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Leben und Lernen

Doku über überforderte Eltern

Anna schlägt, kratzt und beißt ihre Mutter

Es gibt Familien, die erleben einen Albtraum miteinander - wenn das Kind aggressiv ist, sich blutig kratzt, nicht isst. Die Kino-Dokumentation "Elternschule" zeigt einen Ort, wo den Familien geholfen werden kann - wenn Mütter und Väter mitziehen.

Zorro Film/ if ...Productions
Von
Donnerstag, 04.10.2018   06:47 Uhr

Seit acht Tagen verweigert Zarah die Nahrung. Zu Hause aß sie zumindest noch Pommes und Chicken Nuggets; hier, im stationären Aufenthalt der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen, gar nichts mehr. Zarah ist fünf Jahre alt.

Sie bewegt sich wie in Zeitlupe, steht apathisch auf dem Gang, schafft es nicht, selbstständig ihr Unterhemd anzuziehen. Aber heute, als sich die Krankenschwester ein Brötchen mit Käse belegt, greift auch sie zu. Und beißt zaghaft hinein.

Nicht alle Kinder sind hier so apathisch wie Zarah. Felix etwa schreit den ganzen Tag und trinkt nur Milch, die er gleich wieder erbricht. Mohammed kratzt sich, bis er blutet. Joshua tickt völlig aus, wenn er wütend wird. Anna schlägt, kratzt und beißt ihre Mutter. Wenn sich jetzt und hier nichts ändere an ihrem Verhalten, sagt die Mutter, dann müsse sie Anna in ein Heim geben. Sie könne nicht mehr.

Die Hoffnung: ein normales Leben

Völlig erschöpfte Eltern, Kinder mit ausgeprägten Verhaltensauffälligkeiten, Neurodermitis, Schlaf- und Essstörungen: Für sie ist häufig die Kinder- und Jugendklinik in Gelsenkirchen ein Rettungsanker. In der Abteilung "Pädiatrische Psychosomatik" verbringen sie mehrere Wochen in der Hoffnung, danach endlich ein normales Leben beginnen zu können. Die Filmemacher Jörg Adolph und Ralf Bücheler haben sie dabei für ihre Kino-Dokumentation "Elternschule" begleitet.

Die Programme, die die Familien hier durchlaufen, hat der Psychologe und Psychotherapeut Dietmar Langer entwickelt, der Leiter der Abteilung. Eine Kombination aus Bindungs- und Trennungstraining sowie Ess- und Schlafverhaltenstraining soll dem alltäglichen Horror in diesen Familien ein Ende bereiten. Und meistens funktioniert das tatsächlich - sofern die Eltern mitziehen. Für viele ist das eine größere Herausforderung, als sie sich anfangs vorstellen können.

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"Elternschule": Wenn selbst Spaziergänge mit Kindern unmöglich sind

Der Film zeichnet Langer als emphatischen, zugewandten Menschen. Wenn er spricht, klingt deutlich sein Ruhrpott-Dialekt durch, eines seiner Lieblingsworte ist "Alltach". Darum geht es ihm: Dass Eltern und Kinder lernen, gemeinsam den Alltag zu bewältigen. Seine Methode hat er nach wissenschaftlichen Kriterien entwickelt, zum einen Teil auf Grundlage jahrzehntelanger eigener Forschung, zum anderen auf Basis praktischer Erfahrung. Langner glaubt fest daran, dass Bildung hilft. Auch überforderten Eltern.

"Ein Kind weiß nach seiner Geburt nichts über die Welt. Es weiß nichts über Zusammenhänge", sagt Langer in seinen Seminaren etwa über die frühkindliche Entwicklung. "Wenn es in die Hände klatscht, weiß es weder, das eine Handbewegung diesen Ton erzeugt, noch ist ihm klar, dass es ihn selbst hervorruft. Die Welt ist chaotisch." Nur der eigene Erkundungsdrang auf der einen und eine sichere Begrenzung durch die Eltern auf der anderen Seite machen, so Langner, aus der Welt einen berechenbaren Ort, an dem Kinder glücklich aufwachsen können.

Offener Blick auf das heutige Elternsein

Kinder brauchen also Grenzen, davon ist Langer - und mit ihm eigentlich alle Kindertherapeuten - überzeugt. Es gibt aber Eltern, die damit überfordert sind. Weil sie den autoritären Erziehungsstil vergangener Jahrzehnte ablehnen. Weil ihre Kinder sie vor besondere Herausforderungen stellen, an Regulierungsstörungen oder anderen psychosomatischen Störungen leiden. Oder weil sie sich übergroße Sorgen um ihren Nachwuchs machen.


"Elternschule"
Deutschland 2018
Regie:
Ralf Bücheler, Jörg Adolph
Verleih: Zorro Film in Zusammenarbeit mit mindjazz pictures
Produktion: if... Productions
Länge: 117 Minuten
FSK: ohne Altersbeschränkung (beantragt)
Start: 11. Oktober 2018


So wie die Mutter von Felix, dem blonden Zweijährigen, der nachts nur wenige Stunden schläft, jedes Essen verweigert und die Milch, die er trinkt, kurz darauf wieder erbricht. Sein Fall ist besonders schwer auszuhalten. Der kleine Junge wirkt labil; im Verlauf der Therapie muss ihm eine Nahrungssonde gelegt werden, weil sein Gewicht immer weiter abnimmt. Seine Mutter ist gleichfalls ein Nervenbündel. Zwar stimmt sie der Therapie sichtlich schweren Herzens zu, schleicht sich gegen die Abmachung aber doch nachts an Felix' Bett, um nach ihm zu sehen. Und sein Vater bringt die Behandlung mit emotionalen Auftritten fast zum Scheitern.

Und dennoch: An keiner Stelle verurteilen die Macher die Mütter und Väter, die mutig genug sind, sich in ihrer Verzweiflung auch noch filmen zu lassen. Zurückhaltend, aber genau schauen Adolph und Bücheler hin, auch wenn es wehtut. Was die Doku "Elternschule" so besonders macht, ist eben dieser offene Blick auf das Elternsein heute.

Ein Gesellschaftsbild in Klinikräumen

Mit ihrem Film zeichnen sie, so nennen sie es selbst, ein Gesellschaftsbild in Klinikräumen. Erziehung ist gleichzeitig privat und von großer gesellschaftlicher Bedeutung. Entsprechend große Erwartungen werden an Eltern gestellt. Als Helikoptereltern verlacht, als Erziehungsverweigerer verschrien, sind viele verunsichert.

Sie sollen ihre Kinder fit machen für das Leben, auf dass sie später beflissene Steuerzahler werden; gleichzeitig werden sie in Restaurants und anderen öffentlichen Räumen als Zumutung wahrgenommen. Lärmen soll die Brut bitte woanders.

Diese aktuellen Debatten nimmt die Doku unausgesprochen auf und betrachtet sie wie unter einem Brennglas. Was geschieht, wenn Erziehungsstrategien fehlschlagen, wenn sich Mechanismen einschleichen, die wie in einem Teufelskreis immer aufs Neue Essverweigerung oder stundenlanges Schreien zur Folge haben?

"Elternschule" zeichnet ein detailliertes Bild und macht die Protagonisten - Eltern und Kinder gleichermaßen - als Individuen mit je eigenen Geschichten sichtbar. Der Film zeigt, wie reaktionär und fehl am Platz Rufe nach Disziplin und Gehorsam sind. Er behauptet auch nicht, dass Erziehung ein leichtes Geschäft wäre.

Aber er zeigt auf überzeugende Weise, dass Wissen und Techniken dabei helfen können, aus glücklichen Kindern glückliche Eltern zu machen. Auch aus Zarah, Felix und ihren Müttern und Vätern.

insgesamt 39 Beiträge
hisch88 04.10.2018
1. Der Mix machts!
"Kinder brauchen also Grenzen, ...." "Weil sie (Eltern) den autoritären Erziehungsstil vergangener Jahrzehnte ablehnen." Aus diesem Grund, NULL Mitleid mit den Eltern. Ich hab ausreichend Junge Leute [...]
"Kinder brauchen also Grenzen, ...." "Weil sie (Eltern) den autoritären Erziehungsstil vergangener Jahrzehnte ablehnen." Aus diesem Grund, NULL Mitleid mit den Eltern. Ich hab ausreichend Junge Leute im Berufsleben kennengelernt, die aus solchen anti-autoritären Familien stammen. Meistens noch Einzelkinder.
damp2012 04.10.2018
2. Das klingt ja alles ...
.... ganz plausibel und "nett". Dennoch - wenn Werte innerhalb einer Gesellschaft sich überall dramatisch verändern, dann schlägt sich das auch auf die Erziehung von Kindern nieder. Logische Konsequenz! Ich habe kein [...]
.... ganz plausibel und "nett". Dennoch - wenn Werte innerhalb einer Gesellschaft sich überall dramatisch verändern, dann schlägt sich das auch auf die Erziehung von Kindern nieder. Logische Konsequenz! Ich habe kein Problem, respektvoll und interessiert mit Kindern und Jugendlichen umzugehen - erwarte aber auch eben diesen Respekt mir gegenüber von Ihnen. Dafür scheue ich auch keinen verbalen oder emotionalen Konflikt und eben diesen halten doch die wenigsten "Erwachsenen" aus. Weder mit ihren Kindern, noch mit ihren Eltern, in der Familie oder im Beruf..... Und so wachsen weder Grenzen noch Verständnis.
napoleonwilson 04.10.2018
3. Kinder...
Wir haben selbst zwei geosse Kinder. Aber was derzeit bei manchen Eltern abgeht, das macht sprachlos. Da fliegen coole Instagram Poser mit einem Säugling long distance nach Australien. Sehr zur Freude der anderen Fluggäste. Aber [...]
Wir haben selbst zwei geosse Kinder. Aber was derzeit bei manchen Eltern abgeht, das macht sprachlos. Da fliegen coole Instagram Poser mit einem Säugling long distance nach Australien. Sehr zur Freude der anderen Fluggäste. Aber die Bedürfnisse des Säuglings müssen hinten anstehen. Als wir in einem eher exclusiven Speiselokal waren, hat ein Helikopter Daddy das gesamte Restaurant mit seinem 2 jährigen tyrannisiert. Die. zwei waren der Meinung, um 21:30 ein Speiselokal ist ein Kinderspielplatz. Eigentlich suchte der Vater nur verzweifelt Anerkennung.-Meine Gattin ist Psychologin. Ich war eher nur genervt. Im Urlaub fiel uns auf, das junge Eltern Ihren Nachwuchs via Pad ruhigstellen. Ganz übel. Warum schaffen sich diese Leute Kinder an, wenn Sie sich dann nicht mit Ihnen beschäftigen wollen.? Da läuft einiges schief. Darum finde ich kinderfreie Lokale und Hotels sinnvoll. Wir möchten nicht im Urlaub / Freizeit permanent mit den Produkten falscher Erziehung konfrontiert werden.
ellizza 04.10.2018
4. Allerdings Grenzen setzen macht Mühe
Ich finde im Artikel wird Autorität als negativer Begriff rübetgebracht, der darin gipfelt, Verständnis für Eltern zu haben, die doch autoriträre Erziehung aus Jahrzehnten ablehnen. Die Gegenreaktion antiautoritär ist doch [...]
Ich finde im Artikel wird Autorität als negativer Begriff rübetgebracht, der darin gipfelt, Verständnis für Eltern zu haben, die doch autoriträre Erziehung aus Jahrzehnten ablehnen. Die Gegenreaktion antiautoritär ist doch gescheitert, und es muss ein Weg in der Spannung zwischen der Autorität der Erzieher und der Wahrung der Würde des Zöglings gefunden werden. Das macht Mühe, deshalb sind die angeblichen Skrubel gegen Autorität nichts weiter als Kaschierung der eigenen Faulheit gepaart mit der fatalen Ansicht, dies würde dem Kind eher sogar guttun. Dabei ist es Aufgabe des Kindes mit seinem Drang alle Möglichkeiten zu erkunden und Grenzen auszutesten. Sei es Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit (es will immer gewinnen, wird aber irgendwann verlieren und muss damit umgehen lernen) oder gesellschaftliche, was darf ich wann und warum. Und was muss das Kind lernen, Schule ist durchaus kein Ort des Vergnügens, sondern Garant des Wohls der funktionierenden Gesellschaft. Wanderungsbewegungen heute sind vor allem Wanderungen in erfolgreiche Gesellschaften. Deswegen ist Erziehung beileibe nicht das private Vergnügen oder Versagen der Eltern, sondern Hartz IV gibt es nur in einer funktionierenden Gesellschaft auf der Basis von Leistung und Achtung (Autorität).
palimpalom 04.10.2018
5. Und...
was meiner Meinung nach dringend dazu gehört: In den meisten Fällen wird zu viel auf die „schwierigen“ Kinder geguckt. Hier vererben sich aber oft nur die Vollmeisen und Lebensuntüchtigkeiten der Elterngeneration: Da wird [...]
was meiner Meinung nach dringend dazu gehört: In den meisten Fällen wird zu viel auf die „schwierigen“ Kinder geguckt. Hier vererben sich aber oft nur die Vollmeisen und Lebensuntüchtigkeiten der Elterngeneration: Da wird sicher mehr über Karriere und Laktose oder Facebook und RTL nachgedacht, als es allen Beteiligten gut tut. Gab es früher nicht. Da ging es ausschließlich um den Alltag. Außer bei den Superreichen und Adelsfamilien... die hatten da auch schon die neurotischsten Kinder.
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