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Leben und Lernen

Jugendliche in Italien

Zur Mafia statt zum Arbeitsamt

Wenn die Jugend in Neapels Armutsvierteln einen Job sucht, geht sie lieber zur Camorra, nicht zu den Behörden. Dafür gibt es Gründe - und dagegen viele Projekte. Aber bislang haben sie wenig Erfolg.

LightRocket via Getty Images

Scampia, ein Vorort von Neapel, ist für seine hohe Kriminalitätsrate berüchtigt

Von , Rom
Samstag, 02.12.2017   20:38 Uhr

Tief unter Neapel liegt eine zweite Stadt, mit gigantischen Räumen und mehr als 80 Kilometern Straßen und Gassen. Die Griechen haben dort, lange vor Christi Geburt, Wasserspeicher angelegt. Die Römer haben weitergebaut. Die Neapolitaner haben in den Katakomben Waffen oder auch sich selbst versteckt, vor der Obrigkeit oder im Krieg vor den Bomben. Später haben sie vor allem ihren Müll in der Unterstadt entsorgt.

Inzwischen wird unten kräftig aufgeräumt. Etliche Kooperativen sind dabei, dort Meter um Meter sauber und sicher zu machen und für die Menschen von oben zu öffnen. Ein paar Dutzend junge Helfer haben dabei das gefunden, was in Neapel das Kostbarste ist: einen bezahlten Arbeitsplatz.

Sie entrümpeln, installieren Licht, restaurieren Mosaiken und Statuen. Das Geld kommt von Stiftungen und Spenden. Einige von ihnen führen Touristen durch den labyrinthischen Zauber der Unterwelt. Und alle, die dort arbeiten, glauben, dass sie Vorreiter für eine ähnliche Säuberung in der von der Mafia verseuchten Oberstadt sind. Denn die ist zwar wunderschön, aber vermutlich die gewalttätigste Stadt Italiens. Doch "Bellezza", Schönheit, so Vincenzo Porzio, einer der Sprecher der Unterwelt-Kooperativen, "kann das Böse heilen".

"Babygangs" übernehmen die Macht

Bislang ist "das Böse" oben allerdings wenig beeindruckt. Die Camorra, wie die Mafia in Neapel heißt, sei "ein Krebsgeschwür", klagte gerade erst der lokale Erzbischof, Kardinal Crescenzio Sepe. Eine Zeit lang habe man gedacht "es erfolgreich zu bekämpfen, indem man die Bosse, die Unter- und die Oberbosse verhaftet". Aber: "Das Geschwür wuchert weiter."

Schlimmer noch: Es befällt vor allem Jugendliche und sogar immer mehr Kinder. Die Verhaftungswelle der letzten Jahre habe zwar große Teile der alten Führungsschicht der Clans abgeräumt, deren Platz hätten nun aber die Kinder eingenommen, so Sepe. Ausgesetzt, allein auf sich gestellt, weder zu Hause noch in der Schule erzogen und oft auch von der Kirche verlassen, gebe es für sie nur noch "brutale Gewalt".

"Babygangs" werden die neuen, nicht selten von Minderjährigen geführten Clans oder Gruppen genannt. Oder auch, von vielen Einheimischen, "wilde Hunde". Sie seien "bis an die Zähne bewaffnet" und besessen davon, sich in sozialen Medien mit martialischen Waffen oder Mafia-Tattoos zu zeigen, auf denen Glaubensbekenntnisse prangen wie "Respekt, Treue, Ehre", heißt es in einem Bericht der Antimafia-Polizei DIA (Direzione Investigativa Antimafia). "Höchst gefährlich, ohne Skrupel und ohne Bremsen" seien sie - und viel gefährlicher als die älteren Camorra-Mitglieder, denn deren ohnehin karge Regeln gelten nicht mehr.

Die Mafia bietet gut bezahlte Jobs

Und nicht nur in den Kindergangs, überall in der kriminellen Szene Neapels nimmt die Zahl der Minderjährigen zu. Das liegt zum einen am stetigen Wachstum des Drogengeschäfts seit den Achtzigerjahren. Kinder werden gern als Drogenkuriere eingesetzt. Sie sind unauffällig und, sollten sie geschnappt werden, nicht strafmündig. Wurden 1984 bei Drogendelikten 578 Minderjährige ertappt, gab es 1990 schon rund 2000 Fälle und im vorigen Jahr über 5000 - und das sind nur die, die erwischt wurden.

Der Einsatzbereich ist längst über den Kurierdienst hinausgewachsen: Heute gibt es Achtjährige, die Kokain verpacken, 13-Jährige, die nachts dealen oder Waffen transportieren. Für die Kinder der Camorra-Familien ist das Alltag. Andere befinden sich im permanenten Überlebenskampf, die Väter sind arbeitslos oder im Gefängnis, die Mütter nicht selten Prostituierte. Schon mit zwölf Jahren hängt der Nachwuchs an Drogen.

Nur, wieso melden sich auch andere Jugendliche in großer Zahl bei den Gangstern und offerieren ihre Dienste? Jene, die einen Schulabschluss haben, die eine Lehrstelle finden könnten. Warum geht Neapels Jugend aus den Armenvierteln bei der Suche nach einem Job statt zum Arbeitsamt lieber zur Mafia? Ganz einfach: weil die Mafia Jobs hat, gut bezahlte obendrein.

Kokainverkäufer gesucht: Bis zu 2000 Euro pro Woche

Das ist überall in den Problemzonen Süditaliens so, in den Brennpunkten von Sizilien, Kalabrien und Apulien. Aber nirgendwo in Italien sei die Kriminalität so verbreitet wie in den Gettos von Neapel, heißt es. Eine präzise Statistik gibt es dafür nicht. Und das gilt nicht nur für die tristen Betonplatten-Landschaften weit draußen, wo Touristen nie hinkommen, weil es schon von Weitem nach Armut und Verbrechen riecht. Sondern auch für die "bunte Gegend", wie Reiseführer Sanità nennen, mitten im alten Zentrum, seit 1995 Weltkulturerbe, mit der Basilika San Gennaro und denkmalgeschützten, aber verfallenden Barockpalästen.

Im Sanità-Viertel leben etwa 70.000 Menschen auf engstem Raum, viele Familien in dunklen Einraumwohnungen. Es gibt für alle Kinder eine Grundschule mit überfüllten Klassen, keine weiterführende Bildungseinrichtung, keine Kinderkrippe, kein Kino, keinen Sportplatz. Es gibt nur die Straße. Der Staat hat sich verabschiedet, lässt die Menschen allein.

Die meisten Erwachsenen und etwa drei Viertel der Jugendlichen dort haben keine Arbeit. Wer die Schule verlässt, sucht vielleicht sogar eine der raren Lehrstellen. Die meisten finden keine. Es gibt für sie, mit ihrer marginalen Schul- und keinerlei sonstiger Ausbildung, dafür oft mit problematischem Sozialverhalten, auch kaum Hoffnung auf Arbeit in anderen Bezirken oder anderen Städten. Nur die Camorra bietet ihnen Jobs, gut bezahlte dazu. Beim Verkauf von Kokain und Heroin auf der Straße kann man bis zu 2000 Euro pro Woche verdienen. Wer bereit ist zu schießen, noch mehr. Schon das Schmiere stehen an der Ecke bringt 200 Euro die Woche. Das lässt oft sogar jene schwach werden, die eine Chance auf Alternativen hätten.

So beginnt der fatale Weg der nächsten Generation: Die einen landen irgendwann im Gefängnis, die anderen womöglich auf dem Friedhof. 45 minderjährige Clan-Mitglieder wurden in den letzten 5 Jahren umgebracht.

Pizza als Weltkulturerbe

Mit staatlicher Repression allein lässt sich daran nichts ändern. Das wissen alle, ob Polizei, Justiz oder Kirche. Das wissen auch die Menschen dort: "Schickt uns Lehrer statt Soldaten" skandierten sie bei einer Protestdemonstration. Die Justiz nimmt den Mafia-Familien zunehmend die Kinder weg. Aber werden sie im Heim bessere Menschen? Ist dieses Neapel überhaupt zu retten? Und wie? Mit den Projekten der Kirchenmänner, Publizisten, Unternehmer und Studenten, die ein anderes Neapel für möglich halten?

Ja, da ist sich zumindest Vincenzo Porzio, der Sprecher der Katakomben-Säuberer, ganz sicher. Er sieht auch schon "einen Wechsel zum Positiven". Nun gut, es gibt nicht nur in Neapels Unterwelt sondern auch in der Oberstadt immer mehr kleine Vereine oder Kooperativen, die aufräumen, hässliche Hausfassaden mit Kunst aufhübschen, soziale Dienste anbieten. Aber kann das wirklich zur kritischen Masse gegen das "Krebsgeschwür" Camorra werden? Es sei an der Zeit, so Vincenzo Porzio, "nicht mehr über die Camorra zu reden, sondern über die Schönheit, die das Böse heilt". Ob das hilft?

Derzeit steht ohnehin ein anderes Projekt im Fokus. Es heißt: "#PizzaUnesco" und soll das kunstvolle Produkt der neapolitanischen Pizzaioli in den Rang eines Weltkulturerbes erheben. Zwei Millionen Unterschriften stehen dafür. Im Dezember soll das Prüfungskomitee der Unesco darüber entscheiden.

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