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Leben und Lernen

Teenager aus Europa

Was Schüler über 70 Jahre Kriegsende denken

70 Jahre, ist das eine lange Zeit? Wären Holocaust oder der Zweite Weltkrieg heute wieder möglich? Schüler aus ganz Europa kommen in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen zusammen - und sagen, wie sie über Krieg, Vertreibung und Genozid denken.

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Mittwoch, 06.05.2015   15:14 Uhr

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Noëlle Van Duivenbooden, 16, aus Almere, Niederlande

Mir bedeutet es sehr viel, dass der Zweite Weltkrieg seit 70 Jahren vorbei ist. Niemand will so etwas noch einmal erleben. Meine Urgroßmutter hat mir erzählt, wie viel Angst sie hatte, aber auch, dass sie mit ihrem Mann Juden geholfen hat, indem sie heimlich Essen verteilten. Die Kriege, die jetzt in der Welt stattfinden, braucht kein Mensch. Die Medien vermitteln aber immer nur eine Seite, deswegen weiß ich oft nicht, ob ich glauben kann, was berichtet wird.

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Max Kreja, 14, aus Rostock, Deutschland

Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es damals gewesen sein mag - mit der ständigen Angst und dem Hunger. Mein Opa war im Zweiten Weltkrieg Panzerfaustschütze, aber er erzählt davon nichts - nur dass er einmal eine Kugel durch den Arm geschossen bekommen hat. Warum haben sich so viele Menschen am Krieg beteiligt? Vielleicht weil sie Angst vor Hitler hatten? Ich bin froh, dass heute vieles diplomatisch geklärt werden kann und Konflikte nicht mehr durch Kriege gelöst werden müssen. Ich verstehe auch nicht, warum sich andere Völker bekriegen und warum sie Probleme nicht mit Worten lösen können.

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Laura Smits, 11, aus Den Bosch, Niederlande

Für mich ist es etwas ganz Besonderes, dass hier seit 70 Jahren Frieden herrscht. Der Zweite Weltkrieg ging vor allem von einer Person aus, das kann ich mir kaum vorstellen. Am schlimmsten ist, dass Menschen als andersartig und böse abgestempelt worden sind und dann dafür bestraft wurden. Vielleicht wird es noch einmal so einen Krieg geben - auch wenn die Menschen viel aus der Vergangenheit gelernt haben müssten.

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Germana Visciola, 13, aus Rom, Italien

Im Zweiten Weltkrieg sind so unfassbar viele Menschen gestorben. Unglaublich, dass es überhaupt Überlebende in den Konzentrationslagern gab und dass sie heute, nach 70 Jahren, immer noch am Leben sind. Ich glaube, ich hätte so eine Zeit nicht überstanden. Viele Menschen wurden von ihren Familien und Freunden getrennt, das allein schon ist für mich undenkbar. Mein Großvater hat uns von seinem Vater erzählt, der im Krieg kämpfen musste und erlebt hat, wie grausam Menschen sein können. Mein Urgroßvater war den ganzen Krieg über von seiner Familie getrennt und kam erst zurück, als alles vorbei war.

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Ian Gossens, 18, aus Antwerpen, Belgien

Wir haben in der Schule gelernt, was Hitler in den Konzentrationslagern mit dem Gas gemacht hat, dass er so viele Menschen umgebracht hat. Ich will nicht so viel über diese Zeiten nachdenken, das ist alles so schockierend. Ich finde es aber gut, dass es Gedenkstätten gibt, damit die Menschen immer daran erinnert werden, was passiert ist. In meiner Familie reden wir kaum über den Zweiten Weltkrieg, wir sprechen eher über den Krieg in Bosnien, den meine Familie miterlebt hat und in dem auch viele Menschen gestorben sind. Wenn es wieder einen Weltkrieg geben wird, dann wird der viel schlimmer werden, weil es jetzt noch schrecklichere Waffen gibt.

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Léopoldine Pinte, 14, aus Brüssel, Belgien

70 Jahre sind keine lange Zeit, für mich ist das Kriegsende noch nicht lange her. Am schlimmsten finde ich, dass die Menschen gefoltert wurden. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das Leben damals war. Aber es muss schrecklich gewesen sein, die Härte des Alltags, die Stimmung, die über dem Land lag. Mein Großvater hat den Krieg in Frankreich miterlebt, aber wir reden nicht darüber. Er hat zu viele schlechte Erinnerungen an die Zeit. Einen Krieg mit diesem Ausmaß kann es nicht wieder in Europa geben, die Waffen sind viel zu gefährlich geworden, sie können den ganzen Planeten zerstören.

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Sascha Ducceschi, 18, aus Zürich, Schweiz

Wir haben Verwandte, die den Krieg in Deutschland als Kinder miterlebt haben. Für unsere Generation ist das unvorstellbar. Wir können nicht verstehen, wie Hitler ein ganzes Volk dazu gebracht hat, Juden zu hassen. Ich befürchte, dass es wieder einen Weltkrieg geben wird. Nicht in der Generation meiner Eltern und Großeltern, aber in meiner oder in der nächsten Generation schon - in einer Generation, die den Krieg nicht miterlebt hat. 70 Jahre Kriegsende finde ich ziemlich viel. Aber weil wir den Krieg so oft in der Schule behandelt haben, ist er für mich immer noch sehr präsent.

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Annina Ducceschi, 18, aus Zürich, Schweiz

Ich schreibe meine Abschlussarbeit am Gymnasium über Anekdoten und überlieferte Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg. Wir haben so etwas nie miterlebt, deswegen finde ich es wichtig, weiterzutragen, was damals passiert ist, wie die Menschen mit dem Krieg und der ewigen Flucht umgegangen sind und woher sie die Kraft genommen haben, das alles durchzustehen. Sie mussten immer flüchten, vor den Russen zum Beispiel. Und das nicht mit dem Zug oder dem Auto, sondern Hunderte Kilometer zu Fuß. In 70 Jahren haben sich die Zeiten sehr verändert, der Unterschied, wie meine Großeltern gelebt haben und wie wir jetzt leben, ist groß. Wir haben es jetzt wirklich gut.

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Lisa Dénoyer, 16, Paris, Frankreich

Krieg ist nie zu Ende. Auch wenn es hier gerade keinen Krieg gibt, dann findet einer in Afrika statt. Als der Anschlag auf Charlie Hebdo geschehen ist, in der Nähe unserer Schule, war jeder sehr beunruhigt - aber ich hatte keine Angst, dass wieder ein Krieg ausbricht. Dafür ist die Diplomatie zu gut. Das Schlimmste am Zweiten Weltkrieg war der Genozid. Wir haben das vergangenen Monat in der Schule behandelt. Jeder ist damals verrückt geworden und hat die Kontrolle über sein Leben verloren.


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