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Leben und Lernen

Junge Menschen in Schlafzimmern

"Mein Zimmer ist wie mein geheimer Garten"

Sie gelten als faul und zu anspruchsvoll: Menschen der Generation Y haben einen schlechten Ruf, sagt der Fotograf Jacopo Paglione. Er will zeigen, was sie wirklich bewegt - und besucht sie an einem intimen Ort.

Jacopo Paglione
Von
Mittwoch, 02.01.2019   20:36 Uhr

Er ist der Ruhepol in diesem Bild: Entspannt und mit nacktem Oberkörper liegt der 20-jährige Justin auf dem Bett seines Schlafzimmers. Um ihn herum ist Chaos: Klamotten stapeln sich in dem Raum, eine Kommode fällt fast auseinander, Wein- und Limonadeflaschen stehen herum, die Wände sind kahl.

"Ich habe Angst vor der Zukunft, weil man nie weiß, wo man landet und was einen erwartet", sagt der junge Mann aus New York City, der als Künstler arbeitet - und ein Millennial ist. Millennials oder Generation Y, damit sind Menschen gemeint, die zwischen 1980 und 2000 geboren sind. Der Fotograf Jacopo Paglione, selbst 28, ist so ein Millenial. In seiner Fotoserie "Bedroom Tales" setzt er sich mit seiner Generation auseinander: Wer sind diese Männer und Frauen, wonach sehnen sie sich?

Um Antworten zu finden, besuchte Paglione Menschen an einem intimen Ort: in ihrem Schlafzimmer. Dort, wo sie womöglich am ehesten sie selbst sind. "Es gibt einige Missverständnisse über die Millennials", sagt Paglione. "Viele sagen, sie seien faul und hätten zu viele Ansprüche." Er selbst findet, dass die Generation mit vielen Erwartungen konfrontiert sei - beispielsweise den hohen Lebensstandard, in den sie hineingeboren wurden, noch weiter zu steigern. Er selbst spüre auch immer wieder gesellschaftlichen Druck.

Die Fotografierten waren für Paglione zunächst Fremde. Er fand sie über soziale Netzwerke und fragte sie, ob sie bei seinem Projekt mitmachen möchten. Die meisten lehnten ab - sie wollten nicht von einem Unbekannten in ihrem Schlafzimmer abgelichtet werden.

Die, die zustimmten, besuchte Paglione - in ihrem Zuhause in New York, Madrid, Paris oder Mailand. Sie zeigten ihm persönliche Dinge: Bücher in ihren Regalen, Zeichnungen an den Wänden. Sie verrieten dem Fotografen, was sie an ihrem Zimmer am meisten schätzen, die hohen Decken oder die Einrichtung zum Beispiel.

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Schauspieler, Studenten und Informatiker: Junge Menschen in ihrem Schlafzimmer

Paglione fragte aber auch nach ihren Träumen und Ängsten. Madia aus Mailand will einfach nur glücklich sein. Einmal in einem Film mitzuspielen, ist der große Wunsch von Martin aus Barcelona. Die 25-jährige Charlotte aus Paris hofft, eines Tages an die Küste zu ziehen und in einem ökologischen Projekt zu arbeiten. Die zunehmende Umweltverschmutzung empfindet die New Yorkerin Nee Lima als Bedrohung.

Nach oder während der Gespräche fing Paglione an, Fotos zu machen. Einen genauen Plan hatte er vor den Shootings nie, er ließ sich von den Porträtierten und der Umgebung inspirieren. "Es ging gar nicht anders, denn ich wusste nie, wen ich treffe und wie die Situation vor Ort ist." In den Räumen veränderte er nichts: "Alles sollte so aussehen, wie es wirklich ist", sagt er.

Die meisten wohnen allerdings nicht für immer in ihren Zimmern, sie werden wohl irgendwann weiterziehen. Pagliones Fotos zeigen deshalb nur eine Momentaufnahme aus dem Leben der Männer und Frauen. "Ich schaffe eine Erinnerung für sie. Von dem, was sie einmal waren und was sie sich vom Leben erhofft haben."

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