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Kultur

ARD-Sonntagskrimi

Der Berlin-"Tatort" im Schnellcheck

In diesem "Tatort" aus der Großstadtwildnis töten Maschinen und Tiere. Die größte Gefahr des Menschen aber bleibt: der Mensch. Ein Berlin-Krimi mit eigenwilliger Poesie.

rbb/ Conny Klein
Sonntag, 16.09.2018   16:45 Uhr

Das Szenario:

Ein Wildschwein rammt einer Joggerin seine Zähne in den Körper, ein Roboter sticht einem Kioskbesitzer eine Nadel in den Halswirbel. Die beiden Todesfälle, die Rubin (Meret Becker) und Karow(Mark Waschke) zu untersuchen haben, scheinen nicht auf Einwirkung von Menschenhand zurückzuführen zu sein. Und doch offenbaren sich den Ermittlern zwischen urbaner Wildnis und künstlicher Intelligenz menschliche Dramen.

Der Clou:

Wildschweine auf dem Ku'damm, Roboter in der Geisterbahn: Dieser "Tatort" findet starke Bilder dafür, wie das Kreatürliche und das Artifizielle auf den Homo sapiens einwirken. Die größte Bedrohung des Menschen aber bleibt in diesem "Tatort": der Mensch.

Das Bild:

In der Gerichtsmedizin liegen die Leiche eines Mannes (vom Roboter attackiert) und die Leiche einer Frau (vom Wildschwein attackiert) Seite an Seite. Die Scham des Mannes ist bedeckt, die der Frau liegt offen. Sexismus post mortem.

Fotostrecke

Berlin-"Tatort": Das Kreatürliche und das Artifizielle

Der Dialog:

Kommissar Karow wird abends in seiner smarten Wohnung von einer weiblichen Computerstimme empfangen: "Du siehst aber müde aus, Robert! Soll ich Dir einen Tee machen?" Antwort: "Halt die Fresse!"

Der Song:

"Says" von Nils Frahm. Der Hamburger Elektro-Elegiker hat die Musik für die Mensch-Maschinen-"Tatort" geschrieben. Die Auflösung des Krimis, so viel darf verraten werden, kommt als Techno-Ballett zu seiner Musik daher.

Die Bewertung

8 von 10 Punkten. Kleinen Schwächen zum Trotz: ein fast schon poetischer Trip durch die hochtechnisierte Wildnis der Hauptstadt.

Die Analyse:

Lesen Sie bitte hier weiter!

"Tatort: Tiere der Großstadt", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 17 Beiträge
wi_hartmann@t-online.de 16.09.2018
1. Berlin Tatort
Wieder einmal ein Tatort zum Abschalten. Diese Krimiserie hat im Allgemeinen mit der Realität wenig gemein und das ist unter dem Gesichtspunkt Unterhaltung auch gut so. ( z. B. Tatort Münster) Der Versuch Straftaten mit [...]
Wieder einmal ein Tatort zum Abschalten. Diese Krimiserie hat im Allgemeinen mit der Realität wenig gemein und das ist unter dem Gesichtspunkt Unterhaltung auch gut so. ( z. B. Tatort Münster) Der Versuch Straftaten mit sozialen Themen zu verbrämen geht im Regelfall völlig daneben.
Ekkehard Grube 16.09.2018
2. Gut - mit kleinen Schwächen
Wie schon vor einigen Monaten der Dresden-Tatort "Wer jetzt allein ist" nahm sich auch dieser Tatort des Themas „Vereinsamung“ an. Beide Tatorte haben dieses Thema so bedrückend gut umgesetzt, dass es schwerfiel, [...]
Wie schon vor einigen Monaten der Dresden-Tatort "Wer jetzt allein ist" nahm sich auch dieser Tatort des Themas „Vereinsamung“ an. Beide Tatorte haben dieses Thema so bedrückend gut umgesetzt, dass es schwerfiel, bis zum Schluss zuzuschauen. Bei diesem Tatort kam noch das Thema "Einfluss der Technik auf unser Leben" hinzu. Auch dieses Thema wurde sehr gut, weil vielseitig dargestellt: Zum einen: Am Anfang des Films haben drei Jugendliche, die eine Leiche finden, nichts Besseres zu tun, als mit der Leiche ein Selfie zu machen, und als die Kommissarin sie darauf hinweist, dass hier ein Mensch gestorben sei, wird sie von den Jugendlichen verbal unter der Gürtellinie attackiert ("verspannte Muschi"). Zum anderen: Einer der Morde wird mit einem programmierten Roboter begangen. Schließlich aber: Als der Kommissar mit dem Programmierer des Roboter spricht, sagt dieser: "Dank der Roboter werden wir in Zukunft vielen Menschen helfen können – Blinde sehen, Lahme gehen. Es sind die kleinen Dinge, die das Leben wertvoll machen." Besser kann man die Ambivalenz des technischen Fortschritts nicht darstellen. Zwei Schwachpunkte hatte der Film in meinen Augen: Es gab – vor allem ganz am Anfang, aber auch später immer wieder – viele Szenen, die ich nicht zuordnen konnte. Möglicherweise war es die künstlerische Absicht, die Flüchtigkeit des Lebens in einer Großstadt darzustellen. Trotzdem fand ich dieses Stilmittel nervig. Die zweite Schwäche: Ganz entschieden überstrapaziert wird in vielen Tatorten das Klischee von Reibereien unter den Kollegen. In diesem Tatort war das besonders krass und sehr störend. Erst läuft Karow als Menschenfeind durch die Gegend, der fast ununterbrochen ätzt und rumbrüllt, und dann überträgt sich dieses Verhalten auf seine Kollegin Anna Feil. Der nächste Berliner Tatort könnte und sollte ohne das auskommen. Von diesen Schwächen abgesehen, war es ein wirklich guter Tatort. Was mich besonders berührt hat, war die Selbsterkenntnis der Frau, die ihren Mann durch die Roboterprogrammierung umgebracht hat: Solche Taten verschaffen nicht die Befriedigung, die man sich von ihnen erhofft – ganz im Gegenteil. Wer einen Menschen umbringt, der hat – auch, wenn er irgendwann einmal wieder aus dem Gefängnis kommt - "lebenslänglich." Dieser Aspekt wird in viel zu wenigen Krimis herausgestellt.
inge-p.1 16.09.2018
3.
Manchmal Frage ich mich, ob der Dichter den Tatort Oberhaupt gesehen hat. Natürlich kann man, um Gegensatz zum "Aufreger", das die Scharm des Mannes bedeckt, der der Frau nicht, den Venushügel sehen, weil die [...]
Manchmal Frage ich mich, ob der Dichter den Tatort Oberhaupt gesehen hat. Natürlich kann man, um Gegensatz zum "Aufreger", das die Scharm des Mannes bedeckt, der der Frau nicht, den Venushügel sehen, weil die Phatologin gerade daran arbeitet. Der Dichter würde sich sicherlich auch darüber aufregende, wenn sie das durch das Tuch gemacht hätte. MeToo-Wahnsinn oder doch politische Korrektheit? Der Dichter sollte vielleicht dichten und nicht rezensieren.
Little_Nemo 16.09.2018
4. It’s a cold, cold world
Ziemlich originelle und pfiffige Story, die zum Philosophieren einlädt. Poetisch, ja, aber auch ganz schön prosaisch im Abgang. Etwa in der Szenenfolge, als Frau Rubin eine unheimliche Begegnung mit einem Keiler hatte und gleich [...]
Ziemlich originelle und pfiffige Story, die zum Philosophieren einlädt. Poetisch, ja, aber auch ganz schön prosaisch im Abgang. Etwa in der Szenenfolge, als Frau Rubin eine unheimliche Begegnung mit einem Keiler hatte und gleich darauf die abgespacete Baumumarmerin Stappenbeck ihr Glaubensbekenntnis ins Smartphone säuselt: "Die Natur, die will Dich trösten, die Natur, die zeigt Dir das Paradies." Doppelbödig. Natur wie Roboter folgen beide unbarmherzig ihrem Programm, und wehe, wenn man dem einen oder anderen in die Quere kommt. Eigentlich gehören die Berliner nicht zu meinen Lieblingen unter den "Tatorten". Besonders anfangs mochte ich sie gar nicht, wegen der Maniriertheit und den oft wilden Schnitten. Das störte mich auch bei dieser Folge ein wenig, besonders am Anfang. Auch die Musik fand ich stellenweise zu dick aufgetragen und störend, besonders die digitalen Passagen mit den Verzerrungen. Aber so langsam werde ich mit den Berlinern warm.
Dramaturgen-Frau 16.09.2018
5. Armes, krankes Berlin oder The Bread Bakery
Wunderbarer Tatort aus Berlin mit dem Team Rubin / Karow! So soll es sein. Dass das alles mit Realität nichts zu tun hat, ist egal. Je subjektive Realität, also das, was man so für Realität hält, einzufordern wie #1 grenzt [...]
Wunderbarer Tatort aus Berlin mit dem Team Rubin / Karow! So soll es sein. Dass das alles mit Realität nichts zu tun hat, ist egal. Je subjektive Realität, also das, was man so für Realität hält, einzufordern wie #1 grenzt allmählich an Lächerlichkeit. Nein, ich möchte genau diese Berliner Realität sehen: Einsame Wälder, in denen man in Berlin allein joggen kann, neurotische Waldbewohnerinnen, die es so eigentlich nur in Prenzlberg, Friedrichshain und Kreuzberg gibt, riesige Altbauwohnungen, die bei allen Akteuren stilvoll eingerichtet sind, bestens hochdotierte Migranten (die Rechtsmedizinerin, die nicht weiß, dass Karow homosexuell ist und deshalb ein Date mit ihm will), Bäcker, die in Design-Wohnungen leben und ihren Laden mit Fingerabdrucksknopfdruck öffnen - dit is Balin, wa?! Zwischendurch blendet die ARD noch mindestens zwei Mal ihre Werbung ein. Toll! So muss es sein. Wie gesagt. Zehnmal besser jedenfalls als Wulle Mulle Möhre, der immer unschuldige Flüchtlinge rettet, oder die Frau mit der Mimik verhindernden Lederhaut aus Ludwigshafen. Nein, da lobe ick mir die Baliner. Dit is ne Realität mit der ick jut und jern leben kann, wa?! Mehr davon!

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