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Kultur

Serien-Hit "Mrs. Maisel"

Witzattacke gegen das Patriarchat

Die erste Staffel von "Mrs. Maisel" war ein Fernsehereignis und wurde mit Preisen überschüttet. Die Fortsetzung produziert zunächst tosenden, virtuosen Stillstand - um dann für Lachattacken zu sorgen.

Amazon
Von
Donnerstag, 06.12.2018   12:46 Uhr

Vielleicht hätte er sich das besser überlegen sollen. Der Komiker, der 1959 auf der Bühne eines heruntergekommenen Nachtclubs in New York steht und über die junge Kollegin lästert, die nach ihm dran ist: "Madge oder Margerie oder so. Aber Leute, freut euch nicht zu früh - sie behält ihre Kleider an." Brüllendes Gelächter.

Nun, die junge Frau, die kurz darauf auf der Bühne steht, heißt Midge, und sie behält tatsächlich ihr Kleid an, trotz eines gigantischen Senfflecks auf der Brust. Allerdings ist sie ihren miefigen männlichen Vorgängern verbal haushoch überlegen. Und so knüpft sich Midge Maisel das Comedy-Patriarchat vor und macht es verbal gleich ein paar Köpfe kürzer: "Mit seiner langweiligen Stimme hat Stan schon 1000 Schiffe dazu gebracht, sich selbst zu versenken".

Mit diesem Standup-Act findet die zweite Staffel der Amazon-Serie "The Marvelous Mrs. Maisel" in der zweiten Episode endlich zu sich, bevor sie kurz darauf droht, sich in einem Dialoggewitter ohnegleichen wieder zu verlieren. Die Erfolgsserie von Amy Sherman-Palladino kommt nach der Auszeichnung mit zwei Golden Globes und fünf Emmys nur schwer in Fahrt. Wobei diese Formulierung nicht recht passen will zu einer Serie, in der jede einzelne Szene so komplex, virtuos und schnell gestaltet ist, als stamme sie aus einem der glamourösen Hollywoodspektakel der Fünfzigerjahre, die ihr stilistisch als Vorbild dienen.

Blase der Wohlanständigkeit

Wie in der ersten Szene: Eine entfesselte Kamera gleitet über den Arbeitstisch von Telefonistinnen, bis sie bei Miriam Maisel ankommt. Daraus entspinnt sich eine irrsinnige Choreografie auf einem rollenden Schreibtischstuhl, eingefangen in schnellen Schnittfolgen und unterlegt mit dem jubilierenden Song "Just Leave Everything To Me". Das ist wunderschön anzuschauen, aber: Es ist ein tosender Stillstand, den Sherman-Palladino und ihr Mann und Partner Daniel Palladino hier entfachen.

Fairerweise muss man sagen: Damit vollziehen sie auf der Ebene der Inszenierung den Stillstand der Hauptfigur nach. Midge Maisel ist nach der Trennung von ihrem Ehemann und der Entdeckung ihres komödiantischen Talents in einer Sackgasse gelandet. Schon das Zerbrechen der Ehe in Staffel Eins brachte ihre gesamte Familie an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Dass sie als Telefonistin in einem Kaufhaus arbeitet, bedeutete einen weiteren Tiefschlag für ihre stockkonservativen Eltern, die in einer Blase des Wohlstands und der Wohlanständigkeit an der New Yorker Upper West Side residieren. Nun will Midge ihnen nicht auch noch stecken, dass sie nachts in schmierigen Clubs auftritt und Witze über ihr Sexleben reißt.

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"The Marvelous Mrs. Maisel": Eine versunkene Welt

Der Bruch, der so unausweichlich kommen muss, kommt nicht. Was auch daran liegt, dass Midge eben beides ist: verwöhnte Tochter aus gutem Haus und irrsinnig talentierte Comedienne, die scharf und witzig die Verhältnisse aufs Korn nimmt. Sie kennt ja kein anderes Leben als das privilegierte der gehobenen Mittelklasse. Für Midge ist es ganz normal, die Sommermonate in einer mondänen jüdischen Feriensiedlung in den Catskill Mountains nahe New York zu verbringen.

Ihre Managerin Susie dagegen schlägt sich durch, indem sie Apfelreste aus Mülltonnen klaubt und sich, mit einer Saugglocke als Klempner getarnt, ebenfalls in die Siedlung einschleicht. Die Klassenunterschiede zwischen den beiden arbeitet die zweite Staffel noch schärfer heraus als die erste. Immerhin gelingt es Susie, ihrer Klientin Auftritte in der Umgebung zu verschaffen.

Liebevoll zeichnen die Palladinos das Treiben in diesen Ferienhochburgen nach, inklusive "Hawaiianischer Nacht", neckischer Tanzspiele und dem Wettbewerb der Badeanzug-Schönheiten, an dem selbstverständlich nur verheiratete Frauen teilnehmen dürfen. Eine versunkene Welt jüdischen Lebens lassen sie erstehen, die der Gegend den Kosenamen "Borscht Belt" einbrachte. Dort begannen einst tatsächlich die Karrieren vieler jüdischer Komiker, von Milton Berle bis Woody Allen.

Bloß nicht zu früh abschreiben!

Aber das Geschehen dreht sich dann doch sehr um sich selbst. Das gilt auch für eine Episode, die in Paris spielt. Der Optimismus, den "Mrs. Maisel" verströmt, ist noch immer ansteckend, aber den ersten Folgen fehlt der satirische Witz, der die erste Staffel zu einer so mitreißenden Selbstermächtigungsfantasie machte. Einige der aufwendigen Plansequenzen mit ihrem ausgefeilten Slapstick und der nie enden wollenden Wortakrobatik drohen unter ihrem eigenen Gewicht einzustürzen.

Einen Fehler aber darf man auf keinen Fall machen: "Mrs. Maisel" zu früh abschreiben. Ganz im Gegenteil: Die Empfehlung lautet, unbedingt dranzubleiben! Denn in Folge Fünf der zehn Episoden umfassenden Staffel kommt alles ganz neu ins Rollen. Der Grund dafür darf selbstverständlich nicht gespoilert werden, aber es ist ein Wendepunkt, bei dem Zuschauern die Haare zu Berge stehen dürften, während sie gleichzeitig eine Lachattacke schüttelt. Miriam Maisel stürzt in eine Krise, die ihr ganz neue Perspektiven öffnet - und der ganzen Serie gleich mit.


"The Marvelous Mrs. Maisel" Staffel 2, Originalversion ab 5. Dezember 2018 auf Amazon Prime. Die deutsche Fassung startet Anfang 2019, ein genauer Termin steht noch nicht fest.

insgesamt 2 Beiträge
solna 06.12.2018
1. Nee, die Serie ist nicht wirklich gut
Drei Folgen gesehen, aber Staffel 1 taugte nicht zur cleveren Abendunterhaltung. Die Produktion wirkt billig, unauthentisch, zu glatt, der Humor versagt auch im englischen Original, und so ist man dann doch recht froh, wieder ein [...]
Drei Folgen gesehen, aber Staffel 1 taugte nicht zur cleveren Abendunterhaltung. Die Produktion wirkt billig, unauthentisch, zu glatt, der Humor versagt auch im englischen Original, und so ist man dann doch recht froh, wieder ein wenig echte Lebenszeit gewonnen zu haben, anstatt wieder einmal vom Hype induziertes binge watching betrieben zu haben. But who knows, season two may be the best thing since sliced bread. I, for my part, am not convinced.
tomkey 07.12.2018
2. Das Gegenteil ist der Fall
Das sehe ich völlig anders. Billig? Alleine die Ausstattung und sprichwörtliche Detailversessenheit bei der Wiedergabe der 50er Jahre macht diese Serie sehenswert. Glatt? Die ersten Auftritte in den Kellern mit ihren [...]
Zitat von solnaDrei Folgen gesehen, aber Staffel 1 taugte nicht zur cleveren Abendunterhaltung. Die Produktion wirkt billig, unauthentisch, zu glatt, der Humor versagt auch im englischen Original, und so ist man dann doch recht froh, wieder ein wenig echte Lebenszeit gewonnen zu haben, anstatt wieder einmal vom Hype induziertes binge watching betrieben zu haben. But who knows, season two may be the best thing since sliced bread. I, for my part, am not convinced.
Das sehe ich völlig anders. Billig? Alleine die Ausstattung und sprichwörtliche Detailversessenheit bei der Wiedergabe der 50er Jahre macht diese Serie sehenswert. Glatt? Die ersten Auftritte in den Kellern mit ihren Widersprüchen und inneren Kämpfen von Mrs. Maisel sind alles andere als "glatt" und werden auch entsprechend dargestellt. Ich weiß nicht was Sie sonst so an Serien schauen. Aber "The Marvelous Mrs. Maisel" zählt fürt mich zu den absoluten Serienhighlights der Anbieter von Amazon oder Netflix.

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