sie durchaus herausfordern kann, sind nicht Überlegungen, mit denen sich die Duffers erst jetzt herumschlagen müssen. Sie gehen vielmehr noch der ersten Staffel voraus, denn die größten "Stranger Things"-Fans und damit die größten Bescheidwisser, was wann wie sein darf, waren schon immer die Duffers selbst.

Getty Images

Von links: Ross Duffer und Matt Duffer

Was nicht heißen soll, dass sie in ihre eigenen Ideen verliebt wären. Im Gegenteil, von solchen eigenen Ideen gibt es in der Serie ja kaum welche. Vielmehr sind es die Ideen der anderen, der Spielbergs, Carpenters und Kings, die die Duffers in "Stranger Things" so sorgfältig montiert haben, als handele es sich um einen kostbaren Zeitungsausschnitt, den es nun vorsichtig an die Wand des Jugendzimmers zu kleben gilt. Bloß nichts mit dem anvertrauten Material falsch zu machen, ist schlicht der Modus, in dem die Duffers bereits die erste Staffel drehten. Und weil sie den so gut beherrschen, geht auch bei der Fortsetzung so gut wie gar nichts schief.

Ein Jahr ist seit den Ereignissen um die telekinetisch begabte Eleven, das Monster Demogorgon und die düstere Parallelwelt, in die es den Schüler Will eine nervenzerreißende Woche verschlagen hatte, vergangen. Alle Lieblingsfiguren aus dieser Zeit, die Jungsgang und Eleven, Mutter Joyce und Sheriff Hopper, Wills Bruder Jonathan und Mikes Schwester Nancy sowie deren Freund Steve sind wieder dabei.

Angriff auf die Kleinstadtidylle

Selbst derer, die es zuvor dahingerafft hat (Barb!), wird so ausgiebig in den neuen Folgen gedacht, dass sie irgendwie auch dabei sind. Neu hinzu kommen Joyce' neuer Freund Bob (Sean Astin) sowie die Schüler Maxine (Sadie Sink) und Billy (Dacre Montgomery), sie ein skateboardfahrender Tomboy, er ihr gewalttätiger großer Bruder.

Die ersten zwei Folgen lang tun diese neuen Figuren wenig anderes, als die prekären Beziehungsgefüge, die sich im Verlauf der ersten Staffel stabilisierten, wieder in Bewegung zu bringen. Maxine mischt die Jungsgang auf, Billy das Beziehungsdreieck zwischen Nancy, Jonathan und Steve, und Bob drängelt sich zwischen Joyce und Hopper. Will erholt sich derweil, auch mithilfe eines undurchsichtigen Militärpsychologen, von seiner Zeit im Upside-Down, und Eleven ist vom Erdboden verschluckt.

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"Stranger Things 2": Horror in Hawkins, Indiana

Wie sich das alles zusammenfügt und welcher neuen Bedrohung die Lieblingsfiguren ausgesetzt sind, zeichnet sich erst im Verlauf der dritten Folge ab. Bis dahin verbringen die Duffers reichlich Zeit damit, Verwicklungen anzudeuten und Erzählbögen anzulegen. Das ist an sich kein Problem, denn auch an der ersten Staffel machte die Hinführung, der Build-up, zur Krise am meisten Spaß. Und diese Hinführung können die Duffers wirklich sensationell gut inszenieren.

Ständig beschwören sie das Leben in Hawkins, Indiana, als Kleinstadtidylle, mit Hühnchen zum Abendessen und Kürbisfeld zum Selbstpflücken - um sodann durch einen filmischen Kniff ebendiese Idylle zu zerstören. Mal ist es die Kamera, die plötzlich ihren Fokus ändert und so signalisiert, dass man zuvor nicht auf das Wesentliche geguckt hat. Vor allem ist es aber die Musik, wieder von Kyle Dixon und Michael Stein, die Kontrapunkte setzt und bedrohlich anschwillt, wo doch eigentlich nur Harmloses zu passieren scheint.

Bloß kein Sex

Dieses ständige Teasern und Triggern trägt die Serie eine beträchtliche Zeit lang. Eine Art von Spannung will sich dabei aber partout nicht einstellen: nämlich erotische. Während es bei Carpenter und King immer auch hormonell unter der Oberfläche brodelt, geht es bei "Stranger Things" streng keusch zu. Nichts hat hier eine sexuelle Konnotation, und das ist nicht nur bemerkenswert, weil sich die Story zu einem Drittel um ein Liebesdreieck unter Teenagern dreht.

Als müssten weibliche Körper eingehegt und versteckt werden, inszenieren die Duffers ihre Frauenfiguren: Winona Ryder muss immer noch diesen unförmigen Cordmantel aus der ersten Staffel tragen, damit ihrer Joyce bloß nichts milfiges anhaftet. Nancy hat einen mageren Kinderkörper, und Neuankömmling Maxine, in Trainingsjacke und Jeans, mag erst gar nicht mit einem Frauennamen angeredet werden, sondern besteht auf "Max".

Das Nicht-Verhältnis der Duffers zu Sexualität ist dabei kein Nebenaspekt, sondern zentral für das Verständnis der Serie. "Stranger Things" sei keine Kinderserie, sondern eine Erwachsenenserie mit Kinderfiguren, haben die jungen Darsteller erklärt. Doch das trifft es auch nicht. "Stranger Things" ist vielmehr eine Serie von Erwachsenen, die gerne wieder Kinder wären oder sich ihre Wunschkindheit imaginieren - deshalb ist Sexualität hier die große, unbenennbare Lücke, denn mit dem Aufkommen des Begehrens beginnt der unwiderrufliche Abschied von der Kindheit. Und sich von ihrer (Fernseh-)Kindheit zu verabschieden, dazu sind die Duffers keinesfalls bereit.

Nicht von ungefähr spielt die zweite Staffel nun 1984, dem Geburtsjahr der Zwillingsbrüder. Und wenn sich eines mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit für das Ende der auf vier Staffeln angelegten Serie voraussagen lässt, dann dass Mutter Joyce und Sheriff Hopper endlich zueinander finden, biologische Mama und symbolischer Papa also vereint sind. Bei allen Attacken, die "Stranger Things" auf die Kleinstadtidylle fährt, ist diese nämlich nie ernsthaft in Gefahr.


"Stranger Things 2" ist ab Freitag, 27. Oktober, auf Netflix verfügbar

insgesamt 4 Beiträge
lachina 27.10.2017
1.
Vielleicht wurde aber einfach auch "sex sells" überstrapaziert wie beispielsweise bei "Games of thrones" , und das Pendel schlägt jetzt in die andere Richtng - und es gibt gar keine großartige psychologische [...]
Vielleicht wurde aber einfach auch "sex sells" überstrapaziert wie beispielsweise bei "Games of thrones" , und das Pendel schlägt jetzt in die andere Richtng - und es gibt gar keine großartige psychologische Erklärung. ich habe auch eine zeitlang - noch bevor die all-ages- Welle begann - lieber Jugendbücher gelesen, weil ich fand, dass Sex den Spannungsbogen zerstört.
histo4535 27.10.2017
2. Wirklich?
Keinerlei Sexualität? Gut bis jetzt bin ich erst bei 15:12 Minuten in der Serie und ich würde dies schon verneinen, schließlich wird der Körper eines wohl neuen Mitschülers von High School Schülerinnen erotisiert. Aber was [...]
Keinerlei Sexualität? Gut bis jetzt bin ich erst bei 15:12 Minuten in der Serie und ich würde dies schon verneinen, schließlich wird der Körper eines wohl neuen Mitschülers von High School Schülerinnen erotisiert. Aber was ist das für ein sexismus wenn man kritisiert dass ein Charakter nicht nicht mit einem Frauennamen angeredet werden möchte und man die physiologie eines anderen Charakters und somit gleichzeitig der Schauspielerin kritisiert. Die Serie muss schon echt sehr gut sein, wenn man den Körperbau einer Schauspielerin kritisieren muss. Die Serie lebt von ihrer intermedialität und diese wiederum ist sehr gut umgesetzt. Das wiederum daraus geschaffene ist originär. In wie weit eine heile Welt inszeniert wird kann ich jetzt noch nicht sagen, aber von dem Was an Themen zu erahnen ist, kann das nicht zu 100% stimmen. Vielleicht hätte man aber auch eine Redakteurin oder Redakteur die Rezension schreiben lassen sollen, die oder der besser mit dem Prinzip der Serie zurecht kommt.
winterwoods 27.10.2017
3. Sex dont sells (gilt bei mir)
Juhuuu! Endlich mal wieder eine Serie ohne dieses nervige erotische Herumgedröse, dass ich stets so langweilig (weil scheinbares Pflichtprogramm!) finde, dass ich mir derweil einen Sandwich zubereite.
Juhuuu! Endlich mal wieder eine Serie ohne dieses nervige erotische Herumgedröse, dass ich stets so langweilig (weil scheinbares Pflichtprogramm!) finde, dass ich mir derweil einen Sandwich zubereite.
thelix 27.10.2017
4.
Dafür wäre ich sehr dankbar. Ich bin es nämlich echt leid, in einer Tour Titten und Ärsche (beiderlei Geschlechts) um die Ohren gehauen zu bekommen, nur weil das ja so "edgy" ist! ^^
Zitat von lachinaVielleicht wurde aber einfach auch "sex sells" überstrapaziert wie beispielsweise bei "Games of thrones" , und das Pendel schlägt jetzt in die andere Richtng - und es gibt gar keine großartige psychologische Erklärung. ich habe auch eine zeitlang - noch bevor die all-ages- Welle begann - lieber Jugendbücher gelesen, weil ich fand, dass Sex den Spannungsbogen zerstört.
Dafür wäre ich sehr dankbar. Ich bin es nämlich echt leid, in einer Tour Titten und Ärsche (beiderlei Geschlechts) um die Ohren gehauen zu bekommen, nur weil das ja so "edgy" ist! ^^

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