Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Berlin-"Tatort" über Reproduktionsmedizin

Babykram!

Die Kinderwunschklinik als Frankensteins Labor? Die Berliner Ermittler hetzen durch einen Krimi über die Reproduktionsmedizin, der zu naiven Vergleichen einlädt. So darf ein "Tatort" im Jahr 2017 nicht aussehen.

rbb/ Gordon Muehle
Von
Freitag, 08.12.2017   15:54 Uhr

"Westberlins Retortenbaby Nummer eins": Ist das ein Titel, den man gerne trägt? Der junge, verdächtig gut gelaunte Reproduktionsmediziner Dr. Stefan Wohlleben (Trystan Pütter) auf jeden Fall, schon aus Werbegründen. Nicht ohne Stolz zeigt er den Kommissaren das in seiner Klinik ausgestellte Titelblatt einer Berliner Stadtillustrierten aus den frühen Achtzigerjahren, das ihn als Baby nackt in den Armen seiner beiden ebenfalls nackten lesbischen Mütter zeigt. Der Doktor verkauft sich quasi selbst als schönsten Beweis für die Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin.

Eine Szene, die zeigt, wie bizarr zugespitzt die Verantwortlichen in diesem "Tatort" über Eizellenbehandlung und Reagenzglasbefruchtung ihr Thema ausbreiten. Ein Serienkiller ermordet junge Männer und Frauen, die möglicherweise alle in der Kinderwunschklinik des Doktors gezeugt wurden. Die beiden Mütter des Mediziners hatten diese Klinik einst gegründet und wurden dafür, wie es im Film heißt, als "Ikonen der Lesbenbewegung" gefeiert.

Bei ihren Ermittlungen kommt den Kommissaren Rubin (Meret Becker) und Karow (Mark Waschke) nun der Verdacht, dass die beiden inzwischen älteren Damen einst Schindluder mit der In-vitro-Fertilisation getrieben haben; dass sie sich zu Herrscherinnen der Reagenzgläser aufgeschwungen haben. Die Reproduktionsmedizinerinnen als Frankensteins Töchter?

Fotostrecke

Berlin-"Tatort": Böse, böse Reproduktionsmedizin!

Es ist nicht grundsätzlich verwerflich, dass die Verantwortlichen in diesem Wissenschaft-und-Ethik-"Tatort" einen schwierigen gesellschaftspolitischen Stoff als überreiztes B-Movie zu inszenieren versuchen. Dass sie es aber derart schlampig und mit einem solch denunziatorischen Unterton tun, macht doch fassungslos.

Der Ruch wissenschaftlicher Hybris

Florian Baxmeyer hat fast alle Bremen-"Tatorte" der letzten Jahre gedreht und dort immer wieder Sinnfragen der Gegenwart auf ästhetisch und diskursiv fordernde Weise ins Thrillerformat überführt. Unlängst zum Beispiel in der Folge über Selbstoptimierungswahn; unvergessen auch Baxmeyers sensationeller Hot-Rod-"Tatort" über Autoliebe und Menschenhass. Den hatte der Autor Matthias Tuchmann geschrieben, bevor er 2016 im Alter von nur 42 Jahren verstorben ist. Das Drehbuch zum aktuellen "Tatort" oder Teile davon stammen nun ebenfalls aus dem Vermächtnis Tuchmanns.

Umso erstaunlicher, dass der Plot dieses Kinderwunschschockers (Co-Autor: Michael Comtesse) so zusammengehauen wirkt und dass - freiwillig oder unfreiwillig? - die Reproduktionsmedizin in toto desavouiert wird. Wissenschaftliche Hybris, wo man in diesem Film hinschaut. Möglichen Ambivalenzen machen Regie und Drehbuch in übertrieben umständlichen Actionszenen den Garaus, Plausibilität sucht man hier auf den gesamten 85 Minuten vergeblich.

Wie es einer der viel zu vielen Zufälle in diesem Film will, ist auch eine junge Polizistin auf dem Revier von der Arbeit der fleißigen Vorreiterinnen der Reproduktionsmedizin betroffen - was die mitfühlende Ermittlerin Rubin bei ihrer Recherche zwischen Akten und Laborgerät nur umso mehr aufwühlt. Deshalb fragt Rubin eine der alten Medizinerinnen empört, ob ihr "einer abgegangen" sei bei ihrer Arbeit. Und wirft ihr vor, Gott gespielt zu haben.

Wirklich? Ist das das Niveau, in dem ein "Tatort" aus dem Jahr 2017 das Thema Reproduktionsmedizin behandelt? Lesbische Kinderwunschärztinnen, die als selbstherrliche Befruchtungsdiktatorinnen auftreten?

Bei Arte läuft zur Zeit die düstere australische Krimiserie "Top of the Lake", bei der es neben dem Thema Prostitution auch um Leihmutterschaft und Eizellenbehandlung geht. Dort wird der Stoff trotz kritischer Haltung und Krimi-Plot sehr viel vielschichtiger aufbereitet. Im "Tatort" aber sind tatsächlich hoch relevante Aspekte wie Fragen zur Identität in Zeiten technisch rapide voranschreitender Reproduktionsmöglichkeiten und erweiterter Familienbilder allenfalls angerissen - um dann umgehend in einem wahrlich infantilen Fertilisationsinferno zu versinken. Babykram.

Bewertung: 2 von 10 Punkten


"Tatort: Dein Name sei Harbinger", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 15 Beiträge
hatem1 08.12.2017
1. Ich finde den Film gut...
... nachdem ich ihn in einer Voraufführung im Kino sehen konnte. Ein Tatort muss keine ausgewogene Stellungnahme zu einem Thema sein, sondern zu allererst mal ein spannender Krimi. Und das ist dieser Film. Visuell packend, [...]
... nachdem ich ihn in einer Voraufführung im Kino sehen konnte. Ein Tatort muss keine ausgewogene Stellungnahme zu einem Thema sein, sondern zu allererst mal ein spannender Krimi. Und das ist dieser Film. Visuell packend, Christoph Bach spielt großartig, Berlin sieht so aus, wie es nun mal aussieht, ich schau mir den Film am Sonntag nochmal im TV an.
nexus32 08.12.2017
2. Zeit
Hr. Buß sagt es: "Top of the Lake" ist eine Serie und kann deshalb die vielschichtige Thematik mit deutlich mehr Drehzeit ausbreiten und somit viel differenzierter darstellen. Der Tatort hat 90 Minuten. Ob man deshalb [...]
Hr. Buß sagt es: "Top of the Lake" ist eine Serie und kann deshalb die vielschichtige Thematik mit deutlich mehr Drehzeit ausbreiten und somit viel differenzierter darstellen. Der Tatort hat 90 Minuten. Ob man deshalb darauf verzichten sollte schwierige Themen anzusprechen wage ich zu bezweifeln. Ich werde mir den Tatort natürlich wie (fast) immer anschauen und mir meine eigene Meinung bilden. Richtig enttäuscht werde ich im Übrigen eher selten.
migratist 08.12.2017
3. Was soll das??
Ein Forum zu einem Film zu starten, der erst in 50 Stunden läuft?!? Wie wär´s denn wenn wir hier über den Wahlausgang der NÄCHSTEN Bundestagswahl diskutieren?!? Bis auf ganz wenige Ausnahmen konnte doch noch niemand den Film [...]
Ein Forum zu einem Film zu starten, der erst in 50 Stunden läuft?!? Wie wär´s denn wenn wir hier über den Wahlausgang der NÄCHSTEN Bundestagswahl diskutieren?!? Bis auf ganz wenige Ausnahmen konnte doch noch niemand den Film sehen!!! Fazit - diese Diskussionsrunde schliessen und am Sonnatg um 21:46 neu eröffnen!!
matteo51 08.12.2017
4.
2 Punkte? Wow, kann ich mir nicht vorstellen bei den Schauspielern, dem Plot, dem Autor und dem Regisseur...versuche nun, unvoreingenommen zu bleiben;);)....
2 Punkte? Wow, kann ich mir nicht vorstellen bei den Schauspielern, dem Plot, dem Autor und dem Regisseur...versuche nun, unvoreingenommen zu bleiben;);)....
w.a.krauss 10.12.2017
5. Migratist : schweigen Sie doch
„Ein Forum zu einem Film zu starten, der erst in 50 Stunden läuft?!? Wie wär´s denn wenn wir hier über den Wahlausgang der NÄCHSTEN Bundestagswahl diskutieren?!? Bis auf ganz wenige Ausnahmen konnte doch noch niemand den [...]
„Ein Forum zu einem Film zu starten, der erst in 50 Stunden läuft?!? Wie wär´s denn wenn wir hier über den Wahlausgang der NÄCHSTEN Bundestagswahl diskutieren?!? Bis auf ganz wenige Ausnahmen konnte doch noch niemand den Film sehen!!! Fazit - diese Diskussionsrunde schliessen und am Sonnatg um 21:46 neu eröffnen!!“ Warum schreiben sie dann dazu? Irre, manche Menschen

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP