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Leben und Lernen

Proteste in Polen

Tausende Ärzte verweigern Überstunden

Maximal 48 Stunden pro Woche, keine Stunde mehr: Polnische Ärzte wollen sich nicht länger zu Mehrarbeit zwingen lassen. Mehrere Kliniken sollen bereits lahmgelegt worden sein.

AP

Junge Ärzte protestieren am 14. Oktober 2017 in Warschau

Mittwoch, 03.01.2018   15:51 Uhr

Tausende polnische Ärzte haben aus Protest für bessere Arbeitsbedingungen die Extraarbeit verweigert und dadurch nach eigenen Angaben den Betrieb an mehreren Kliniken lahmgelegt. Es sind nicht die ersten Proteste. Im Oktober traten Dutzende Ärzte im ganzen Land in einen mehrwöchigen Hungerstreik. Sie kritisierten die miesen Arbeitsbedingungen für junge Ärzte. Vier polnische Ärzte sollen demnach im vergangenen Jahr an Erschöpfung gestorben sein, andere Assistenzärzte könnten nicht von ihrem Gehalt leben, so der Vorwurf.

Die Arbeitssituation von Ärzten in Polen ist auch deshalb so schwierig, weil sie bei Arbeitsantritt häufig eine sogenannte Opt-out-Klausel unterschreiben müssen, die sie zu zusätzlicher Arbeit verpflichtet. Diese Klausel haben nun 5000 Ärzte im Land gekündigt, teilte die Vereinigung polnischer Assistenzärzte mit. Demnach wollen die Nachwuchsärzte nur noch maximal 48 Stunden pro Woche arbeiten.

Gesundheitsministerium wiegelt ab

In einigen Krankenhäusern wie in der südpolnischen Stadt Rzeszów gibt es laut der Vereinigung nun Einschränkungen bei Nacht- und Feiertagsdiensten. Das Warschauer Gesundheitsministerium bezifferte die Zahl der protestierenden Ärzte im Land dagegen auf 3500 und gab an, die Lage sei unter Kontrolle.

Nach Angaben des Ärzteverbandes stützt sich das seit Jahren unterfinanzierte Gesundheitswesen in Polen auf die langen Arbeitszeiten der Mediziner, die damit gegen das Arbeitsrecht verstoßen würden. Patienten hätten das Recht, von nicht übermüdeten Ärzten behandelt zu werden, fordern die Mediziner.

Auch als Reaktion auf die Proteste will die polnische Regierung die Gesundheitsausgaben bis 2025 schrittweise auf sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts anheben. Sie liegen derzeit bei 4,7 Prozent. Den Ärzten reicht das nicht: Sie fordern 6,8 Prozent innerhalb von drei Jahren. Außerdem ist in diesem Jahr zunächst eine Kürzung der Mittel vorgesehen, monieren sie. Es müsse sich sofort etwas ändern. Die Gesundheit der Polen, die auf viele OPs und Behandlungen oft monatelang warten müssten, dürfe nicht zurückgestellt werden.

koe/dpa

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