Schrift:
Ansicht Home:
Leben und Lernen

Rechtschreibung

Macht die Reform die Schüler schlecht?

Schüler in Deutschland haben ihre liebe Not mit der Rechtschreibung. Nun streiten sich Experten, ob der wichtigste Grund die Reform der Schreibregeln ist.

AP

Schüler und Rechtschreibung (Symbolfoto)

Dienstag, 09.08.2016   16:12 Uhr

Zwanzig Jahre ist die jüngste Rechtschreibreform der deutschen Sprache her, und noch immer ist sie umstritten. Daran haben auch die verschiedenen Überarbeitungen in den Jahren 2004, 2006 und 2011 nichts ändern können.

Pünktlich zum Jubiläum sorgt der Saarbrücker Bildungsforscher Uwe Grund für neuen Gesprächsstoff. Rund die Hälfte aller Schüler der 9. Klasse verfüge bundesweit über "nicht ausreichende" Rechtschreibkenntnisse, sagt er. Außerdem habe die Zahl der Fehler in Vergleichsdiktaten der Jahrgänge 5 bis 7 seit den Siebzigerjahren zugenommen - besonders stark in der Folgezeit der Reform.

Grund hat in seinem neuen Buch zahlreiche Studien zur Rechtschreibreform ausgewertet. Demnach entfallen 75 Prozent der gemachten Fehler auf die drei wichtigsten Bereiche, die mit der Rechtschreibreform verbessert werden sollten: Getrennt- und Zusammenschreibung, Groß- und Kleinschreibung sowie die s-Schreibung. Die Rechtschreibreform sei "ein Flop", resümiert Grund daher.

Gerade beim "Herzstück der Reform" - den Änderungen bei der Verwendung von "ß" und "ss" - hätten sich die Erwartungen "offensichtlich nicht erfüllt", sagt Grund. Bei der Unterscheidung der Wörter "das" und "dass" hätten "die Schüler, und nicht nur sie, mehr Probleme als früher".

Zu viel Reform, zu wenig intensives Lesen

Viele Deutschlehrer würden Uwe Grund wohl bei dem Befund zustimmen, dass die Rechtschreibleistungen nachlassen - aber die Gründe woanders sehen. Heinz-Peter Meidinger etwa, der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands, hält die Reform nicht für die Hauptursache.

Er beklagt, "dass wir es insbesondere bei den meisten Jungen mittlerweile mit einer Generation von Jugendlichen zu tun haben, die kaum mehr liest". Ohne intensives Lesen erwerbe man aber auch keine ausreichende Rechtschreibkompetenz, sagt Meidinger im Gespräch mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Bildungspolitikern wirft er vor, den Rechtschreibunterricht in den Lehrplänen seit den Neunzigerjahren systematisch zu vernachlässigen. Rechtschreibung gelte als Bildungsbarriere. Und deshalb führe sie in manchen Bundesländern insbesondere in der Mittelstufe ein Randdasein, um Schüler nicht von den Lerninhalten abzuschrecken.

"Ich halte es für einen schweren Fehler, dass es Bundesländer gibt, in denen zumindest in bestimmten Jahrgangsstufen keine benoteten Rechtschreibdiktate mehr geschrieben werden dürfen", kritisierte Meidinger. In keinem anderen europäischen Land werde dem muttersprachlichen Unterricht in den Stundentafeln so wenig Platz eingeräumt.

An vielen Schulen wurde auch jahrelang das Konzept "Lesen durch Schreiben" zur Rechtschreibvermittlung angewandt, das inzwischen sehr kritisch gesehen wird: Viele Pädagogen machen es mit verantwortlich für verbreitete Rechtschreibschwierigkeiten. Auch solche Entwicklungen schlagen sich in den Rechtschreibleistungen nieder.

Testen Sie Ihr Wissen!

mamk/afp/dpa

insgesamt 199 Beiträge
mborevi 09.08.2016
1. Jeder Skilehrer weiß, ...
... einmal falsch gelernt ist schwer wieder herauszukriegen. Trotzdem sollen die Schüler erst mal schreiben, wie sie denken bzw. sprechen. Wir mussten früher perfekt schreiben können nach der 3. Klasse Grundschule, denn nach [...]
... einmal falsch gelernt ist schwer wieder herauszukriegen. Trotzdem sollen die Schüler erst mal schreiben, wie sie denken bzw. sprechen. Wir mussten früher perfekt schreiben können nach der 3. Klasse Grundschule, denn nach der 4. stand die Aufnahmeprüfung in die höhere Schule mit einem langen Aufsatz an. Das war 1951. Es ging damals prima. Mit 68 Kindern beiderlei Geschlechts in der Klasse (Bayern). Kein einziges Kind mit Leserechtschreibschwäche. Methode: Kreis mit umgekehrtem Spazierstock = aaaa, usw. :). Gut war's!
pauleschnueter 09.08.2016
2. Modern ist nicht immer besser
Es ist nicht die Reform. Es ist nicht die Rechtschreibung. Es ist die Herangehensweise. Rechtschreibung erlernt man am Besten durch stures Auswendiglernen. Das kann bei Kindern spielerisch erfolgen und sogar Spaß machen. Wer [...]
Es ist nicht die Reform. Es ist nicht die Rechtschreibung. Es ist die Herangehensweise. Rechtschreibung erlernt man am Besten durch stures Auswendiglernen. Das kann bei Kindern spielerisch erfolgen und sogar Spaß machen. Wer aber anfängt, die Worte nach Regeln und mit Logk zu zerlegen um sie dann hinzuschreiben, der scheitert. Rechtschreibung erlernt man in mehreren Jahren handschriftlichen Schreibens. Wenn man was tipselt, dann sieht man Fehler einfach nicht; am Monitor. Wenn man es schreibt, dann "spürt" man was ein Wort braucht, wo die Kommas hin müssen etc.
hemithea 09.08.2016
3. Nur meine Beobachtung
Ich kann das nur aus meinen Beobachtungen schreiben. Tatsächlich werden - gefühlt - die Rechtschreibkenntnisse schlechter. Die Schüler schreiben immer langsamer und sich immer unsicherer beim Schreiben. Es werden teilweise [...]
Ich kann das nur aus meinen Beobachtungen schreiben. Tatsächlich werden - gefühlt - die Rechtschreibkenntnisse schlechter. Die Schüler schreiben immer langsamer und sich immer unsicherer beim Schreiben. Es werden teilweise Fragen gestellt, die mich zum Nachdenken zwingen, da wir auf Arbeit ausschließlich mit Kindern ab der 5. Klasse zu tun haben. Diese
Flam 09.08.2016
4. Amtsanmaßung......
Es gibt Dinge, in denen Staatsdiener dem Souverän (dem Volk) mangels Kompetenz nicht reinreden sollten. Dazu gehört auch der kulturell wichtige Bereich der Sprache und ihrer eigentlich natürlichen Entwicklung. Kulturelle [...]
Es gibt Dinge, in denen Staatsdiener dem Souverän (dem Volk) mangels Kompetenz nicht reinreden sollten. Dazu gehört auch der kulturell wichtige Bereich der Sprache und ihrer eigentlich natürlichen Entwicklung. Kulturelle Identität lässt sich eben nicht diktieren. Uns ist nicht mit einer "Vereinfachung" geholfen, wenn diese zu Lasten der inhaltlichen Differenzierung geht. So zum Beispiel durch die "neuen" Regeln zur Getrenntschreibung.
marthaimschnee 09.08.2016
5.
Diese Reform hatte nur einen einzigen Punkt, der überhaupt eine Verbesserung gebracht hat, nämlich eben die 3 Konsonanten bei zusammengesetzten Wörtern, die man nun wirklich nur zusammensetzen zu braucht. Alles übrige ist [...]
Diese Reform hatte nur einen einzigen Punkt, der überhaupt eine Verbesserung gebracht hat, nämlich eben die 3 Konsonanten bei zusammengesetzten Wörtern, die man nun wirklich nur zusammensetzen zu braucht. Alles übrige ist totaler Müll, ob nun 'daß' oder 'dass' ist ja nun absolut nebensächlich. Eigentlich hätte man dieses Konstrukt komplett abschaffen können, denn die Schreibweise erschließt sich aus dem Kontext (sonst könnte man es ja überhaupt nicht richtig machen). Es ist also pauschal schon überflüssig. Und der ganze Rest? Delphin oder Delfin ... ähhhh ... keine Ahnung, früher war nur eines richtig, heute vielleicht mehr. Ist aber auch egal. Ebenso wurde bei der Kommasetzung nichts vereinfacht. Daß (da war's wieder) man heute keine setzt, wo man früher welche gesetzt hat und umgekehrt, macht es anders, aber nicht besser. Offensichtlich ist es an einigen Stellen immer noch nicht. Deutsche Sprache bleibt schwere Sprache .. unnötig schwer!
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP