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Kultur

Wien-"Tatort" über Waffengeschäfte

Alte Schule, neue Feinde

Historischer Fall, neue politische Farbenlehre: Fellner und Eisner spüren Waffendeals von einst nach - und geraten in Konflikt mit den aktuellen Machtverhältnissen. Würdevoller Retro-Krimi.

ARD Degeto/ ORF/ Cult Film/ Petro D
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Freitag, 11.01.2019   10:47 Uhr

Die Bläser wallen bedrohlich, der Wolfgangsee präsentiert sich in dunklen Farben, auf seinem grünen Grund liegt ein Autowrack mit einer erschossenen Frau. Wir sehen sie gleich am Anfang in ihrem nassen Grab, während Oberstleutnant Eisners Stimme lakonisch aus dem Off in die Ereignisse einführt. Die Tote ist eine Journalistin aus Hamburg, die an einer Geschichte über Waffengeschäfte arbeitete.

Mit der Bergung der Leiche wird gleich noch ein alter, nie so recht aufgelöster Fall an die Oberfläche gehievt. Die Journalistin recherchierte auch über den ehemaligen österreichischen Verteidigungsminister Karl Lütgendorf, der 1977 zurücktreten musste, weil er im Verdacht stand, in illegale Waffendeals verstrickt zu sein. Lütgendorf gab es wirklich, er starb 1981 durch einen Revolverschuss in den Mund. Offiziell spricht man von Suizid.

Nachdem sich der österreichische "Tatort" zuletzt als stilvoller Retro-Rotlicht-Krimi über einen Strizzi-Patriarchen vom Prater präsentierte, kommt er nun als stilvoller Retro-Verschwörungskrimi daher: Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) öffnen sich mit jedem Ermittlungsschritt eine neue Perspektive auf den Fall, der sie auch mit unbeantworteten Fragen in der eigenen Behörde konfrontiert.

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"Tatort" mit Fellner und Eisner: Gute alte Cop-Schule

Fellner kämpft mit dem eigenen Alkoholismus, Eisner lässt beim Aktenwälzen Jazz auf dem Plattenspieler laufen, lakonisch blättern sich die beiden vom Leben gezeichneten Veteranen durch die eigentlich schon geschlossene Akte.

Eisners abgeklärter Off-Kommentar vom Anfang verklingt langsam, um anderen Stimmen Raum zu geben. Etwa der von einem ehemaligen Ministerfreund, der den Ermittlern am Wolfgangsee erklärt: "Der Kalli war ein Offizier, der hätte sich nicht in den offenen Mund geschossen." Oder der von der aufgewühlten Lebensgefährtin der ermordeten Journalistin (Emily Cox), die sich auf Sexspiele mit einem Industriellen einlässt, um diesen Verstrickungen am Mord nachzuweisen.

Im besten Sinne Oldschool

Selbst in süffigen Momenten und bei überraschenden Plot-Wendungen hält dieser "Tatort" seinen recht coolen Grundton. Autor und Regisseur Thomas Roth hatte zuvor einmal einen Wiener "Tatort" über kriminelle Geschäfte um das iranische Atomabkommen wie einen Spionage-Thriller aus dem Kalten Krieg inszeniert; seine neue Folge ist ebenfalls im besten Sinne Oldschool.

Das liegt auch daran, dass er ohne viel pseudomodernen Schnickschnack den historischen Fall vor einem sich verändernden Polizeialltag aufrollt. Denn die Spuren führen die alten Spürhunde Fellner und Eisner in den eigenen Ermittlungsapparat zurück - in der jetzt neue Verhältnisse herrschen. Offenbar halten jetzt die jungen Feschen von der ÖVP und FPÖ Einzug.

Als die beiden Ermittler ihren eigentlich gut vernetzten Chef Ernst Rauter (Hubert Kramar) bitten, auf kurzem Dienstweg Informationen einzuholen, wird der Alte ganz nervös: "Die Zeiten sind vorbei. Diese ganze Transparenz!" Dann zieht er, der leidenschaftliche Kippen-Kriminaler, traurig an seiner E-Zigarette, so als wolle er der neuen Führung damit signalisieren, dass er doch bereit sei für den Zeitenwechsel. Denn die Macht im neuen Österreich wird nicht länger zwischen Rot und Schwarz, sondern eher zwischen Türkis (der neuen Marketingfarbe der ÖVP) und Blau aufgeteilt.

Alter politischer Fall, neues politisches Farbenspiel: Bald rauscht die Chefin der Inneren Sicherheit auf die Bildfläche, in ihrem Schatten ist ein junger Handlanger dabei, der die Haare wie Sebastian Kurz trägt und auch so redet. Die Chefin der Sicherheitsbehörde blockt alle Ermittlungsbemühungen zu den Waffengeschäften von einst ab, Rauter muss sich fügen und tut das der alten Schule gemäß: "Küss die Hand."

Am Ende wird es ein wenig unübersichtlich bei der Frage, wer da eigentlich wem im Weg steht. Trotzdem: "Wahre Lügen" ist ein gelungener Oldschool-Krimi, in dem das Gestern würdevoll mit dem Heute ringt.

Bewertung: 8 von 10 Punkten


"Tatort: Wahre Lügen", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 10 Beiträge
lemmy 11.01.2019
1. Oldschool
Klingt gut. Der Tatort aus Österreich ist ohnehin meist eine sichere Bank für gute Unterhaltung. Zumindest für meinen Geschmack. Die letzten Plots hingegen, die ihr Potential im wesentlichen aus den Wahnvorstellungen ihrer [...]
Klingt gut. Der Tatort aus Österreich ist ohnehin meist eine sichere Bank für gute Unterhaltung. Zumindest für meinen Geschmack. Die letzten Plots hingegen, die ihr Potential im wesentlichen aus den Wahnvorstellungen ihrer Protagonisten zogen, gehörten für mich eher in das Reich von Experimental-Theater. Wahnvorstellungen kriege ich auch so schon, wenn ich die täglichen Nachrichten lese ;-)
Augustusrex 11.01.2019
2. Immer gut anzusehen
Immer gut anzusehen, die Tatorte aus Österreich. Und Herr Krassnitzer und Frau Neuhauser sind die ideale Besetzung dafür.
Immer gut anzusehen, die Tatorte aus Österreich. Und Herr Krassnitzer und Frau Neuhauser sind die ideale Besetzung dafür.
GinaBe 11.01.2019
3. gebongt
Meinen Vorrednern pflichte ich bei! Das Krümüneilnduo aus Wien ist/ bleibt charismatisch, wirkt authetisch und die stories sind ebenfalls derart gestaltet, als daß sie einleuchtend wirken. Die Tatorte aus Wien sind immer beste [...]
Meinen Vorrednern pflichte ich bei! Das Krümüneilnduo aus Wien ist/ bleibt charismatisch, wirkt authetisch und die stories sind ebenfalls derart gestaltet, als daß sie einleuchtend wirken. Die Tatorte aus Wien sind immer beste Sonntag- Abend- Fernsehunterhaltung!
Dramaturgen-Frau 11.01.2019
4. Der Wiener Tatort als gutes Beispiel
Dafür z.B., dass man eine tragende und sympathische Rolle schaffen kann, indem man einen alten Sidekick auswechselt. Die Figur Bibi steht heute gleichberechtigt neben der Figur Eisner. Das gelang bisher kaum einem Tatort. [...]
Dafür z.B., dass man eine tragende und sympathische Rolle schaffen kann, indem man einen alten Sidekick auswechselt. Die Figur Bibi steht heute gleichberechtigt neben der Figur Eisner. Das gelang bisher kaum einem Tatort. Ansatzweise noch dem Kölner mit der Figur Jütte, die auch das Potential hat, Dick und Doof die Show zu stehlen. Andere sind damit kläglich gescheitert: z.B. der Borowski-Tatort der aktuellen Gegenwart. Es reicht eben nicht, einen phänotypischen Ersatz vor die Kamera zu werfen, liebe Casterinen und Redakteurinnen! In Ansicht der frühen Wiener Tatorte ist nur zu hoffen, dass die Figur Eisner wieder jene aggressive Sprödigkeit und jenes Dauergranteln bekommt, das sie mal hatte. Es gab nämlich eine Tendenz zur Indifferenz und zum Weichspülen dieser Figur in den letzten Wiener Tatorten. Dazu trüge vielleicht auch bei, mehr aus dem persönlichen Umfeld der Figur Eisner zu zeigen, denn niemand, der ernstzunehmen ist, will heute im Tatort Whodunits mit schlipstragenden Funktionsträgern à la Haferkamp, Ode oder Derrick sehen.
Aberlour A ' Bunadh 14.01.2019
5. Oldschool indeed
Wenn Oldschool heißt, dass sich am Ende alles in Wohlgefallen auflöst, dann haben die Österreicher alles richtig gemacht. Jeder hat seine "gerechte" Strafe erhalten: der Waffenhändler tot, die korrupte und [...]
Wenn Oldschool heißt, dass sich am Ende alles in Wohlgefallen auflöst, dann haben die Österreicher alles richtig gemacht. Jeder hat seine "gerechte" Strafe erhalten: der Waffenhändler tot, die korrupte und hinreichend hochnäsige Doktorin "auf ÖVP/FPÖ-Ticket" aus dem Innenministerium wurde weggelobt (auf eine noch besser dotierte Stelle in der Finanzwirtschaft natürlich) und für eine Mordtat im Affekt aus Liebe, da muss zum Schluss ein Schulterdurchschuss genügen. Und der alte Mordfall/Selbstmord aus den 70er Jahren nebst aktuellem Pendant bleibt weiter unaufgeklärt. Es gibt halt im Hintergrund geheimnisvolle Mächte, die das ganz große Rad drehen, da können selbst unsere sich allen Anweisungen von oben widersetzenden Kommissare nichts machen. Oldschool indeed. 7 von 10 Punkten.

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